Subkultur

Wirt vom Café Atlantik: "Weiß nicht, wie lange die Reserven noch reichen"

Gina Kutkat

Gaststätten und Kneipen haben wieder geöffnet. Das heißt jedoch nicht, dass die prekäre Lage vorbei ist. Ivor Thiel, Betreiber des Café Atlantik, über finanzielle Sorgen und die Hoffnung, dass es weitergeht.

Man könnte meinen, es sei alles wieder in Ordnung: Bei gutem Wetter sind die Terrassen und Außenbereiche der Cafés und Restaurants in Freiburg besetzt, die Wirte dürfen auch drinnen wieder bedienen und das mit der Registrierung der Gäste ist zwar aufwändig, aber machbar. Alles im Butter also? Mitnichten. Rund vier Wochen nach Wiedereröffnung der Gasträume sagt Ivor Thiel, Betreiber des Café Atlantik: "Die Krise ist noch längst nicht überstanden."

"Wir haben jetzt alle Reserven aufgebraucht." Ivor Thiel, Café Atlantik
Thiel ist so etwas wie ein Urgestein unter den Freiburger Kneipenwirten, weshalb seine Worte noch etwas mehr Gewicht haben dürften. Seit 1996 ist er Eigentümer des Café Atlantik, bei dem er 1986 als Küchenhilfe anheuerte, dann zur Thekenkraft aufstieg und schließlich Geschäftsführer wurde. Doch 30 Jahre Gastronomie-Erfahrung schützen nicht vor einer Corona-Pandemie und ihren wirtschaftlichen Folgen. "Wir haben jetzt alle Reserven aufgebraucht", sagt Thiel. Der verlorene Umsatz kann nicht länger kompensiert werden. Neun Festangestellte gehören zu seinem Team, dazu ein paar Mini-Jobber. Er hat für sie Kurzarbeit beantragt und konnte einige Mitarbeiter als Aushilfskräfte zu einer Winzergenossenschaft schicken.

Die Gäste sind vorsichtig

Außerdem wurden die Beiträge für Finanzamt und Genossenschaft gestundet, Darlehen eingestellt und die Corona-Auszeit für Streichaktionen im Inneren der Kneipe genutzt. Nun hat das Atlantik wieder geöffnet, es wirft aber längst nicht genug ab, um alle Kosten zu decken. "Bei schönem Wetter ist die Terrasse draußen voll, aber wir machen trotzdem nur 30 bis 40 Prozent Umsatz." Die Gäste, sagt Thiel, sind vorsichtig und meiden den Gastraum. Obwohl er die Tische in adäquater Entfernung zueinander aufgestellt hat.

Musik, Essen, Fußball: Das Café Atlantik am Schwabentorring ist seit Jahren Anlaufstelle für Menschen, die andere Menschen treffen wollen. Um eine gute Zeit zu haben, in einem bodenständigen Umfeld. Legendär sind die Punkkonzerte im Sommer, bei denen der Schweiß von der Decke tropft. "Wenn ich jetzt daran denke, wie letzten August alle gemeckert haben", erinnert sich Matthias Cromm, der im Atlantik Konzerte organisiert. "Das war doch geil."

Sorgen um den Laden und um die Gäste

Tradition ist auch die samstägliche Übertragung der SC-Spiele, wo dicht an dicht über Fußball und Gott und die Welt philosophiert wird. Und die Spaghetti-Bolo-Abende mit der ganzen WG. Ein proppevolles Café Atlantik ist momentan noch undenkbar: Zum ersten Mal bekommt man jetzt am Wochenende problemlos einen Platz, zu Zeiten, wo das früher unmöglich war. "Bei SC-Spielen dürfen wir zur Zeit unter Berücksichtigung der Auflagen 50 Leute reinlassen", sagt Ivor Thiel. Das ist dann "Vollbesetzung" in einer von Freiburgs beliebtester Fußballkneipen.

