Spiritualität

Yoga-Kolumne (6): Du musst nicht immer produktiv sein

Janina Roeseler

Du musst jetzt nicht mit Yoga anfangen und auch keine neue Sprache lernen. Es ist auch ok, nicht produktiv zu sein und Dinge zu tun, die einem selbst gut tun, schreibt Yogalehrerin und fudder-Kolumnistin Janina Roeseler.

Hallo du! Ich hoffe, du hattest die letzten Tage die Möglichkeit, etwas Zeit in der Natur zu verbringen und das schöne Wetter zu genießen. Sobald ich im Wald bin, kann ich tatsächlich für einen Moment lang komplett abschalten und vergessen, was hier und in der Welt gerade so abgeht. Für ein paar Augenblicke scheint die Welt in Ordnung.


Und dann gibt es Tage, an denen ich aufwache und nicht so recht weiß, wohin mit mir, meinen Ge-danken und Gefühlen. An manchen Tagen hilft mir meine Meditationspraxis.
Yoga-Kolumne (1): Hi, ich hoffe Du bist okay?

An anderen Tagen versuche ich mich möglichst schnell abzulenken und scrolle direkt nach dem Aufwachen durch Instagram und Facebook. Aktuell sehe ich in meinen Feeds so viele Menschen, die produktiver denn je scheinen. Diese Menschen haben bereits nach vier Wochen Quarantäne zwei neue Sprachen gelernt, fünf Kilo abgenommen und die Steuererklärung für 2022 gemacht. Da ist es ein Leichtes, sich zu vergleichen, noch frustrierter zu sein als vorher und sich die Decke direkt wieder über den Kopf zu ziehen.

Intrinsische Motivation

Generell verspüre ich dieser Tage jedoch auch einen enormen Motivationsschub, Dinge anzupacken und die Zeit sinnstiftend zu nutzen. Ich arbeite mehr als vor Corona und fühle mich sehr ausgeglichen. Aber nur, weil ich es als sinnvoll erachte, morgens zu meditieren, Yoga zu praktizieren und Bäume im Wald zu umarmen, heißt das noch lange nicht, dass du das genauso so machen musst. Vielleicht ist es für dich viel sinnvoller, fünf heute einmal guten Gewissens gerade sein zu lassen und dich mit einer Tüte Chips und Netflix im Bett zu verkriechen. Oder um 15 Uhr den erste Aperol Spritz auf dem Balkon zu genießen. Ja, ich liebe, was ich mache und freue mich, wenn andere Menschen eine ähnliche Begeisterungsfähigkeit für die Yoga- und Meditationspraxis entwickeln können. Aber nur, wenn es intrinsisch motiviert ist und sie auch wirklich Lust darauf haben. Alles andere ist Quatsch und nicht wirklich nachhaltig.

Einfach mal nichts machen

Nur weil wir dieser Tage mehr Zeit als sonst zu haben scheinen, müssen wir diese nicht direkt wieder komplett verplanen und mit dem in uns so tiefverankertem Leistungsdenken bestmöglich optimieren. Es ist absolut okay, wenn du heute noch nicht joggen warst und es auch für morgen nicht eingeplant hast.
Janina Roeseler

Janina ist ursprünglich ein Nordlicht, hat sich nach ihrer dreijährigen Weltreise aber in Freiburg niedergelassen und will hier auch nicht mehr so schnell weg. Sie ist mit Herz und Seele Yogalehrerin bei Yoga Jetzt und im Ommm Yoga. Janina hat mal was mit Marketing und Business studiert und ist bei Zündstoff für den Onlineshop und die PR zuständig.

Für fudder schreibt Janina ab jetzt regelmäßig eine Yoga-Kolumne, in der sie uns hilft, mit uns selbst in der Quarantäne klarzukommen, unseren Körper und Geist gesund zu halten und somit einen Beitrag für die Gesellschaft zu leisten.
Web: janinaroeseler.com

Ich wünsche mir, dass du weißt, dass es okay ist, wenn du dieser Tage nicht besonders produktiv bist, nicht abgenommen hast und noch nicht fließend Mandarin sprichst. Das macht dich sehr menschlich. Und äußerst sympathisch. Wir dürfen nicht vergessen, dass die ganze Situation für viele von uns gerade äußerst traumatisierend und beängstigend ist. Statt sich in Äußerlichkeiten zu verlieren, schaue stattdessen öfters nach Innen. Wie geht es dir? Atmest du ruhig und gleichmäßig? Bist du im Körper verankert oder in Gedanken verstrickt?

Vielleicht kannst du die kommenden Wochen nutzen, um wieder mehr darauf zu achten, was dich wirklich mit Freude erfüllt und glücklich macht. Vielleicht hast du früher gerne gebacken? Oder gezeichnet? Ohne, dass du den besten Kuchen deines Lebens backen und die nächste Mona Lisa malen musst, lasse alle Leistungsgedanken von dir abfallen. Das Ziel vom Backen ist backen. Das Ziel vom Malen ist malen. Das Ziel von Yoga ist Yoga. Und alles ist Meditation!

Wenn du dich also das nächste Mal dabei ertappst, wie dich das schlechte Gewissen ereilt, weil andere so viel produktiver scheinen als du, take it easy! Was wir online sehen und was andere uns verkaufen wollen, ist sowieso immer nur die halbe Wahrheit und ein kurierter und sehr bewusst gewählter Lebensausschnitt eines für alle nicht ganz so glamourösen Quarantänealltages.

Mehr Realität, weniger Fassade

Ich verrate dir was: Ich hatte die letzten Tage ein kreatives Schreibloch. Erst hat es mich gestresst, weil ich wusste, dass es bald wieder Zeit für die nächsten Kolumne ist. Jetzt sitze ich an der Dreisam, die Sonne im Gesicht, die nackten Füße im Wasser und die Worte kommen von ganz alleine. Ich schreibe nicht mit dem Ziel, dass dieses der beste Artikel sein muss, den die fudder-Leser jemals gesehen haben, sondern weil es mich innerlich erfüllt und mir Freude bereitet, meine Gedanken niederzuschreiben. Für den Moment steht die Welt still, Corona scheint sehr weit weg und ich genieße den Windzug auf meiner Haut. Herrlich!

Was dir auf deinem dem Weg als Leitfaden dienen kann, sind folgende Reflexionsfragen:
  • Was hast du als Kind gerne gemacht?
  • Machst du es immer noch (gerne) und wenn nicht warum?
  • Könntest du dir vorstellen, wieder damit anzufangen?
  • Bei welchen Aktivitäten vergisst du komplett die Zeit und die Welt um dich herum?
  • Wofür schätzen dich deine Freude und Familie?
Erlaube dir selber die nächsten Tage wieder mehr davon zu machen. Nicht für die anderen. Sondern für dich. Für deinen inneren Frieden. Ja, du darfst auch mal egoistisch sein. Denn wenn wir bemüht sind, im Reinen mit uns zu sein, können wir auch anderen auf ihrem Weg durch die Krise besser helfen. Für mehr Menschlichkeit abseits der Yogamatte. Ich hoffe du weißt spätestens jetzt, dass es okay ist, gerade nicht produktiv zu sein.

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