Spiritualität

Yoga-Kolumne (5): Yoga verstärkt unsere Veranlagungen

Janina Roeseler

Janina Roeseler ist Yogalehrerin in Freiburg – und am liebsten auf ihrer Matte in einem Studio. Da das aktuell nicht geht, schreibt sie für fudder auf, wie Yoga in Zeiten wie diesen hilft. Heute: Wie man es schafft, ganz gegenwärtig zu sein.

Die Dinge nicht persönlich zu nehmen, hilft Abstand zu ihnen zu gewinnen. Das SARS-CoV-2 hat es nicht auf mich oder dich abgesehen. Ein Mantra, das mir die letzten Wochen sehr geholfen hat, nicht durchzudrehen: "It’s not about me". Langsam aber sicher ist eine Art von Ruhe in das ganze Chaos eingekehrt und ich hoffe, dass auch du mittlerweile wieder entspannter und gelassener in die Zukunft blicken kannst. Ja, die Wirtschaft leidet und ja, viele von uns kämpfen derzeit mit echten Existenzängsten. Corona ist für uns alle längst Realität geworden. Ich kann dir leider nicht versprechen, dass in ein paar Wochen alles gut sein und das Leben wieder in geregelten Bahnen laufen wird. Aber vielleicht sollte es auch nie wieder so werden wie vor der Krise? Es gibt gewisse Dinge im Leben, sowohl auf persönlicher als auch auf kollektiver Ebene, die verändern die Richtung, in die wir gehen. Im Yoga sprechen wir dann von Kaliyuga. Es gilt als das Zeitalter des Verfalls und Verderbens. Das klingt erst einmal sehr negativ, ist aber die zwingende Voraussetzung für die nächste Stufe, die angestrebt wird: Der Neuanfang!


Was ist der Unterschied zwischen einer Blume und Unkraut?

Unsere Konditionierung und das, was wir von klein auf gelernt haben: Die Blume ist schön, das Unkraut muss vernichtet werden.
Yoga-Kolumne (1): Hi, ich hoffe Du bist okay?

Vielleicht war das Leben vor Corona gar nicht so toll, wie wir dachten und es kann nur besser werden? Vielleicht haben wir uns alle an "das Schlechte" gewöhnt und "das Gute" muss mit ganz viel Widerstand von uns ferngehalten werden? Man weiß es nicht. Also ich zumindest weiß es nicht. Was ich weiß, und was mir sowohl meine Yoga Praxis als auch Covid-19 verdeutlicht haben, ist, dass beides unsere Veranlagungen, die wir mitbringen und in uns tragen, weiter nährt und verstärkt.

"Die Yoga-Praxis wie auch Corona sind unsere Tests."

Wer unter normalen Umständen schon Probleme hat, gegenwärtig zu sein, tut sich in Zeiten wie diesen umso schwerer, bewusst zu bleiben und einen kühlen Kopf zu bewahren. Wer ängstlich ist, wird noch ängstlicher und wer schnell die Geduld verliert, verliert sie jetzt noch schneller. Wer sich toll findet, findet sich jetzt noch toller.

Alle Reaktionen haben eines gemeinsam: Sie überwältigen uns in dem Moment und stürzen uns in tiefe Unbewusstheit. Die Yoga-Praxis wie auch Corona sind unsere Tests. Wie gegenwärtig kannst du bleiben, wenn dein Verstand dir permanent dazwischen zu funken versucht? Die Art und Weise, wie du mit Herausforderungen – auf und abseits der Yogamatte – umgehst, wird dir und anderen zeigen, wo du in punkto Bewusstheit stehst. Das zeigt sich eben nicht nur dann, wenn du mit geschlossenen Augen meditierst. Die Meditationspraxis ist quasi die Vorbereitung, Gleichmut zu üben und Dinge anzunehmen, die du nicht ändern kannst.
Janina Roeseler

Janina ist ursprünglich ein Nordlicht, hat sich nach ihrer dreijährigen Weltreise aber in Freiburg niedergelassen und will hier auch nicht mehr so schnell weg. Sie ist mit Herz und Seele Yogalehrerin bei Yoga Jetzt und im Ommm Yoga. Janina hat mal was mit Marketing und Business studiert und ist bei Zündstoff für den Onlineshop und die PR zuständig.

