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Wie tickt die Generation Porno?

Fabian Thomas

Internet-Pornoseiten sind ein Gewinner der Krise. Doch nicht erst seit dem jüngsten Skandal um Pornhub ist klar, dass die Branche Schattenseiten hat. Was bedeutet es für eine Gesellschaft, wenn Millionen Menschen Videos schauen, in denen Frauen erniedrigt werden?

Ran Gavrieli weiß noch nicht, dass das Video seines Vortrags über 20 Millionen Mal auf YouTube angeschaut werden wird. Manche würden rot anlaufen, wenn sie auch nur vor fünf Leuten über Gavrielis Vortragsthema referieren müssten. Doch der 33-jährige Doktorand der Gender Studies steht seelenruhig auf der Bühne der TEDx-Konferenz in Jaffa und erklärt der Welt in gut 15 Minuten, warum er sich nie wieder Pornos anschauen will. "Ich habe aus zwei Gründen aufgehört", beginnt Gavrieli.

"Erstens, Pornos haben so viel Wut und Gewalt in meine sexuellen Fantasien gebracht, Wut und Gewalt, die dort ursprünglich nicht waren. Der zweite Grund ist, dass ich realisiert habe, dass ich nur durch das Anschauen von Pornos eine Nachfrage nach gefilmter Prostitution erzeuge. Denn das ist, was Pornos wirklich sind: gefilmte Prostitution".

26 Prozent mehr Besucher

Ran Gavrieli ist eine Ausnahme. Pornographie ist durch das Internet zum Massenphänomen geworden, unter den 20 meistbesuchten Webseiten in Deutschland befanden sich 2019 drei Pornoseiten. 2020, ein Jahr, in dem sich Menschen (mit viel Klopapier) zu Hause isolierten, dürften die Zahlen weiter gestiegen sein. Der Branchenriese Pornhub liefert erste Anhaltspunkte auf dem hauseigenem Statistik-Portal Pornhub Insights: So gibt es in Deutschland seit März 2020 bis zu 26 Prozent Besucher mehr pro Tag auf "Pornhub.com".

Jugendliche sind im Schnitt nur 12,7 Jahre alt, wenn sie zum ersten Mal harte Online-Pornos konsumieren, so eine Studie der Uni Hohenheim. Eine aktuelle Umfrage der Europäischen Gesellschaft für Urologie fand heraus, dass die befragten 3267 Männer durchschnittlich 70 Minuten pro Woche Pornos schauen. Welche Folgen haben Pornos für die steigende Zahl der Konsumenten?

Veränderte Fantasien

Gavrieli berichtet in seinem TED Talk, dass er vor seinem Pornokonsum immer ein starkes Narrativ der Sinnlichkeit und Gegenseitigkeit in seinen sexuellen Fantasien vorkam. "Ich stellte mir vor: Was würde ich zu ihr sagen? Was würde sie antworten? Wie würde körperliche Anziehung zwischen uns Schritt für Schritt entstehen?". Nachdem er sich angewöhnt hatte, regelmäßig Pornos zu schauen, hätten sich seine Fantasien verändert, erzählt Gavrieli weiter.

"Ich versuchte zu masturbieren, schloss meine Augen, versuchte verzweifelt über etwas Menschliches zu phantasieren und schaffte es nicht, weil mein Kopf mit all den Bildern von benutzten und vergewaltigten Frauen bombardiert wurde, die gezwungen wurden, so zu tun, als ob sie Spaß an diabolischen Spermienrituale hätten." So zeigten 80 bis 90 Prozent der Online-Pornos Sex ohne Hände, damit die Kamera die Penetration filmen könnte. Gavrieli bezweifelt, dass Sex ohne Hände ein authentisches sexuelles Bedürfnis ist.

Die Freiburger Psychotherapeutin Simone Adams geht davon aus, dass Pornographie die sexuellen Vorlieben beeinflussen kann. Durch Pornos würden wir immer abgestumpfter, und müssten dann die Reize weiter erhöhen, so Adams. Pornos überschritten dann auch die Grenze zu Perversionen, "nicht, weil die Leute, die Pornos produzieren pervers sind, sondern weil die sagen, damit krieg ich nochmal mehr Klientel". Schließlich ist auch die Pornoindustrie eben genau das: Eine Industrie, die den Gesetzen des Marktes folgt.