Die geringe Auslastung ist das große Problem – für das Atlantik und für die Gastro allgemein. Zwar habe er Soforthilfe vom Staat bekommen, aber die Lage bleibt prekär: Zehn Prozent Umsatz in den ersten Corona-Wochen, laufende Miet- und Personalkosten, verhaltener Andrang. Sorgen macht sich Thiel nicht nur um seinen Laden, sondern auch um seine Gäste. "Viele unserer Stammkunden kommen aus dem Musik- und (Sub)-Kulturbereich und stehen in den nächsten Monaten ohne Einnahmen da", so Thiel. Die Solidaritätsaktion "Zahl zwei – Iss eins" will er unbedingt über den ganzen Sommer weiterlaufen lassen, allerdings habe die anfängliche Spendenbereitschaft nachgelassen. "Die Lage hat sich nicht entspannt, nur weil der H&M wieder offen hat", so Thiel. "Wir sind weiterhin dringend auf Spenden angewiesen."
Zahl zwei – Iss eins

Spenden dringend gebraucht: Seit ein paar Tagen sind die Spendentöpfe leer und die Umsonst-Essen gehen auf Kosten des Atlantik. Wer bei der Aktion "Zahl zwei – Iss eins" mitmachen möchte, kann entweder direkt beim Café Atlantik einfach seine Portion doppelt zahlen oder über Paypal spenden: info@cafe-atlantik.de.

Insgesamt 5000 Euro seien bisher schon zusammengekommen, davon konnte er schätzungsweise 2000 Essen an Menschen rausgeben, die darauf angewiesen sind. Doch jetzt ist der Topf leer, seit ein paar Tagen geht alles auf Kosten des Atlantik. Das Prinzip der Aktion: Jeder, der etwas zu Essen kauft, kann anonym für jemanden mitbezahlen, auch ein PayPal-Konto wurde eingerichtet. Wer eine Umsonst-Mahlzeit braucht, kann einfach danach fragen, ohne sich erklären zu müssen. "Es haben sich rührende Szenen bei uns abgespielt", erinnert sich Thiel. Menschen, die sowieso wenig besitzen, hätten etwas gespendet, weil Anfang des Monats wieder etwas Geld auf dem Konto war. "Wir haben solch eine Aktion zum ersten Mal gemacht, aber wir haben ein cooles Publikum." Es klingt ein bisschen Stolz mit, wenn er über seine Gäste spricht.

"Die Lage hat sich nicht entspannt, nur weil der H&M wieder offen hat." Ivor Thiel
Neben der Gastronomie spielt auch Musik eine wichtige Rolle im Café Atlantik. Normalerweise finden monatlich drei bis vier Shows im Atlantik statt, für Fans von Rock, Hardcore, Grunge, Postpunk oder Soul. Das Konzert von "Bleib modern" war das erste, das auf den Herbst verschoben wurde, einen Ersatz für den Gig von "EA 80" gibt es dafür noch nicht. Aktuell hoffen Matthias Cromm und Ivor Thiel darauf, dass es im Herbst weitergeht. Mit Abstand? Mit weniger Menschen? Für die beiden schwer vorstellbar. "Es ist gerade sehr anstrengend und arbeitsintensiv, Shows zu planen, wenn man noch gar nicht weiß, wie es weitergeht", sagt Cromm. Über die Atlantik-Homepage kann man Tickets für für The Meteors im Oktober kaufen – und bald auch Blindtickets.

Damit, sowie mit einem T-Shirt-Sale und einem eigens fürs Atlantik gebrauten Bier versuchen die beiden, den Laden über die nächsten Monate zu retten. Außerdem wollen sie ein Zeichen für die Freiburger Subkultur setzen: Mit einer Kulturbühne für Film, Konzerte und Slam, die im Juli starten soll. Auch mit dem Streaming-Projekt "United We Stream Upper Rhine" ist eine Kollaboration geplant. Die Krise einfach aussitzen, das passt nicht zum Spirit des Café Atlantik. "Uns gibt es schon so lange. Ich habe die Hoffnung, dass wir es schaffen", sagt Ivor Thiel. Vielleicht, weil bald ein Impfstoff kommt oder Veranstaltungen mit vielen Menschen wieder stattfinden können.
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