Für fudder schreibt Janina ab jetzt regelmäßig eine Yoga-Kolumne, in der sie uns hilft, mit uns selbst in der Quarantäne klarzukommen, unseren Körper und Geist gesund zu halten und somit einen Beitrag für die Gesellschaft zu leisten.
Web: janinaroeseler.com

Worauf es ankommt, ist, dass du immer wieder zurückkommst. In deinen Körper, zu deinem Atem. Denn der Atem findet immer nur hier und jetzt statt. Nicht gestern und auch nicht erst in einer Woche. Daher ist er ein so essentieller Bestandteil der Yoga Praxis und in der Meditation. Du kannst ihn als eine Art Anker verstehen, den du immer bei dir trägst. Du musst dich nur an ihn erinnern und in unsicheren Zeiten daran denken, in zu setzen.

Raus aus dem Film, rein in den Körper

Das mag jetzt vielleicht erst einmal komisch klingen, ist es aber nicht: Fange an, dich zu spüren und zu berühren. Erde deine nackten Füße und fühle den Boden unter Deinen Füßen. Wie ist seine Beschaffenheit? Warm oder kalt? Glatt oder weich? Stehst du mehr auf deinem linken oder deinem rechten Bein? Jetzt lege eine Hand auf deinen Brustkorb, die andere auf deinen Bauch und spüre wie sich dein Körper mit der Ein- und Ausatmung bewegt. Atme für ein paar Momente ruhig und gleichmäßig in deine Hände. Dann lege sie dir auf dein Gesicht und spüre die Wärme, die von deinen Händen ausgeht. Knete deine Ohren und fahre mit deiner Zunge erst deinen Mundraum und dann deine Lippen ab. Massiere deine Augenbrauen und ziehe dann sanft am Ansatz deiner Haare. Lasse die Arme wieder neben deinem Körper hängen. Anschließend atme etwas tiefer in den Brustkorb hinein ein, halte den Atem und dann klopfe mit den Fingern deine Brust und die Flanken aus. Atme vollständig aus. Wiederhole das noch zwei Mal. Alternativ kannst du die flache Hand oder die Hände zu Fäusten geballt nehmen, um dich auszuklopfen. Lasse auch das auf dich wirken und atme zu den Sensationen ein.

Dann schüttele dich mal so richtig aus: Arme, Beine, Kopf. Dabei darfst du deinen Atem gerne etwas hörbarer werden lassen und über den Mund geräuschvoll ausatmen. Schließe spätestens jetzt deine Augen und entspanne deine Augäpfel vollständig. Klopfe und streiche dich noch einmal aus. Und dann bleibe einfach für einen Moment lang stehen und lasse die Sensationen deiner Berührungen nachwirken. Bleibe so präsent es geht und spüre, wo du dich gerade am meisten wahrnehmen kannst. Lasse deine Aufmerksamkeit neugierig durch den ganzen Körper wandern. Versuche nicht zu sehr zu denken, was du jetzt fühlst und konzentriere dich stattdessen weitestgehend auf das, was du spürst. Richte deine ganze Aufmerksamkeit ganz nach innen. Wenn alle Sensationen, alles Kribbeln sich verflüchtigt hat, öffne wieder deine Augen.

Frage dich abschließend: "Was fehlt in diesem Moment?" Eine sehr kraftvolle Frage aus der Zen-Meditation, die keine Antwort auf der Ebene Deines Verstandes braucht. Ihr Ziel ist es lediglich Deine Aufmerksamkeit noch tiefer im Hier und Jetzt zu verankern. Diese kleine Meditation in Bewegung kannst du nach Bedarf so häufig anwenden, wie du magst. Gerne immer dann, wenn du das Gefühl hast, dass dich deine aktuelle Lebenssituation zu überwältigen scheint.

Ich hoffe, dass du dich an diese kleine Körperübung erinnerst, wenn du das nächste Mal von Angst, Sorgen, Zweifeln, Groll, Schuld oder Trauer übermannt wirst und dich daran erinnerst, das du nicht alleine bist und du bereits alles in dir trägst, was es braucht, um ein glückliches und erfülltes Leben zu leben.

Mehr zum Thema: