fudder-Interview

Wieso eine Regisseurin einen Film über das Sterben im Mittelmeer gedreht hat

Uwe Baumann

Im Mittelmeer sterben jährlich tausende Menschen beim Versuch nach Europa zu flüchten. Die Regisseurin Nathalie Borgers hat einen Film über die Hinterbliebenen gedreht, der am Donnerstag in Freiburg gezeigt wird. Im Interview spricht sie darüber.

Über 30.000 Menschen sind in den letzten 25 Jahren auf der Flucht übers Mittelmeer ums Leben gekommen. Ertrunken in dem Meer, an dem wir im Urlaub in der Sonne liegen. Die Ereignisse im Lager Moria haben das Fluchtdrama wieder in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt. Doch Zahlen und Berichte sind oft kaum greifbar und ein Grab im Meer ist unsichtbar. Was geschieht nach einem Schiffsunglück? Wie gehen die Überlebenden damit um? Die belgische Regisseurin Nathalie Borgers hat sich in ihrer preisgekrönten Dokumentation "The Remains - Nach der Odyssee" auf Lesbos umgesehen und eine syrische Familie begleitet, die 13 Angehörige bei einem Schiffbruch verloren hat. Der Freiburger Seebrücke zeigt den Film an diesem Donnerstag im Innenhof des Grethergeländes. Ein berührender Film, der nahe geht, ohne einen anklagenden Ton zu wählen. Ein Gespräch über die Hintergründe mit der Regisseurin.

Was hat Sie dazu bewegt, diesen Film zu machen?

Borgers: Immer wieder hört man die schrecklichen Zahlen, doch dabei bleibt es. Es wird nicht berichtet, ob eine Familie ihre vermissten Verwandten finden konnte. Das hat mich sehr betroffen und ich habe mir oft Fragen darüber gestellt. Das war schon vor der großen Krise 2015. Damals habe ich eine Griechin kennengelernt, die ein von Freiwilligen betriebenes Lager auf Lesbos leitet. Sie erzählte mir, dass das Schlimmste für sie nicht die Situation der Geflüchteten auf Lesbos sei, sondern die Unglücksfälle. Menschen vermissten ihre Familien, es gäbe unidentifizierte Leichen, die Gemeinden wüssten nicht, wo man die Toten begraben solle. Da wusste ich, dass ich hinfahren und das genauer beleuchten möchte.

Wie war dann ihr Zugang vor Ort?

Ich kam während der großen Welle 2015 nach Griechenland. Das war nicht die leichteste Zeit, um auf Lesbos zu recherchieren. Von Seiten der Behörden hatte niemand Zeit. Ich habe also angefangen, mich direkt bei den Betroffenen umzuhören und Stimmen einzufangen. Aber auch das war schwer, weil die NGOs vor Ort versuchen, die traumatisierten Menschen in Schutz vor den Medien zu nehmen. Das verstehe ich natürlich. Es ist auch schwierig, einen Blick auf die Menschen zu bekommen, ohne voyeuristisch zu sein, was ich in meiner Arbeit vermeiden wollte. Letztlich habe ich die porträtierte Familie Jamil über einen lokalen Suchdienst kennengelernt und über ein Jahr begleitet. In dieser Zeit konnte der Bruder Farzat seinen Vater und seine Schwestern von der Türkei nach Wien holen, wo er bereits mit seiner Frau lebte. Diese eher zufällig erlebte Familienzusammenführung stellte die Weichen für den weiteren Verlauf des Films.
Zur Person:

Nathalie Borgers wurde 1964 in Belgien geboren. Sie studierte Journalismus in Brüssel sowie Filmregie in San Francisco und arbeitet seit 1992 als Produzentin und Filmemacherin in Europa. Ihre Werke wurden mehrfach ausgezeichnet; zuletzt erschien "Fang den Haider" (2015), worin sie den Mythos des Populisten Jörg Haider dekonstruiert. Borgers unterstützt zudem die Projektentwicklung von Dokumentarfilmen in Europa, Afrika und den USA und ist Vorstandsmitglied des österreichischen Dokumentarfilmverbandes "dok.at". Sie lebt in Wien.

Neben der Familie Jamil in Wien sehen wir viele Alltagsszenen auf Lesbos, auf die selten geschaut wird. Wer sind die gezeigten Helfenden und warum engagieren sie sich – beispielsweise Herr Muhammadi, der im Film Grabsteine für anonyme Gräber bestellt?

Er ist Afghane und kam bereits vor fast 20 Jahren als Geflüchteter nach Lesbos. Doch anstatt weiterzuziehen, lernte er Griechisch und engagiert sich seither vielfältig für eine Verbesserung der Situation vor Ort. Beispielsweise übersetzt er für Menschen, die Angehörige vermissen, unterstützt sie bei der Suche und identifiziert Leichen. Zunächst war das unbezahlt, heute arbeitet er für Pro Asyl. Er erzählte mir, dass das Belastendste für ihn ist, dass sich an der leidvollen Situation und am regelmäßigen Sterben vor Ort einfach nichts ändert.

Wie geht es der porträtierten Familie Jamil heute?

So gut geht es ihnen nicht. Der Bruder Farzat findet keinen Job und sein Deutsch ist holprig. Sie haben zwar eine Wohnung, aber fast keine Möbel. Also ökonomisch und sozial ist es sehr schwierig und psychisch geht es insbesondere dem Vater nicht gut.

Was hat Sie am Schicksal der Familie am meisten zum Nachdenken gebracht?

