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Zwei Freiburger bieten Fitnesskurse umsonst und draußen an

Annika Vogelbacher

Wiese, Sonne, Handtuch: Das reicht für eine Sportsession draußen. Kim Erat und René Haberstroh bieten mit "Fit mit Kim" genau das an. Die beiden jungen Freiburger lieben es, Kurse auf der Sternwaldwiese zu geben.

Die letzten Sonnenstunden des Abends sind angebrochen und nach und nach treffen überwiegend junge Leute mit ihren Fahrrädern und Yogamatten auf den Gepäckträgern auf der Sternwaldwiese ein. Auf der Wiese picknicken vereinzelt Familien und am hinteren Wiesenende spielt ein Paar Federball. Die 20 Leute in Sportleroutfit finden sich im Schatten zusammen, plauschen und rollen ihre Matten mit Abstand zueinander auf der Wiese aus. Kurz vor 18 Uhr kommen Kim und René angerauscht, stellen eine Musikbox auf, rollen ihre Matten aus und starten die Fitness-Stunde mit einem breiten Grinsen.


"Wer ist denn heute zum ersten Mal bei uns?", fragt Kim und erklärt den fünf Neulingen: "Heute machen wir Athleticflow, eine Mischung aus HIIT, also High Intensity Intervall Training, und Yoga. Wir kombinieren dabei das Beste aus beiden Welten". Das bedeutet: Eine knappe Stunde lang immer erst 100 Sekunden den Puls nach oben treiben und dann dreieinhalb Minuten Entspannung mit Yoga-Übungen. "Wenn euch die Energie ausgeht, haben wir für Traubenzückerle gesorgt", erklärt René. "Und wenn ihr für unsere Energie sorgen wollt, könnt ihr nach der Stunde etwas in unser Kässle schmeißen. Und jetzt: Los es bruzzle!", ruft er und die Stunde beginnt.

Zum Schluss gibt es Yoga

Kim führt die Übungen immer erst vor, zeigt drei Schwierigkeitsstufen und die Truppe versucht im Takt der Musik beim HIIT mitzuhalten oder beim Yogaflow den Atem mit den Übungen zu vereinbaren. Gleichzeitig ruft René immer wieder Motivationssprüche auf Badisch aus – wie "it locker lo!" oder "jetzt gibsch nommol alles!". Nach etwa 50 Minuten sieht man rote, verschwitzte und glückliche Gesichter und Kim schließt die Stunde mit einer Yoga-Entspannungsübung ab.

"Wir haben noch was dabei", sagt Kim und breitet auf der Wiese Wasserflaschen mit Obst und Basilikum, Mais-Chips, selbstgemachte Tortilla-Wraps mit Gemüse und selbstgemachten Dips aus. Denn heute ist "let’s wrap it up!", einer der Special-Tage, bei dem Kim und René und wie sie verraten, ihre Familien mit viel Liebe selbstgemachte Leckereien oder Ideen umsetzen. "Renés Papa hat schon einmal Hefezopf für uns gebacken, seine Mama hat in Handtücher die Initialen von den Teilnehmern gestickt, mein Papa hat uns wochenlang sein Handy mit einem ordentlichen Batzen Datenvolumen geliehen und meine Mama kocht immer wieder Kaffee für unseren ’Burn and Brunch’, ich wüsste gar nicht, was wir ohne sie tun würden", erzählt Kim.

Auf Instagram gingen sie zuerst live

Angefangen haben Kim Erat und René Haberstroh mit "Fit mit Kim und’m Haberströhle" " am ersten Tag des Lockdowns, dem 19. März, mit einem Live-Workout über Instagram im Wohnzimmer ihrer Eltern. "Schon nach dem ersten Tag haben uns so viele Leute geschrieben und gefragt, ob wir morgen wieder mit einem Training live gehen, dass wir einfach weitergemacht haben", sagt Kim. Sie, 25, und René, 27, hatten zuvor noch nie miteinander Trainings durchgeführt. Er kommt sportlich aus dem Fußball und Triathlon, sie aus der Leichtathletik und ist ausgebildete Kursleiterin in einem Fitnessstudio. Durch die Schließung des Fitnessstudios und den Semesterferien bei René, der Mikrosystemtechnik studiert, hatten sie Zeit geschenkt bekommen.

Seit dem 19. März gingen sie jeden Abend um 18 Uhr mit einem Training live auf Instagram. "Das hat sich zu unserem Alltag entwickelt. Alle hatten endlich wieder einen festen Termin am Tag, eine Aufgabe. Auch wir", sagen sie. Kim hatte zuvor ihr Medienkulturforschungs-Studium abgeschlossen und konnte sich jetzt auch designtechnisch auf Instagram ausprobieren. "Das Gesamtkonzept macht so viel Spaß", sagt sie. "Eine Idee, die wir bald umsetzen wollen, sind Bonuskärtchen. Nach fünf Trainings gibt’s eine Belohnung bei unseren Lieblingslocals".

Nachdem Lockdown sind die beiden gleich raus

Da die beiden am liebsten draußen Sport machen, nutzten sie gleich die ersten Lockerungen und gingen am zwölften Mai mit Maßband für den Abstand auf die Sternwaldwiese und führten mit kleinen Gruppen die Workouts durch und zeichneten parallel live auf Instagram auf. "Am Anfang dachten wir, dass wir niemals sieben Leute auf die Wiese bekommen werden, aber bald mussten wir sogar absagen, um die erlaubte Personenanzahl nicht zu übersteigen", erzählen sie. "Als wir das erste Mal auf der Wiese mit den Leuten trainierten, wurden wir aus Dankbarkeit mit Geschenken überhäuft und die Leute wollten uns sogar Geld geben. Seitdem stellen wir immer ein Kässchen auf, so gibt jeder, was er will und kann. Uns geht es nicht um den finanziellen Profit, sondern um jede Schweißperle, jedes Lemon Face, jedes Glücksgefühl und jedes breite Grinsen, das wir vor, während und nach dem Training von unserer Community zurückbekommen", sagt Kim. Mit den Einnahmen finanzieren sie die Specials, einmal haben sie den Erlös aus einer Trainingseinheit an eine Organisation gegen Rassismus gespendet und den Rest sparen sie für eine gemeinsame Reise. "Eins ist aber garantiert: die Matten kommen dann mit, denn Streamen geht von jedem Fleck der Erde", sagt Kim.

Solange das Wetter mitmacht, werden die Trainings weiter auf der Wiese stattfinden, ansonsten werden sie wahrscheinlich wieder live über Instagram übertragen.
Infos:
  • Für alle Interessierten: Bitte nicht einfach auf der Sternwaldwiese auftauchen und mitmachen, sondern besser vorher Kontakt aufnehmen.

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