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Wieso sich Medizinstudierende freiwillig zum Corona-Einsatz melden

Anika Maldacker

Vor einer Woche rief die baden-württembergische Wissenschaftsministerin Theresia Bauer, Medizinstudierende dazu auf, sich in der Corona-Krise freiwillig zur Verfügung zu stellen. Bisher haben sich in Freiburg 1250 Studierende gemeldet. fudder stellt vier vor.

Mechthild Wolter, 22, aus Freiburg, studiert Medizin im 10. Semester

"Ich habe mich freiwillig für den Corona-Einsatz gemeldet, weil ich durch die Verschiebung des Semesterbeginns Zeit habe, die ich gerne sinnvoll nutzen möchte. Ich arbeite seit mehr als zwei Jahren in der Pneumologie der Uniklinik Freiburg und will meine Erfahrungen einbringen, um zu helfen. Ich werde voraussichtlich ab Mitte April am Helios Klinikum in Titisee-Neustadt anfangen und dort von Ärzten und Pflegern eingearbeitet werden. Geplant ist, dass studentische Mitarbeiter wie ich in einer neu eingerichteten Stelle der Notaufnahme Patienten im Vorfeld einteilen, um bei Verdacht auf eine Infektion mit SARS-CoV-2 frühzeitig reagieren zu können. Dadurch kommen Betroffene nicht mit anderen Patienten und Mitarbeitern in Kontakt, sondern können direkt isoliert behandelt werden. Derzeit arbeite ich noch in der Uniklinik wo eine gute Transparenz über Hygienemaßnahmen herrscht. Ich werde auch über potentiell infektiöse Patienten informiert und die Covid-19-Erkrankten werden auf Isolierstationen behandelt. Im persönlichen Umfeld habe ich alle Sozialkontakte eingestellt und versuche die Zeit für meine Doktorarbeit und soweit möglich über eine Lernplattform für mein Examen im Herbst zu nutzen. Vor meinem Einsatz habe ich keine Angst, da ich davon ausgehe, dass wir Schutzkleidung gestellt bekommen und ordnungsgemäß eingearbeitet werden."



Tobias Dick, 29, aus Freiburg, studiert Medizin im 6. Semester

"Da ich vor dem Studium als Rettungsassistent und im Aufwachraum einer Klinik gearbeitet hab, war schnell klar, dass ich helfen werde, wenn es erforderlich ist. Da die Uni bis Ende Mai auf Online Teaching umgestellt hat, habe ich Zeit. Gleichzeitig tut eine Arbeitsstelle dem Geldbeutel gut. Ich werde nächste Woche auf der Intermediate Care im Josefskrankenhaus in Freiburg anfangen und wir werden als kurzfristig Beschäftigte ein faires Gehalt verdienen Die Verträge sollen bis mindestens 31. Juli laufen, für uns aber jederzeit kündbar sein,wenn der Unibetrieb wieder los geht und es zeitlich für uns nicht mehr mit dem Studium vereinbar ist. Aktuell warte ich noch auf die konkrete Order vom Josefskrankenhaus. Wünschenswert für mich wäre es, wenn man in einer Zeit eingearbeitet werden könnte, in der noch kein vollständiger Notstand herrscht. Ich selbst habe vor der Viruserkrankung keine übermäßige Angst. Ich gehöre nicht zur Risikogruppe und weiß, dass die Erkrankung wohl eher glimpflich verlaufen wird. Viel mehr beobachte ich gesellschaftliche und politische Entwicklungen mit Sorge. Ich finde es aktuell absolut gerechtfertigt, dass Kontaktsperren verhängt wurden. Strikte Ausgangssperren würde ich als zu krassen Eingriff in die Grundrechte eines jeden empfinden. Gleichzeitig hoffe ich, dass man wirksame Schutzmechanismen einbaut, um einen dauerhaften Umbau unserer Gesellschaft durch autoritäre Kräfte in eine weniger freie und demokratische Gesellschaft zu verhindern. Außerdem hoffe ich, dass diese Krise klar macht, dass unser Gesundheitssystem zwar infrastrukturell super aufgestellt ist, personell aber in einer katastrophalen Verfassung. Das Personal läuft schon in der Normalsituation am oder über dem Limit. Wir, als Studenten helfen gern, aber eigentlich darf man in so eine Situation nicht kommen."


Info:

Laut der Offenen Fachschaft für Medizin Freiburg haben sich bisher (Stand Freitag) 1250 Studierende gemeldet, die den Kliniken bei der Corona-Krise helfen wollen. Der offizielle Aufruf kam am 18. März von Baden-Württembergs Wissenschaftsministerin Theresia Bauer. Im Vorfeld sind aber schon einige Fachschaften aktiv geworden, wie die Medizin-Fachschaft in Freiburg, die die Uniklinik proaktiv angeschrieben hat.
  • Offene Fachschaft Medizin Freiburg: Facebook

