Kultur

Wie war’s bei… der Zwischenmiete-Lesung mit Marko Dinic?

Viola Priss

Die Lesereihe Zwischenmiete hat am Montagabend in der Jacobistraße ein wenig Belgrad aufs WG-Sofa geholt: Unterm Dach und auf Sofakissen las der Autor Marko Dinic aus seinem Debütroman "Die guten Tage" vor.

Die Veranstaltung

Schon einmal in Socken auf einer Lesung gewesen? Schon eine gute halbe Stunde vor acht Uhr tummeln sich die Schuhe im Flur der WG in der Jacobistraße. Über eine enge, steile Treppe geht es hinauf zum Dachgeschoss der Wohnung, wo die Lesung stattfindet. Vor der Lesung geht der Autor Marko Dinic nochmal raus auf eine letzte Zigarette. Schnell füllt sich der Raum unter Dachschrägen, die Gäste nehmen überall Platz, wo sie ihn finden. Auf, zwischen und vor Stühlen und Sofakissen. Jeder nimmt sich sein im Eintritt inbegriffenes Bier und Brötchen. Im Hintergrund tönt noch etwas düstere 90er-Jahre Musik, die der Autor pausenlos mitsummt, ehe das Licht der Lichterketten gedimmt wird. Es wird noch kuschliger, denn der Besucherstrom reißt nicht ab. Es wird noch enger und noch etwas lauter, ehe es ganz leise wird, weil die Lesung beginnt.

Die Lesung

Eingeleitet von Zwischenmiete-Mitglied Fränzi Spengler, nimmt Marko Dinic das Publikum direkt mit auf die Reise von Wien nach Belgrad. Zu dem "ihm liebsten Ort der Welt" geht es im Bus, dem "Gastarbeiter Express", der einmal täglich diese Strecke zurücklegt.

Dieser Reise geht die Flucht des Protagonisten in Dinics Debütroman "Die guten Tage" von Serbien nach Österreich, voraus, die vor 10 Jahren durch die Großmutter unterstützt wurde. Ihre Beerdigung ist es nun auch, die ihn erstmals zwingt, die entgegengesetzte Route anzutreten – auf der Straße, wie in ihm selbst. Neun Stunden Fahrtzeit bieten viel Raum und wenig Fluchtmöglichkeit, vor der verdrängten Vergangenheit. Durch trostlose ungarische Landschaften begleiten die Zuhörer die bildreichen Schilderungen des gespaltenen Ich-Erzählers. Der, so erklärt Dinic auf dem Dachboden vor seinen Zuhörerinnen und Zuhörern, Protagonist wie Antagonist in einem sei. Die Beziehung zu jenem Ort seiner Kindheit, Belgrad, in dem die guten Tage zunehmend verschüttet wurden unter Bomben, Krieg und der verhassten Ideologie des Milosevic-treuen Vaters ist gespalten. Die Sehnsucht nach der Heimat und die Verachtung für das dortige Regime stürzen den Heimkehrer in einen tiefen inneren Konflikt. Diese Verachtung für alles Faschistoide lässt ihn auf alles eindreschen. Vorzugsweise, so ergänzt Dinic, auf den Protagonist selbst.

Auf Fränzis Frage, was sie denn seien, wann sie denn kämen und wo im Buch sie denn zu finden seien, die guten Tage, verweist der Autor auf das Ende des Romans, der selbst an nur drei Tagen spielt. Es seien dennoch, bei aller Paradoxie, die Tage, die er als Kind im Krieg erlebt habe, gewesen, die "die guten" waren.

Das Publikum

Diese Wut und Zerrissenheit trägt der Autor auch in seiner Stimme zu den Zuhörern. Die Blicke sind gesenkt oder die Augen geschlossen, wer jemanden hat, kuschelt sich an. Bei jeder Passage, die Dinic vorträgt aber lauschen die Menschen gebannt der Schilderung einer fremden Welt.

Pausiert Dinic, erlöst er seine Zuhörer von der schweren Nostalgie des Erzählers. "Der ist mir selbst nicht ganz geheuer, meine lieben Erdmännchen", scherzt er. Und wie Erdmännchen hängen die Zuhörer an den Lippen des gebürtigen Serben. Man darf auch lachen, zwischendurch, an diesem Abend der schweren Themen, die jeder kennt: Verantwortung, Veränderung, die Suche nach Halt und Heimat und der Frage: "Habe ich die richtige Entscheidung getroffen?" Und applaudieren. Zum Beispiel, wenn Dinic unangekündigt beginnt, zu singen wie "der beste Punk Belgrads" aus seinem Buch es tut.

Mit ihm diskutieren, etwa über die Romantisierung Europas und der EU, über das Unding der Literaturnobelpreisverleihung Handkes und nichts geringeres als den heutigen Umgang mit dem Jugoslawienkrieg, der "Gutenachtgeschichte des 75 Jahre währenden Friedens." Es hat noch genug Bier und der Autor bleibt nach der Lesung noch ein wenig. Für die, die aufbrechen gibt er eine Musikempfehlung mit auf den Weg. Es ist ein serbisches und eines seiner Lieblingslieder. Übersetzt würde er bedeuten, verrät Dinic "Sei allein auf der Straße".

Die Stimmung

Dennoch ebbt das Gefühl nicht ab, einem Dialog von Freunden zu lauschen, wenn Marko Dinic Fränzi berichtet, dass er selbst manchmal nicht so genau wisse, was "der Autor sich dabei gedacht habe".

Große Passagen seiner ausgewählten Kapitel trägt Dinic frei und voller Wut vor, wie es nur einer kann, der selbst gespürt hat, wovon er schreibt. Er spricht dadurch viel mehr mit dem Publikum als zu ihm.

Es kann schon passieren, dass man vergisst, dass da unten noch Schuhe stehen. Dass man noch heim muss heute und das hier kein gewöhnlicher WG-Abend ist. So schwer die Themen, so geborgen und nahbar ist doch die Atmosphäre dieses Konzepts. One-Night-Zwischenmieter und -Gast zu sein, sich in die Kissen zu kuscheln und die Wanddeko zu bewundern, macht neben einem generellen Gefühl von Zuhause Literatur zu dem, was sie sein kann: ein Ort zum Verweilen.