Pornokonsum und Erektionsstörungen

Dazu kommen körperliche Folgen: Die Untersuchung der Europäischen Gesellschaft für gaben 23 Prozent der Teilnehmer unter 35 Jahren an, Erektionsprobleme zu haben. Dies deutet darauf hin, dass ein Zusammenhang zwischen Pornokonsum und Erektionsstörungen – eigentlich ja ein Problem älterer Männer – vorliegen könnte, etwa wegen der De-Sensibilisierung durch Pornos: Nur 65 Prozent der befragten Männer fanden Sex mit einem Partner erregender als Pornokonsum.

Maria Konnikova hält das für Unsinn. In einem 2015 im Magazin "Aeon" erschienenen Artikel zitiert die US-Psychologin eine Studie, bei der die sexuelle Erregung von 280 Männern gemessen wurde. Die Männer, die angaben, viel und regelmäßig Pornos zu schauen, hatten mehr Lust auf Sex mit einem Partner als die, die seltener Pornos schauten. Konnikava bezweifelt, dass Pornos Männer generell gewalttätiger machen: Forscher fanden heraus, dass dies nur Männer betreffe, die schon zuvor zur sexuellen Aggression tendierten. Pornographie sei eine Reflektion schon vorhandener Rollenbilder, schreibt Konnikova. "Wir sollten uns Sorgen machen über die Art von Gesellschaft, die zu solchen Formen von Pornografie führt, die wir als unangenehm empfinden - und daran arbeiten, diese Gesellschaft zu reparieren. Also sind Pornos gar nicht das Problem?

Gefilmte Prostitution

"Das Problem ist nicht Pornographie, sondern Vergewaltigung", schreibt der New York Times Journalist Nicolas Kristof in seinem Artikel "Pornhubs Kinder". Darin klagt er an, dass zahlreiche Videos auf Pornhub Minderjährige nackt oder beim Sex zeigen, oft weil ihre Ex-Freunde die Filme gegen ihren Willen hochladen. Andere Videos zeigten heimliche Aufnahmen von duschenden Frauen. Kristof erzählt die Geschichte von Serena Fleites, die mit 14 Jahren ihrem damaligen Freund mehrere Nacktvideos schickte. Die Videos landeten auf Pornhub und Fleites’ Welt brach zusammen. Ein Nacktvideo von ihr hatte 400.000 Ansichten, berichtet Fleites. Sie bat Pornhub, die Videos zu entfernen, was auch geschah, doch sie wurden wieder und wieder von Nutzern der Seite hochgeladen.

Fleites traute sich nicht mehr in die Schule zu gehen, nahm Drogen, verkaufte online Nacktfotos von sich, weil sie sich für wertlos hielt. Heute lebt sie in mit drei Hunden in ihrem Auto und sucht einen Job. Serena Fleites’ Geschichte erinnert an Ran Gavrielis zweiten Grund, warum er keine Pornos mehr schaut: Pornokonsum unterstützt oft gefilmte Prostitution, nicht selten wider Willen der gefilmten Frauen.

Simone Adams zieht eine Parallele zur Popkultur: Da gebe es Frauen, deren Erotik völlig vom männlichen Blick her definiert zu sein scheint. Und dann gebe es Künstlerinnen wie Cardi B, die mit ihrem Song WAP ("Wet Ass Pussy") zeigt, dass weibliche Lust völlig anders sein kann als männlich definierte. Auch in der Pornowelt etablieren Regisseurinnen wie Erika Lust Formate, die mit stereotypen Genderrollen brechen. Lust berichtete im März der DPA, das ihre Filme – wie bei Pornhub – öfters geklickt werden. Der Unterschied zu Pornhub: Erika Lusts Darstellerinnen wollen gefilmt werden.

Mehr zum Thema: Quellen:

1. TED Talk mit Ran Gaverieli: https://www.youtube.com/watch?v=gILD4-tnaGc
2. Simone Adams: Tel: 0151/70570300 ; email@adams-freiburg.de (Aufzeichnung des Gesprächs vorhanden)
3. Umfrage European Association of Urology: https://www.urotoday.com
4. Essay Maria Konnikova: https://aeon.co
5. Pornhub Insights: https://www.pornhub.com (letztes verfügbares Update)
6. https://de.wikipedia.org
7. Uni Hohenheim Studie https://www.uni-hohenheim.de