Interview

Zwei Freiburger zeigen ihren schweißtreibenden Film "Jolly Rogers"

Stefan Mertlik

In Waldkirch haben Alexander Schröder und Marcus Hafner ein Stück Vietnam nachgebaut. Ihr Film "Jolly Rogers" feiert am 13. September Premiere im Harmonie Kino.

Zwei abgehalfterter Typen sitzen in einer Bar in Vietnam. Sie schwitzen, reden wirres Zeug. Der Film "Jolly Rogers" überträgt die Hitze vom Bildschirm ins Zimmer des Zuschauenden. Am Montag, den 13. September, läuft der Film von Alexander Schröder und Marcus Hafner im Harmonie Kino. Im Interview mit fudder verraten die Freiburger, was ihr Film mit "Warten auf Godot" zu tun hat und wie ein Stück Vietnam in Waldkirch entstehen konnte.


"Jolly Rogers" spielt in Vietnam. Ist der Film dort auch entstanden?

Alexander Schröder: Entstanden ist der Film in Waldkirch-Kollnau. Wir hatten das Glück, dass wir zweieinhalb Monate die Kulturkathedrale anmieten konnten. Dort haben wir sechs Wochen Kulissenbau betrieben und anschließend gedreht.

Ich nehme an, ihr wart aber schon einmal in Vietnam?

Marcus Hafner: Tatsächlich nicht, das ist eigentlich das Verrückte daran. Wir haben unsere Vision von Vietnam gebaut. Von Leuten, die dort waren, bekamen wir aber das Feedback, dass unsere Vorstellung ganz gut hinkommt.

Aus dem Trailer geht nicht hervor, in welcher Zeit der Film spielt. Bei einem Schauplatz wie Vietnam ist das kein unwichtiger Fakt.

Alex: Es kommen keine Smartphones vor. Man kann die Handlung also nicht konkret zeitlich einordnen. Tendenziell spielt der Film aber in der Jetztzeit.

"Das Bild muss leben, rau und körnig sein." Marcus Hafner

Die Hauptfiguren Samuel und Theo machen nicht den sympathischsten Eindruck, wenn sie in der Bar sitzen, schwitzen und wirres Zeug reden. Was ist ihre Geschichte?

Alex: Die Idee kam aus einer Stimmung heraus. Marcus und ich sind zum Studium nach Offenburg gefahren. Es war brechend heiß und das Auto hatte keine Klimaanlage. Dabei erzählte ich Marcus eine Anekdote von meiner Band "Casually Dressed". In Frankreich spielten wir einmal in einer Bar namens "Jolly Rogers". Da war es auch brechend heiß. Vor dem Konzert lagen wir nur lethargisch herum. Dabei lief psychedelische Musik. Marcus und ich dachten, es wäre spannend, zwei Leute in genau so einem Setting zu zeigen. Die zu fertig sind, um sich miteinander zu unterhalten. Ihr Gespräch kommt einfach nicht auf den Punkt, weil es zu warm ist.
Marcus: Wir sammelten immer mehr Ideen. Inspiriert durch den Lofi-Sampler "Saigon Rock & Soul: Vietnamese Classic Tracks 1968-1974", den wir auf den Autofahrten nach Offenburg gehört hatten, kam dann Vietnam dazu. Wir überlegten, aus welcher Perspektive wir den Film erzählen könnten. Dadurch stießen wir zunächst auf deutsche Backpacker. Daraus ergaben sich viele Fragen: Wer ist das? Warum sitzen die da? Was treiben sie dort? Diesen Fragen gingen wir auch mit unserer Freundin Lena Fakler nach, die als Drehbuchautorin arbeitet.

Im Beschreibungstext bezieht ihr euch auf Samuel Beckett und Quentin Tarantino. Wie wichtig waren die beiden für den Film?

Alex: Samuel Becketts "Warten auf Godot" war die Hauptinspiration, um von den losen Ideen zu einem konkreten Film zu kommen. Wir orientierten uns quasi an der Ensemblekonstellation, die in "Warten auf Godot" vorgestellt wird. Die Grundthematik ist ähnlich: Da sitzen zwei, die warten. Wir fanden es reizvoll, diesem Gedanken wie Beckett nachzugehen. Was ist, wenn nichts passiert? Was können wir daraus erzählerisch machen? Das mit Tarantino war nicht intendiert. Das wurde bei einem Testschauen an uns herangetragen.
Marcus: Generell sind wir aber Fans von dreckig-analogen Looks. Wir wollten das mit "Jolly Rogers" auf die Spitze treiben. Diese versifften, schwitzenden Charaktere in brütender Hitze wollten wir nicht in einem sauberen-digitalen Look zeigen. Das Bild muss leben, rau und körnig sein. Das muss man durch die Leinwand schon fast riechen können.
Zu den Personen:
Alexander Schröder (31) und Marcus Hafner (30) haben gemeinsam Mediengestaltung und -produktion an der Hochschule Offenburg studiert. Mittlerweile arbeitet Alex als Dozent an der Universität Freiburg und als selbstständiger Filmemacher. Marcus verdient sein Geld als angestellter Kameramann. Geboren und aufgewachsen sind beide in Freiburg.

Die ursprüngliche Version des Films entstand als Abschlussarbeit. Wieso habt ihr nach der Abgabe noch zwei Jahren daran weitergearbeitet?

Alex: In der Schnittfassung, in der der Film jetzt veröffentlicht wird, haben wir ihn 2019 als Bachelorarbeit abgegeben. Häufig zu unserem eigenen Leid stecken aber sehr antreibende Perfektionisten in uns. Wir waren in den Bereichen Sounddesign und Farbkorrektur noch nicht zufrieden. Für das Intro drehten wir zudem zusätzliche Szenen im Studio. Diese Detailarbeit schluckte noch einmal sehr viel Zeit.

Wollt ihr verraten, was für eine Note ihr bekommen habt?

Alex: Darum ging es uns bei dem Film eigentlich nie, aber wir haben eine glatte Eins bekommen.

Und wie geht es jetzt mit "Jolly Rogers" weiter?

Alex: Nach der Premiere werden wir eine Festival-Strategie entwickeln und dann schauen wir mal. Mit 48 Minuten haben wir einen mittellangen Film gedreht. Es gibt nicht viele Festivals, die eine Sparte dafür haben. Wir wollen auch versuchen, bei einem größeren Streaming-Dienst unterzukommen.

Werdet ihr bei der Premiere den Kinosaal aufheizen, damit die Zuschauenden fühlen, was auf der Leinwand passiert?

(beide lachen) Alex: Genau, die Klimaanlage wird ausgestellt.
Was: Filmpremiere "Jolly Rogers"
Wann: Montag, 13. September, 20.30 Uhr
Wo: Harmonie Kino, Freiburg
Eintritt: je nach Sitzplatz 6 bis 7 Euro