Die drei Mädchen, die damals 16, 17, 18 Jahre alt waren, mussten sich eigentlich um alles kümmern. Der Vater war vom Verlust so eingenommen, dass die Mädchen die Organisation übernehmen mussten. Dadurch wurde ihnen natürlich ein Teil ihrer Jugend geraubt und sie hatten wenig Chancen, zügig Deutsch zu lernen. Jetzt hat eine der Töchter geheiratet. Ich glaube, für die Familie ist das eine Chance, weil sie sozusagen ein wenig entlastet werden, aber gleichzeitig ist sie erst 19 Jahre alt.

Die Kinder mussten also schnell erwachsen werden und hatten keinen Raum, um in Wien anzukommen?

Ja, diese Mädchen wurden wirklich im Stich gelassen. Die Behörden haben sich nicht wirklich gekümmert. Selbst, wenn man vom Schiffsunglück gewusst hat, hat man lieber weggesehen. Also, natürlich hat Österreich viel getan für die Geflüchteten, aber von dieser Familie wurde erwartet, dass sie von Anfang an alles zügig und richtig machen. Sie waren immer auf dem Prüfstand. Aber wie sollen Menschen mit solchen Schicksalen in einer völlig neuen Welt sofort perfekt sein?

Letztlich thematisiert der Film auch Trauma und Depression…

Gerade bei dem Bruder, der allein in Deutschland lebt, war das sehr spürbar. Er ist der Älteste von neun Geschwistern und hat seine Frau und seine zwei kleinen Söhne verloren. Doch zur Trauer kommt noch mehr: Ich hatte den Eindruck, wie bei allen Männern der Familie, es geht ihnen so schlecht, weil sie sich für das Unglück schuldig fühlen. Eben, weil sie Männer sind. In ihrem Rollenbild tragen sie die Verantwortung. Gerade der älteste Bruder umringte sich mit Fotos, schaute jeden Tag Videos von seinen toten Kindern, weil er sonst dachte, er würde sie fallen lassen. Das ging so weit, dass er beim Roten Kreuz eine Suchanfrage stellte und sich daran klammerte, dass die Familie vielleicht noch am Leben ist.

Könnte das denn der Fall sein?

Sehr unwahrscheinlich. Seine Frau und seine Kinder befanden sich unter Deck. Während er selbst beim Untergang ohnmächtig wurde und nach Griechenland getrieben wurde, hat sein Vater gesehen, wie das Boot versank.

Und solange das Boot nicht geborgen wird, gibt es keine Gewissheit.

Genau. Seit Jahren kämpft die Familie darum, dass die türkischen Behörden das Wrack heben, damit ihre darin eingeschlossenen 13 Verwandten identifiziert und ordentlich bestattet werden können. So lange die Toten kein Grab haben, glaube ich, wird dieses Hoffnungssyndrom auch bestehen bleiben und die Leute davon abhalten, einen Neuanfang und einen Alltag zu finden. Beim Roten Kreuz wurde mir gesagt, dass das ein sehr häufiges Phänomen sei.

Ist das Schicksal der Familie Jamil also übertragbar auf viele Ereignisse entlang der europäischen Außengrenze im Mittelmeer?

Natürlich sind jede Fluchtgeschichte und jedes Unglück individuell. Aber für mich war dieser Film die Möglichkeit, mich an die Seite von Menschen zu stellen, die diese schreckliche Erfahrung gemacht haben und die Welt aus ihrer Perspektive zu sehen. Ich bin immer noch überwältigt, dass die Familie bereit war, mich so offen teilhaben zu lassen, so offen zu reden. Das war ganz großmütig, denn dadurch geben sie auch den Zuschauenden einen tiefen Einblick in ihre Situation, die man dadurch vielleicht besser verstehen kann. Also für mich ist es so.

Was ist – nach dieser Erfahrung – Ihre persönliche Meinung zur EU-Flüchtlingspolitik?

Das ist natürlich eine schwierige Frage und sie wird mit ökonomischen Fragen und sozialen Dynamiken in Europa schwieriger und schwieriger. Mit dem Film habe ich mich auf der Seite der Menschen positioniert. Und ich finde es unmöglich, wie Europa die Erstaufnahmeländer wie Griechenland, Spanien und Italien im Stich lässt. Lesbos ist sozusagen ein Gefängnis geworden und man versucht eine Art Mauer um Europa zu errichten. Doch wir sollten wissen, dass Mauern wenig helfen. Anstatt diese illegale Migration, die auch durch Abschottung und die vielen Toten nicht aufhört, ordentlich zu verwalten, versucht Europa, das Problem regelrecht totzukriegen. Außerdem schaffen wir durch die aktuellen Abläufe eine große gesellschaftliche Gefahr. Denn viele junge Menschen, die hoch traumatisiert sind und sich nicht angenommen fühlen, werden sich radikalisieren. Dafür haben wir schon genug Beispiele. Dort, wo die Behörden die Verwaltung nicht übernehmen, finden sich andere Gruppierungen, beispielsweise radikale Islamisten. Auf Lesbos habe ich genug solcher Gruppen, die als legale Hilfsvereine tätig sind, beobachten können. Die nehmen den Platz ein, den die Europäer nicht einnehmen wollen und deren "Hilfe" wird von den Notleidenden natürlich dankend angenommen. Das Ganze ist eine riesige Verantwortung für die Zukunft, die wir übernehmen sollten. Damit es nicht einmal heißt: "Es hätte doch Möglichkeiten gegeben".
  • Was: Filmvorführung " The Remains. Nach der Odyssee", 2019, 90 Min.
  • Wann: Donnerstag, 24. September, 19.30 Uhr
  • Wo: Innenhof des Grethergeländes, Adlerstr. 12
  • Info: Bei Regen wird die Filmvorführung verschoben auf Donnerstag, 1. Oktober (gleicher Ort, gleiche Zeit), bz-ticket.de