fudder-Interview

Wie geht es einem psychisch Kranken in Zeiten von Corona?

Adriane Diener

Anton V. hat vor Jahren die Diagnose "paranoider Schizophrenie" bekommen. Wie geht er mit dem Lockdown um? Wie wirkt sich die Pandemie auf seine Psyche aus? Das hat ihn Adriane Diener gefragt.

Viele von uns leiden unter den momentanen Maßnahmen und Regelungen. Kaum noch Kontakte, fast keine Hobbys. Man fühlt sich einsam und die eigene Stimmung ist gedrückt. Doch wie gehen Menschen mit der gesamten Situation um, die psychisch bereits vorbelastet sind? fudder-Autorin Adriane Diener hat Anton V. interviewt, der mit paranoider Schizophrenie in einer Einrichtung in Südbaden lebt.

Wie strukturieren Sie Ihren Alltag in Zeiten der Pandemie im Vergleich zu vorher?

Mein Tag und der von den anderen Bewohnern wird vor allem durch die drei Mahlzeiten am Tag, also Frühstück, Mittag und Abendessen, strukturiert. Zwischen den Mahlzeiten steht für mich das Lesen von Literatur und das Gedichte schreiben an erster Stelle. Außerdem führe ich ein tägliches Telefonat mit meinem Vater, da ich meine Eltern momentan auch nur selten sehe und treffen kann. Davor wurden meine Tage ebenfalls durch die Mahlzeiten strukturiert, allerdings habe ich mich ein paar Mal in der Woche noch mit meinen Eltern und einem Freund treffen können. Auch die Besuche bei einer Freundin in einem anderen Bundesland fehlen mir.
Anton V. ist 47 Jahre alt und wohnt in einer Einrichtung für psychisch Kranke in Südbaden. Er hat seit mehreren Jahren die Diagnose "paranoide Schizophrenie". Sie ist die häufigste Form der Schizophrenie und geht mit vielen unterschiedlichen Symptomen einher.

Wie regelmäßig treffen Sie ihre Familie und Freunde?

Wie bereits beschrieben habe ich täglich telefonischen Kontakt zu meinem Vater. Ich treffe meine Eltern selten und wenn, dann nur draußen mit Maske. Andere Kontakte habe ich komplett eingestellt und stehe mit meinen Freunden nur telefonisch in Verbindung. Ab und zu schreibe ich auch Briefe, da etwas Selbstgeschriebenes eine persönliche Note verleiht. Einige der Bewohner in unserer Einrichtung haben nur Kontakt zum Pflegepersonal und sind beschränkt auf das Heim. Einige haben auch keinen Kontakt mehr zur Familie, da viele Familienmitglieder mit psychisch Kranken überfordert sind und es für sie vor allem in Phasen einer Psychose auch zu anstrengend ist. Hinzu kommt, dass die psychische Verarbeitung der ganzen Technologien für psychische Kranke schwerer ist, was die Folge hat, dass man nicht so einfach in Kontakt mit anderen bleiben kann. Für mich ist Telefonieren das einzige, wo ein gewisser lebendiger Kontakt gehalten wird.
"Ich würde gerne jemanden kennenlernen, mit dem ich mich über Kunst und Kultur austauschen kann."

Wie geht es ihnen in der derzeitigen Situation und wie kommen sie mit allem zurecht?

Mir geht es in der Pandemie gut. Ich war schon immer eher ein Einzelgänger und kann mich selbst beschäftigen. Das ist für andere psychisch Kranke nicht der Normalfall, denn durch die Pandemie sind wir auch in unserer Einrichtung isolierter und viele fühlen sich noch einsamer als sowieso schon. Mir geht es wie schon gesagt gut, aber gerade bei psychisch Kranken kann so eine Frage nicht pauschalisiert werden. Man muss sich das so vorstellen, dass psychisch Kranke auch Traurigkeit, Freude, Wut etc. fühlen, jedoch wesentlich schwächer oder stärker als andere Menschen. Und genau so, können sich diese Gefühle und Stimmungen auch ändern.

Was sehen Sie als positiv oder negativ in dieser Pandemie an?

Als negativ sehe ich, dass man keine neuen Kontakte knüpfen kann. Ich würde gerne jemanden kennenlernen, mit dem ich mich über Kunst und Kultur austauschen kann. Was ich außerdem noch sehr schade finde ist, dass die Kultur schrumpft und zurück geht. An sich positiv sehe ich nichts an der Pandemie. Allerdings vertraue ich der Wissenschaft und Technologie, so das wir in baldiger Zukunft hoffentlich auf einen Nenner kommen und alles wieder etwas normalisiert.
"Wenn man momentan aber lieber Menschen um sich herum haben möchte, um nicht alleine zu sein, ist so eine Einrichtung gut."

Meinen Sie, es ist momentan besser in einer Einrichtung wie dieser oder in einer eigenen Wohnung zu leben?

In so einer Einrichtung wird einem viel abgenommen, zum Beispiel die Medikamentenbeschaffung und Einnahme, die Wäsche wird gewaschen und um die Ernährung wird sich auch gekümmert. Auf der einen Seite ist das natürlich gut, auf der anderen Seite ist man stark abhängig und hat kaum noch Aufgaben im Alltag. Ob es nun gut ist in so einer Einrichtung oder alleine zu wohnen hängt auch vom schwere Grad der Erkrankung ab. Viele brauchen Unterstützung, weil sie es kognitiv nicht mehr alles alleine schaffen, oder weil sie eine dauerhafte Psychose haben und sich dementsprechend nicht mehr um sich selbst kümmern können. Andere wiederum sind voll arbeitsfähig und können gut alleine leben. Wenn man momentan aber lieber Menschen um sich herum haben möchte, um nicht alleine zu sein, ist so eine Einrichtung gut. Es kommt wie gesagt auf die Erkrankung an und darauf, was für einen selbst gut ist.

Fühlen Sie sich durch die Maßnahmen eingeschränkt oder empfinden Sie sie als störend?

Ja, ich fühle mich durch die Maßnahmen schon eingeschränkt. Das kennen sicher viele, dass es anstrengend ist als Brillenträger Maske tragen zu müssen. Außerdem würde ich mich gerne wieder mit anderen über bestimmte Themen wie Kunst austauschen, aber es ist einfach schwierig momentan neue Kontakte zu knüpfen. Ich mache alle Maßnahmen mit und denke daran, allerdings können das viele in unserer Einrichtung nicht immer, da sie kognitiv nicht mehr in der Lage dazu sind. Im Großen und Ganzen muss ich sagen, dass ich unserem Staat ein gewisses Vertrauen gegenüber bringe und das wir froh sein können, dass wir unsere Meinung äußern und protestieren dürfen, wenn man anderer Meinung ist und nicht so viel Vertrauen hat.

Auf was freuen Sie sich am meisten, wenn die Pandemie vorbei ist?

Ich freue mich am meisten auf Konzerte, Theatervorstellungen, wieder in Läden gehen zu können, zum Beispiel in Buchhandlungen und Antiquariate. Außerdem freue ich mich darauf, mich vom kleinen Dingen im Alltag wieder überraschen zu lassen und endlich wieder die Möglichkeit zu haben, spontan sein zu können.

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