Wo Freiburg wächst: Die Rieselfeldallee

Marc Röhlig

Das Rieselfeld hat Freiburgs stärksten Bevölkerungszuwachs: Von Null auf knapp 10.000 in den letzten 14 Jahren. Wer begreifen will, warum der Stadtteil für viele so attraktiv ist, muss sein Herz ablaufen. Die Rieselfeldallee. Marc hat's gemacht.


Das Herz des Rieselfelds ist etwas mehr als 1000 Meter lang. Im zweiten Drittel hat es einen kleinen Makel, eine Krümmung, ein leichter Knick in Richtung Nordwest. In der Breite spannt sich das Herz über zwei Fahrbahnen und eine begrünte Straßenbahntrasse. Links und rechts daneben Häuser, drei, vier, fünf Etagen hoch, angestrichen in bordeauxrot, sanddorngelb, manchmal auch nur weiß. Wandert man an diesem Herzen entlang, an der Rieselfeldallee, kann man den Puls eines ganzen Viertels spüren.

Ein Dienstagmorgen, kurz nach acht Uhr, Meter 200. Die Morgensonne schiebt ihre Strahlen über den Geschwister-Scholl-Platz und taucht die gegenüberliegenden Häuserfassaden in orangegrau. Die ersten Kunden schieben ihre Einkaufswagen in den Diskounter, eine ältere Dame füttert Tauben. Viel zu große Brotstücke schmeißt sie hin; die Tauben sehen dick aus hier im Rieselfeld. Einzig die Bäckerei am Platz ist schon gut besucht: Männer in Anzügen besprechen Projekte, Bauarbeiter eröffnen den Tag mit Kaffee, Mütter treffen sich zum Plausch. Dienstags gibt’s Spritzschnecken im Angebot, die Frühstücksbaguettes heißen „Toscana“ oder „Chicki-Micki“.

Das Rieselfeld ist ein Stadtviertel für Planer, für Vorausdenker. 1992 wurde es von der Stadt Freiburg in Auftrag gegeben, ab 1996 wurden die ersten Häuser bezogen. In zwei Jahren soll das Rieselfeld fertig sein und Platz für rund 12.000 Einwohner bieten. Ein Viertel vom Reißbrett, bewohnt von Null auf 12.000 in 20 Jahren. Vor allem junge Familien aus Freiburg und dem Umland ziehen ins Rieselfeld. Die Mieten sind günstig, die Lage angenehm Grün. In der Bäckerei am Geschwister-Scholl-Platz stehen um halb Neun bereits fünf Kinderwagen. Die Mütter haben Frühstück bestellt, die Kleinen krabbeln durch die Sitzreihen. „Wo ist’s denn schöner?“, fragt eine Mutter und zerschneidet ihr Rührei in Kinderhappen.

Meter 420. „Martina’s Lädele“ schmiegt sich unter einen dicken Wohnklotz, blaue Säulen trennen die Schaufenster. Drinnen gibt’s Chaos auf den ersten Blick, alles, was der Rieselfelder braucht auf den zweiten. Martina leitet die lokale Poststation, verkauft Schreibwaren, Zeitungen und Getränke. Sie lebt seit zwölf Jahren im Rieselfeld, seit sechs Jahren schmeißt sie den Kiosk, davor hat sie beim Stadtteilverein geholfen. Martina ist – wenn das zu einem so jungen Stadtteil passt – eine Art Urgestein.

„Das war eine Super-Entscheidung herzuziehen“, sagt Martina, „ich fühl‘ mich echt sauwohl hier“. Zuvor hatte sie mit ihrer Familie am Seepark gewohnt, aber die Mietpreise und die Lage im Rieselfeld seien unschlagbar gewesen. „Es ist wie in der Stadt – aber du fühlst dich auch wie auf dem Land“. Von der Endhaltestelle, hinten bei Meter 950 der Rieselfeldallee, braucht die Straßenbahn 21 Minuten bis zum Bertoldbrunnen. Dabei bräuchte man die Stadt gar nicht mehr, sagt Martina: Cafés gibt’s im Rieselfeld, Läden für Fahrräder, Kleidung, Lebensmittel. Ein neuer Supermarkt wird auch gerade gebaut. „Als wir herzogen, waren’s wohl 2000 Rieselfelder“, sagt Martina. Heute sei der Stadtteil bei knapp 10.000 angekommen. „Wenn ich hier wieder raus muss“, lacht Martina, „dann nur mit den Füßen zuerst“.

