Kultur

Wie war´s bei… Morning Flower im E-Werk?

Charlotte Wagner

Bei "Morning Flower" mit der Freiburger Choreographin Emi Miyoshi im E-Werk tanzen sich unterschiedlichste Charaktere den Morgen-Blues aus Kopf und Körper. Daraus wird eine multimediale Erfahrung über Rituale für alle Sinne und Stimmungen.

Der erste Eindruck

Es ist dunkel: Eine Person kriecht auf allen Vieren über den Boden, erinnert dabei an einen Käfer. Dann verwandelt sie sich und nimmt Gestalt an, schießt in die Höhe, fließende Bewegungen wechseln sich ab mit abgehackten, wie gesteuerten Regungen. Dazu ein Intro alias innerer Monolog, indem die Tänzerin über die Frage reflektiert, wer sich eigentlich für wen in dieser Welt sorgt und interessiert: "Who cares for whom?"

Ikigai

Frei übersetzt bedeutet Ikigai das Lebensziel, die Freude am Leben, das Gefühl, etwas zu haben, für das es sich lohnt, morgens aufzustehen – das ist das Motto, welches sich durch die multimediale Tanzperformance "Morning Flower" zieht. Der erste Teil einer Triologie der Freiburger Choreographin und Tänzerin Emi Miyoshi beschäftigt sich mit jenen Kraftquellen, die uns jeden Tag aufs Neue begrüßen lassen und fragt nach der Art und Tiefe der Wurzeln, die es braucht, um im Leben bestehen zu können. Inspiriert wurde das Stück durch das Gedicht "Morning Relay" des japanischen Dichters Shuntaro Tanigawa, welches mit den Worten endet: "Prick up your ears a while before you go to sleep, and somewhere, far away, you will hear an alarm clock ringing, as proof that someone has firmly caught the morning you've passed on".

Die Tänzerinnen und Tänzer

Sechs sind es an der Zahl und sie treten zu Beginn einzeln auf, um ihre Rituale des Aufwachens zu teilen, mal durch einen "Schlagabtausch, mal durch eine fließende Bewegung, mal lediglich durch Blicke. Jeder hat sein Solo, in dem er durch innere Monologe und den Tanz ausdrückt, was ihn im Innersten beschäftigt und was die Motivation ist, morgens aufzuwachen, um den Tag zu bestreiten. Da scheint Vergangenes verarbeitet, Albträume abgeschüttelt, über die (Beziehung zur) Mutter, über das Leben reflektiert zu werden. Die eine boxt sich durch, ihre Bewegungen wirken kämpferisch, stolz und trotzig. Die andere ist zu Beginn introvertiert, verängstigt, dann verwandelt sie sich in eine selbstbewusste Diva. Die Tänzerinnen – im Leben wie auf der Bühne – kommen aus verschiedenen Ländern und bringen verschiedene Sprachen mit, die über eingespielte Intros mit dem Publikum geteilt werden. Taiwanesisch, Japanisch, Französisch, Deutsch, Arabisch – manchmal getrennt, manchmal gemischt – die Monologe wie Bewegungen. Mal abgehackt, brutal, mal fließend, harmonisch - je nach eigener Stimmung. "My body never forgets where I come from", sagt Ali aus Ägypten. Unita von den Philippinen hat zwei Identitäten: Gay im Heimatland, Unita in Europa. Zu Hause war sie glücklich.

Individuum vs. Kollektiv

Zu Beginn noch solistisch angelegt mit leichten Überschneidungen, gibt es später kollektive Erfahrungen des Aufwachsens. Die Einsamkeit wird überlagert vom kollektiven Verbundensein – mal im Zweierspiel, mal in Reih und Glied oder im Halbkreis, zittert, kniet, springt die Gruppe, mal devot, mal extrovertiert in die Höhe, in die Tiefe. Die Musik erinnert manchmal an Hip Hop, der sich mit verschiedenen Sprachüberlagerungen mischt, mal lauter, mal leiser, dann könnte es fast das Geräusch eines Weckers sein, der sich in den Bewegungen der Tänzerinnen fortführt. Das 55-minütige Stück nimmt Fahrt auf, Wort – und Bildprojektionen (eine kleine Pflanze, die sich ihren Weg durch eine Steinwand kämpft) mischen sich mit dem Sound. Individuelles Am-Abgrundstehen wird zu einem gemeinsamen Festhalten. Dann eine grelle Blende auf das Publikum, woraufhin ein Sternenhimmel auf der Leinwand anmutet und kurz darauf steht die Gruppe vereint im Black – begeisterter Applaus.

Hintergrund

Alle sechs Tänzerinnen und Tänzer sind Teil des Shibui-Kollektivs, einer Plattform, die durch die Kollaboration mit Installations- und audiovisuellen Künstlern neue Möglichkeiten und Formen der Fusion von Tanz und Kunst eröffnet. Das Wort Shibui kommt aus dem Japanischen und bezieht sich auf die Ästhetik der einfachen, bescheidenen und raren Schönheit, aber einer Schönheit, die anecken und einen bitteren Nachgeschmack hinterlassen kann und sich gegen den kurzlebigen Trend stellt. Im Rahmen einer Forschungsreise durch Japan und Taiwan haben Emi Miyoshi und der Videokünstler und Fotograf Marc Doradzillo mittels Interviews, Tanz-Workshops, Foto- und Videoshootings die Morgenrituale der dortigen BewohnerInnen eingefangen. Szenen, Worte und Emotionen aus diesen Begegnungen werden in die Bewegungssprache der sechs internationalen Tänzerinnen und Tänzer übersetzt. Miyoshi erhielt neben zahlreichen Stipendien und Auszeichnungen zuletzt für 2020 eine dreijährige Konzeptionsförderung des Landes Baden-Württemberg. Wir dürfen uns also auf eine Fortsetzung von "Morning Flower" freuen.
  • Was: "Morning Flower"
  • Wo: E-Werk
  • Wann: 13.,14., 15. Februar, 20 Uhr
  • Eintritt: 16/12 Euro

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