Ein Besuch in Freiburgs verrücktestem Warenlager

Alexander Ochs

Jukeboxen, Flipperautomaten, einarmige Banditen und Neonreklamen: Der Keller von Christian Kuhner ist ein Paradies für Fans nostalgischer Maschinen. Ein Besuch im Freiburger Blackforest Warehouse auf der Haid:



Die Szene ist schon sehr skurril: Wer im Gewerbegebiet Haid den Weg zum „Blackforest Warehouse“ sucht, der muss erst einmal in der Autovermietung Kuhner vorstellig werden. Dann geleitet der Chef höchstpersönlich den Interessenten eine Etage tiefer, in den Keller.

Wenn Christian Kuhner hier das Licht anknipst, erstrahlen im Dämmerlicht der Kellerräume: Jukeboxen aus den 1920er bis 80er Jahren, ein halbes Dutzend Flipperautomaten, eine Reihe einarmiger Banditen, eine Tanksäule, alte Neonreklamen und noch viel mehr kultige Nostalgieprodukte – von der Bowlingbahn bis zum Schweißgerät aus den 60ern oder einem Zündkerzentester aus den 40er Jahren. Kaputte Knöpfe, vergilbte Namensschild5chen, Münzschlitze für Dollar- und D-Mark-Münzen – viele Details künden von einer längst vergangenen Ära.

„Woooow“, entfährt es da dem einen oder anderen Besucher. Pure Magie. Die Maschinen erwachen aus einem scheinbar ewigen Winterschlaf zum Leben, blinken und strahlen um die Wette, die einen in gedämpften Tönen, andere in schrillen Neonfarben. In einigen Modellen steigen Blubberblasen im Rahmen auf. Eine feierliche Synthie-Fanfare ertönt: eine sogenannte „Werbemelodie“, wie Kuhner sagt. Sie sollte die Leute daran erinnern, dass da – im Gastraum einer Kneipe oder wo auch immer – ein Flipper steht, der bitteschön auch bespielt werden will.


Rock-Ola, Wurlitzer, Seeburg, Ami, NSM – allein der Herstellername zaubert dem Kenner das Knistern von Schellack- oder Vinyl-Schallplatten ins Ohr und das Jukebox-Leuchten in die Augen. Wer den Weg ins Blackforest Warehouse einschlägt, taucht in eine komplett andere Welt ein. Die rund hundert Maschinen und weitere skurrile Originale bilden auf einer Fläche von 200 Quadratmeter eine ganz eigene Archäologie der Moderne. Welches Kind weiß heute schon mit einer Jukebox etwas anzufangen? Ab und an, erzählt Christian Kuhner, kommt tatsächlich ein Opa mit Enkelkind hereingeschlappt.

Angefangen hat alles in Kuhners Kindheit. Der kleine Christian, Baujahr 1980, hat die Maschinen nicht mehr bewusst öffentlich in Aktion erlebt, aber er hat das Musikbox-Gen vom Elternhaus mitbekommen. Sie hatten bereits zwei Jukeboxen, und als der Junior vor knapp zehn Jahren in seine erste Wohnung einzog, schenkte ihm seine Mutter eine Rock-Ola 469. Zwei Jahre später folgte die erste eigene unrestaurierte Fifties-Jukebox, eine Wurlitzer 2510.



Da diese nicht lief, wandte sich Kuhner an einen Servicetechniker. Nachdem er diesem eine Weile auf die Finger geschaut hatte, sagte er: „Lass mich mal ran.“ Learning by watching and doing. Seitdem legt er selbst Hand an die bunten Kästen an. „80 Prozent der Restauration besteht aus Reinigen, denn die Dinger sind vom Nikotin verklebt, es ist Alkohol in die Maschine gelaufen, da hängt Graphitfett aus den 50er Jahren drin, hart wie Stein“, erläutert der Automaten-Autodidakt. Außerdem muss man alles auseinandernehmen und wieder zusammenbauen. Wie beim Oldtimer.

In jede seiner  Musikboxen steckt Kuhner 300 bis 400 Stunden Arbeit. Aus dieser „Hobbywerkstatt“, wie er es nennt, stammt der Grundstock seines Geschäfts. Vor zwei Jahren hat er seinen ersten Container mit Jukeboxen und nostalgischen Artikeln aus den USA geordert, bei einem Großhändler, der Kuhners Geschmack kennt. So sind auf einen Schlag mehr als 40 neue Maschinen hinzugekommen.

Man kann übrigens wochentags jederzeit spontan vorbeikommen. Wie zum Beweis klopft es plötzlich. Ein Paar mittleren Alters kommt  zur Tür herein. Binnen einer halben Stunde ist abgemacht, dass Kuhner eine  gefragte Rock-Ola Tempo 2-200 auf Kommissionsbasis verkauft und die beiden dafür eine NSM Satellite 200 mitnehmen. „Es bleibt nie bei einer“, weiß der 33-Jährige und zeigt auf seine Musikboxen. Der Einstieg in eine andere Welt.



Viele Kunden stammen aus Österreich, manche aus Deutschland und der Schweiz, aber auch nach Mallorca hat Kuhner schon geliefert. Den Vogel abgeschossen haben zwei junge Männer, noch nicht mal 30: Die beiden kamen irgendwo aus dem Baltikum, haben 2000 Kilometer im Auto zurückgelegt und sind im Anzug bei Kuhner vorgefahren, um einen Original Barber-Stuhl aus den 20er Jahren zu erwerben.

„Da war ich total baff.“ Selbst Fernwählboxen hat Kuhner  im Angebot, eine Vorstufe der Fernbedienung. „Der Amerikaner ist ja faul, der möchte nicht, wenn er einen Burger isst, ans andere Ende eines Diner laufen, um die Jukebox zu bedienen. Man konnte bei der Fernwählbox eine Münze einwerfen und am Platz durch die Songs blättern.“ Für den Fall, dass eine Musikbox mal „unbefüllt“, also ohne Schallplatten, reinkommt, hat der Firmenchef 5000 Vinylscheiben da, für die Erstbestückung.

Von der Rock-Ola Empress 200, mit 650er-Auflage ein echtes Sammlerstück, stehen allein fünf Exemplare in Freiburg, erzählt Kuhner. Schön erhaltene Geräte beginnen bei etwa 4000 Euro. „Eine Wurlitzer 1900 kostet in katastrophalem Zustand ab 5000 Euro. Die ist wirklich Schrott, da muss man alles machen. Aber das sind eben die gefragten Modelle.“ Bisweilen werden 65.000 Euro für eine herausragende Box hingeblättert. Was früher „Groschengrab“ genannt wurde, mausert sich  zur echten Wertanlage.

Jukebox

Eine Musik- oder Jukebox ist ein Automat, in den man Münzen einwirft und dann per Tasten Buchstaben und/oder Zahlen eingibt, damit er Musik abspielt. In den 1940er Jahren kamen noch Schellackplatten zum Einsatz, bevor wenige Jahre später die Single ihren Siegeszug antrat. Die in Deutschland stationierten US-Soldaten und der Rock’n’Roll verhalfen der Jukebox hierzulande zum Durchbruch. Meist fasst eine Jukebox 50 oder 100 Platten, ab den 1980er Jahren auch CDs.

Mehr dazu:


Fotogalerie: Alexander Ochs

Tipp: Wartet einen Augenblick, bis die Galerie komplett geladen ist. Ihr könnt euch dann ganz bequem jeweils das nächste Foto anzeigen lassen, indem ihr auf eurer Tastatur die Taste "N" (für "next") drückt.