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Caroline Günther, Betreiberin des Jos-Fritz-Cafés: Wie geht’s und wie geht’s jetzt weiter?

Gina Kutkat

Wie verbringen die Menschen in Freiburg die Krise? Was macht es mit ihnen und wie lenken sie sich ab? fudder fragt bei Studierenden, Sportlern und Gastromenschen nach. Folge 7: Caroline Günther vom Jos-Fritz-Café.

Caroline Günther, 38, betreibt zusammen mit ihrer Geschäftspartnerin Ines Henne seit Januar 2019 das Jos-Fritz-Café. Davor arbeitete sie rund zehn Jahre dort. Carolin hat an der Uni Freiburg Germanistik, Linguistik und Gender Studies studiert, an zahlreichen Theaterprojekten mitgewirkt, an der Uni gearbeitet und 2013 ein Buch aus einem einzigen Satz geschrieben: "EinSatz." Sie hat eine 16-jährige Tochter.

Caroline, wie geht’s dir?

Ich bin eigentlich guter Dinge, mache mir aber perspektivisch Sorgen. Wir haben den Lockdown überstanden, aber der richtige Überlebenskampf für das Jos-Fritz-Café beginnt jetzt. Partyveranstaltungen fallen komplett weg und der Cafébetrieb läuft schleppend, weil die Leute verunsichert sind. Das kann ich nachvollziehen: Das Café ist eigentlich ein Ort der Begegnung, ich kenne die meisten Kundinnen und Kunden mit Vornamen und der persönliche Austausch wird bei uns hochgehalten.

Jetzt muss man bei uns drinnen Mundschutz tragen und meine Geschäftspartnerin Ines Henne und ich sind durch Plexiglas von den Menschen getrennt. Durch die Abstandsregel sehen wir gar nicht, ob zwei Menschen oder 20 in der Schlange stehen. Das macht schon viel aus und nimmt viel Zwischenmenschliches weg. Wir nehmen die Regeln aber sehr ernst. Ein zweiter Lockdown würde für uns das Ende bedeuten.

"Es herrschte und herrscht eine große Unsicherheit, wie es weitergeht und ob und wann es wieder normal wird."

Wie hast du die letzten Monate verbracht?

Das Jos-Fritz-Café hatte zwei Monate komplett zu. Ein To-Go-Betrieb kam für uns nicht in Betracht, da es sich für uns nicht gerechnet hätte. Und wir wollten sichergehen, dass die Leute zuhause bleiben und sich das Virus nicht weiter verbreitet. Für uns als Geschäftsführerinnen hatte der Lockdown dann tatsächlich einen positiven Effekt: Wir hatten zum ersten Mal frei, seit wir das Jos-Fritz im Januar 2019 übernommen haben. Da haben wir gemerkt: Wir waren komplett überarbeitet.

Die ganze Verantwortung, die Anspannung und die Arbeit an sich fielen plötzlich von uns ab. Das war für mich ein umfassender Einschnitt, doch das Gute war: Ich musste es einfach hinnehmen. Also habe ich sechs Wochen Kräfte getankt, habe viel gelesen. Ich habe auch viel Zeit im leeren Jos-Fitz verbracht, was ganz toll war: Ich habe reingespürt und reflektiert. Ein Prozess, der mich viel auf mich zurückgeworfen hat.

Wie bist du mit der Krise zurechtgekommen?

Mir hat die Auszeit sehr gut getan, auch die Isolierung hat mir nichts ausgemacht – ich kann gut mit mir alleine sein. Außerdem habe ich auf unser letztes Jahr geschaut und reflektiert, wie viel wir geschafft haben und auch verändert haben. Wir wollten den zwischenmenschlichen Umgang und auch Frauen*, LGBTIQs und BIPOCs einen Raum bieten, und das gelingt uns auch mehr und mehr.

Doch die Sorgen um die Zukunft des Cafés haben mich belastet. Es herrschte und herrscht eine große Unsicherheit, wie es weitergeht und ob und wann es wieder normal wird. Ich habe auf die Existenzängste auch körperlich reagiert: ich stand eine zeitlang dauernd an der Kippe zu einer Panikattacke.