Etwa in Höhe von Meter 540, linke Seite, hat Stephan sein Geschäft, eine Reiseagentur. Der 26-Jährige wohnt zwar selbst nicht im Rieselfeld, dafür sei sein alter Mietvertrag „nicht zu toppen“, doch wollte er unbedingt mit seiner Agentur an die Rieselfeldallee ziehen. „Die Leute hier sind sehr hilfsbereit, alle tip top“, sagt Stephan. Seit zwei Jahren hat er hier das Reisegeschäft, zuvor hat er in der Innenstadt gearbeitet. Dort gäbe es nur unfreundliche Laufkundschaft, hier aber richtige Kundenbindungen. „Geschäftlich“, sagt Stephan, „ist das Rieselfeld sicher einer der besten Standorte in Freiburg“.



Am liebsten verreisen Rieselfelder pauschal, gerne auch mit Kreuzschiff. Es geht ins Mittelmeer, Türkei oder Griechenland, ältere Kunden wagen auch die Expeditionsreise nach Machu Picchu. Ein älterer Kunde kommt kurz herein, grüßt Stephan und dankt für die Willkommen-zurück-Karte. Stephan zuckt die Schultern, Kundenbindung eben. „Weißt, die Leute hier motivieren mich in meiner Arbeit“, sagt er. „Allein, wenn ich ständig spielende Kinder drüben auf dem Platz hören kann – das macht’s lebendig“.

„Drüben“ ist der Maria-von-Rudloff-Platz, Meter 510 bis 580. Hier stehen das Glashaus und daneben die Maria-Magdalena-Kirche. Zwei Mal Hauptstadt-Architektur, einmal viel Sichtbeton, in schiefen Kanten ineinander gebaut und mit Eisenkreuz, dann einmal viel Glas, in hohen Fluchten aufgestellt. Im Glas sitzt der K.I.O.S.K. Rieselfeld, ein Stadtteilverein mit Lagerfeuergeschichten, Seniorenausflügen, Karate-Kursen und Flohmarkt. „Kultur“ und „Mediothek“ klebt in Großbuchstaben an der Glasfassade, dazu die Homepage des Vereins.

Hinter Meter 600 taucht eine Baustelle auf. Die zweite Etage wird gerade hochgezogen, „Freedom“ hat jemand an den Baucontainer gesprüht. Es folgen Bioläden, Praxen für Physiotherapie, Büros von Immobilienmaklern. Bei Meter 730 liegt das Geschäft von Annette, ein Spielwarenladen. Eine kleine Kundin dreht ein Puzzleset von „Capt. Sharky“ in ihren Händen, die Mutter schaut zu. „Piraten mag er“, sagt die Kleine. Es geht um ein Geburtstagsgeschenk.

Geburtstagsgeschenke werden hier täglich gekauft, sagt Annette. Es gebe hier eben „gigantisch viele“ Kinder. Genauer: 3500 Rieselfelder, etwa ein Drittel der Bewohner, ist unter 18 Jahren. Es gibt eine Grundschule, ein Gymnasium und eine Waldorf-Schule. Die Grundschule fasst derzeit 28 Klassen, sie ist eine der größten in Baden-Württemberg. Für Annette sei der Laden zunächst ein Wagnis gewesen, erst im März hatte sie ihn eröffnet. „Aber dieser Spielwarenladen“, sagt sie, „das war schon immer mein Traum“. Selbst hat sie drei Kinder, zwei im idealen Alter als Spielzeugtester, einer ist bereits 20. Der gehört zu den ältesten Teenagern im Rieselfeld und will nun ausziehen – für Jugendliche gebe es noch nicht so viele Angebote vor Ort.   

Kurz nach Meter 900 hört die Rieselfeldallee auf, die letzten Meter des Herzes führen über eine Wiese. Die Straßenbahn beschreibt hier einen Bogen um ein kleines Hochhaus und wendet für die Rückkehr in die Stadt. Das Rieselfeld endet mit einem Fahrradweg, einem Wanderschild, zum Mundenhof nach rechts, und einem Holzzaun. Danach nur noch Feld.



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