Kim Angélique Goldstein, 22, aus Freiburg, studiert Medizin im 3. Semester

"Als ich gehört habe, dass die Uniklinik Freiwillige und vor allem Medizinstudenten sucht, die helfen möchten, habe ich nicht lange gezögert. Mein größter Wunsch war immer, Menschen zu helfen, deswegen studiere ich auch Medizin. Wenn eine Pandemie ausbricht, ist es für mich selbstverständlich, dass ich als Medizinstudentin helfe. Das ist meine Ansicht, ich verstehe jeden, der sich selbst schützen möchte. Da die Uni vorerst geschlossen hat, habe ich Zeit um mich zu engagieren. Bisher weiß ich noch nicht genau, was auf mich zukommt. Am Donnerstag wurde zunächst Blut bei mir abgenommen. Aber einen Vertrag habe ich noch nicht unterschrieben. Ich habe mich für die Patientenbegleitung eingetragen und werde wohl kranken Patienten bei Arztbesuchen helfen, beispielsweise deren Rollstuhl schieben oder bei praktischen Dingen, wie deren Koffer packen. Mir selbst geht es ganz gut. Es ist natürlich eine Umstellung, nicht mehr wie gewohnt Freunde zu treffen, in der Stadt Kaffee trinken zu gehen oder sich abends mit Freunden gemütlich in den Seepark zu setzen. Aber man hat mal wieder Zeit, Postkarten zu schreiben, mit Freunden, zu denen man lange keinen Kontakt hatte, zu telefonieren oder zu skypen, oder man ließt ein Buch. Ich habe Angst um die Menschen in anderen Ländern, die keine so gute medizinische Versorgung haben wie wir in Deutschland. Wir können uns glücklich schätzen. Die rasant steigenden Zahlen in Italien und jetzt auch die vereinzelten Fälle in Afrika machen mir Sorgen."



Rouven Schmalz, 26, Freiburg, studiert Medizin im 6. Semester

"Die Idee sich zu engagieren kam in meinem Freundeskreis bereits nach den ersten Corona-Fällen in Freiburg auf. Eine Freundin hat sich damals an die Uniklinik gewandt und wurde an die Mediziner-Fachschaft verwiesen, die schon am Organisieren waren. Ich denke, wer diesen Berufsweg wählt, tut es aus bestimmten Gründen und folgt einem bestimmten Ethos. Für mich persönlich stellt sich nicht die Frage, ob man sich engagiert. Es ist nun so organisiert, dass wenn Bedarf in einer der Kliniken besteht, das über die Uniklinik und Medizin-Fachschaft per Whatsapp an uns weitergeleitet wird. Die Freiwilligen werden an das jeweilige Krankenhaus gemeldet und die individuelle Vorbereitung erfolgt dann durch die jeweilige Einsatzstelle. Dort werde ich dann als Werkstudent arbeiten und nach Tarif bezahlt. Bisher gibt es noch keine Aussage von den Bafög-Ämtern, dass die Verdienstgrenze wie von Jens Spahn angekündigt für die Studenten die sich engagieren wegfällt. Das könnte in meinem Fall dazu führen, dass falls diese Änderung nicht in Kraft tritt, ich im Nachhinein mehrere hundert Euro zurückzahlen müsste. Den grundsätzlichen Umgang mit Infektionskrankheiten und Schutzausrüstung habe ich bereits in meiner Ausbildung zum Gesundheits- und Krankenpfleger gelernt. Ich arbeite bereits neben dem Studium auf 450-Euro-Basis in einer Rehaeinrichtung und werde vorerst dort meine Arbeitszeit aufstocken, da ich sowohl die Rehabilitanden und die Einrichtung kenne. Bisherige Vorkehrung dort waren die Einrichtung eines Isolationsbereiches für den Fall, dass eine Infektion auftritt, sowie verschärfte Hygiene- und Verhaltensregeln. Außerdem gilt bis auf weiteres eine Besuchssperre. Aktuell beansprucht die Aufklärung und Gespräche um persönliche Ängste der Rehabilitanden einiges an Zeit, sowie verschärfte Hygienemaßnahmen, die es zu beachten gilt. Wie sich das Ganze entwickelt und ob ich noch an anderer Stelle eingesetzt werde, kann ich zum jetzigen Zeitpunkt nicht sagen. Wirklich Angst vor einer Infektion habe ich persönlich nicht, dazu muss man aber auch sagen, dass eine Infektion aller Wahrscheinlichkeit nach relativ milde für mich verlaufen würde, da ich zu keiner Risikogruppe gehöre. Was mich an der ganzen Situation mehr beunruhigt ist das Verhalten vieler Mitmenschen die scheinbar jegliche Rationalität verloren haben. Ich habe im Bekanntenkreis erlebt, dass Menschen mit chronischer Erkrankung, die dringend auf bestimmte Medizinprodukte angewiesen sind, tagelang Probleme hatten diese zu besorgen, weil andere Menschen mit ihrem Verhalten Engpässe verursachen. Es macht mich wütend, dass es sogar Leute gibt die Schutzmaterialien und Desinfektionsmittel dort stehlen wo es wirklich benötigt wird – im Krankenhaus. Das gefährdet Personal wie auch die Patienten. Ein weiterer Punkt der mich persönlich immer wieder sprachlos macht, sind die in den sozialen Netzwerken kursierenden Fehlinformationen. Diese wären oft selbst für Laien mit etwas gesundem Menschenverstand und zwei Klicks auf seriösen Websites zu durchschauen."



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