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Welche Auswirkungen hatte die Pandemie auf den Betrieb im Jos-Fritz-Café?

Wir haben seit dem 18. Mai wieder eingeschränkt geöffnet. Überall im Café und auf dem Hof hängen Plakate, die auf die Hygiene- und Abstandsregeln hinweisen. Im Innenraum hat sich die Zahl der Tische auf die Hälfte reduziert. Unsere Mitarbeitenden sind alle noch in Kurzarbeit, nur Ines und ich teilen uns die Schichten: Unter der Woche arbeiten wir von 10 bis 20 Uhr, samstags von 12 bis 18 Uhr. Wir haben den Betrieb auf unser Kernangebot Kaffee und Kuchen beschränkt. Finanziell sieht es nicht gut aus: Da wir erst ein Jahr Geschäftsführerinnen sind, haben wir keine großen Rücklagen bilden können.

Aktuell sind die Einnahmen so gering, dass wir eher Schadensbegrenzung betreiben. Die Leute kommen zögerlich oder bleiben ganz weg. Auch unser schöner Innenhof, der sonst ein Pluspunkt war, zieht gerade nicht: Weil viele andere Gastros jetzt auch Außenbestuhlung haben. Die 15.000-Euro-Soforthilfe im März waren super, aber nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Trotzdem bin ich positiv und hoffe, dass wir nicht nochmal schließen müssen.
fudder fragt nach

fudder möchte in dieser Serie junge Menschen aus Freiburg und der Region vorstellen und sie fragen, wie es ihnen in der Krise geht. Dabei möchte die Redaktion einen Querschnitt der Gesellschaft zeigen. Seit Mai stellen wir regelmäßig eine Folge von "Wie geht’s und wie geht’s jetzt weiter?" online.

Folge 1: Simon Danner vom EHC: WWie geht’s und wie geht’s jetzt weiter?
Folge 2: Studentin Julia Klar: Wie geht’s und wie geht’s jetzt weiter?
Folge 3: Sandra Gruhle, Head-Barista vom Café Marcel: Wie geht’s und wie geht’s jetzt weiter?
Folge 4: Friseurmeister und Barbier Remo Balda: Wie geht’s und wie geht’s jetzt weiter?
Folge 5: fudder-Redaktion: Wie geht’s und wie geht’s jetzt weiter?

Folge 6: Pensionsbetreiber Moritz Urmoneit: Wie geht’s und wie geht’s jetzt weiter?

Was hast du in der Zeit über dich selbst gelernt?

Dass ich das Bedürfnis habe, Dinge nicht mehr aufzuschieben. Alles kann so schnell vorbei sein, deswegen möchte ich Entscheidungen nicht mehr aussitzen. Das Zwischenmenschliche ist auch wieder mehr in den Fokus gerückt: Es ist so wichtig, sich gegenseitig zu unterstützen und auch, sich zu lieben. Ich habe mich viel gefragt, was das kontaktlose Leben mit unserer Gesellschaft macht und wie das zum Beispiel unsere Kinder verändert, die wochenlang keine anderen Kinder sehen durften. Oder wie es Menschen trifft, die nicht in einer konventionellen Zweierbeziehung leben.
Instagram: @josfritzcafe
Website: dasjos.de

Wie geht’s jetzt weiter?

Wir hangeln uns von Tag zu Tag und versuchen, dran zu bleiben und uns vor allem nicht zu verbiegen. Das Jos-Fritz gibt es seit 34 Jahren und war immer eine Art Freiraum, in dem jeder und jede verweilen kann. Das soll auch so bleiben. Der Sommer ist eigentlich die Jos-Fritz-Jahreszeit, mit schönen Veranstaltungen im Hof, umsonst und draußen. Die drei großen mussten alle ausfallen, dafür findet im August unsere Lesereihe "Unter Sternen" statt, da das jetzt wieder erlaubt ist.

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