Interview

Wie feiern Muslime Weihnachten?

Paula Meister

Für Christinnen und Christen, aber auch viele andere Menschen ist Weihnachten das wichtigste Familienfest im Jahr. Doch wie verbringen Musliminnen und Muslime die Weihnachtsfeiertage? Wir haben mit Idris Yapca vom Islamischen Zentrum in Freiburg gesprochen.

Für Christinnen und Christen ist Weihnachten eines der bedeutendsten religiösen Feste im ganzen Jahr. Aber auch für viele nichtgläubige Menschen ist Weihnachten das wichtigste Familienfest. Im Islam sind das Ende des Ramadans und das Opferfest die beiden zentralen Feste. Das Weihnachtsfest gibt es bei Muslimen nicht, viele nutzen aber die Feiertage, um die Familie zu sehen. Manche Muslime backen auch Plätzchen, gehen auf den Weihnachtsmarkt oder schmücken ihre Wohnung. Idris Yapca ist seit 13 Jahren ehrenamtlicher Mitarbeiter im Islamischen Zentrum in Freiburg. Paula Meister hat bei ihm nachgefragt, wie Muslime die Weihnachtstage verbringen.

Muslime feiern keine Weihnachten. Wie verbringen sie die Weihnachtstage?

Yapca: Muslime feiern kein Weihnachten. Das ist ein rein christliches Fest. Aber wir nutzen in dieser Zeit natürlich gerne die Situation, beispielsweise um die Familie zu besuchen. Es sind ja drei Feiertage hintereinander und meistens ist alles geschlossen.
"Die Jungfrauengeburt ist etwas, was Christen und Muslime sozusagen vereint."

Gibt es im Koran auch eine Weihnachtsgeschichte?

Yapca: Die Weihnachtsgeschichte an sich gibt es nicht. Es gibt aber die Sure Maryam. Die Sure Maryam berichtet ausführlich über das Wunder der Geburt von Isa, also Jesus. Die Jungfrauengeburt ist etwas, was Christen und Muslime sozusagen vereint. Sie wird im Christentum und im Islam als wahr angesehen und auch ausführlich im Koran beschrieben. Jesus spielt als Prophet im Koran eine sehr große Rolle, über ihn wird oft gesprochen. Viel mehr als über den Propheten Mohammed zum Beispiel.

Gibt es weihnachtliche Traditionen, die von Muslimen übernommen werden?

Yapca: Es kommt vor, dass manche Familien der Kinder zuliebe auch etwas zu Weihnachten schenken. Oder eher zu Silvester, damit das Kind nicht in der Schule benachteiligt wird. Manche Muslime gehen auch auf Weihnachtsmärkte. Ich persönlich auch, es gibt immer leckere Sachen zum Essen. Der ein oder andere schmückt auch bei sich zu Hause. Aus Spaß, den Kindern zuliebe oder weil sie es einfach toll finden.

"Letztendlich ist man Muslim, man ist Christ, man ist Jude und unsere Traditionen definieren uns."

Gibt es auch Muslime, die dagegen sind, solche Tradition zu übernehmen?

Yapca: Letztendlich ist man Muslim, man ist Christ, man ist Jude und unsere Traditionen definieren uns. Vieles ist auch entgegengesetzt in unserer Religion. Zum Beispiel wird Jesus im Christentum als Sohn Gottes gesehen. Bei uns nicht. Oder die Dreifaltigkeit. Das gibt es bei uns nicht. Das sind wirklich große Unterschiede. Daher kann man gewisse Dinge nicht übernehmen und soll man auch nicht. Man hat seine Religion mit seinen Ritualen, Gewohnheiten und seiner Gesetzgebung.

Oder Plätzchen backen. Das machen ja auch viele Menschen, die nicht christlich sind.

Yapca: Ja, Plätzchen backen, das machen auch viele. Ich persönlich habe das als Kind auch sehr gemocht. Ich bin in einem Dorf aufgewachsen, wo es kaum Türken gab, kaum Muslime. Meine Freunde waren mehr Deutsch oder halt aus anderen europäischen Ländern. Und ich habe mich immer gefreut an Weihnachten, weil ich wusste, da gibt es auch Plätzchen. Und wenn ich dann bei meinem Freund war, dann gab es diese schönen Plätzchen. Und mittlerweile backen auch Muslime gerne, weil die einfach gut schmecken. Ich meine auch viele Nicht-Muslime backen Sachen aus dem orientalischen Raum oder auch die Süßigkeiten, wie Baklava. Das ist ja das Schöne. In gewissen Dingen tauschen wir uns sehr gut aus.

"Man liest viel übereinander, anstatt dass man miteinander redet."

Wie gehen Muslime damit um, dass Weihnachten in einem Land wie Deutschland, so allgegenwärtig ist?

Yapca: Letztendlich ist es das Fest der Anderen. Uns stört da nichts. Es ist schön, dass es Weihnachten gibt oder generell Feiertage, auch von anderen Religionen und Menschen. Wenn sie diese feiern, finde ich das persönlich schön, weil es auch wichtig ist. Letztendlich ist diese Kultur ein Teil der Religion und sowas muss man beibehalten. Es sollte nicht in Vergessenheit geraten oder zu materiell werden. Was vielleicht ein bisschen stört ist, dass viele immer noch nicht wissen, dass Muslime kein Weihnachten feiern. Dabei leben Muslime seit über 60 Jahren in Deutschland. Da braucht es mehr Verständigung, miteinander reden.

Miteinander reden, das ist Ihnen sehr wichtig. Wieso?

Yapca: Mir ist der Dialog und die Völkerverständigung und Kulturverständigung innerhalb von Freiburg sehr wichtig. Ich denke im kleinen Format, wir sind eine Moschee in Freiburg. Wir haben früher sehr viele Aktionen gehabt, wo wir fördern wollten, dass Muslime und Nicht-Muslime in Kontakt kommen. Wir haben Straßenfeste gemacht, den Tag der offenen Moschee. Oder die Dialogarbeit "Tee in der Moschee" von unseren Schwestern, wo man sich bei einem Glas Tee oder Kuchen austauschen kann. Seit ein paar Jahren auch in Kooperation mit der Pfarrerin Gabriele Hartleb. Leider ist es immer noch so, dass man viel zu wenig über den anderen kennt, auf beiden Seiten. Man liest viel übereinander, anstatt dass man miteinander redet. Miteinander reden geht nur, wenn man einen Schritt macht und jemanden einlädt. Ob es jetzt zum Tee ist oder zum Kuchen. Ich denke, es ist wichtig sich auszutauschen, sich zu treffen, anstatt sich nur über die Zeitung oder das Fernsehen zu kennen. Das fehlt. Es hat schon immer gefehlt. Es ist besser geworden, aber wir haben noch viel vor. Auf beiden Seiten.

"Jetzt in diesen Zeiten ist Liebe das A und O."

Vielen Dank für das Gespräch. Gibt es noch etwas, dass sie sagen möchten?

Yapca: Ich wünsche den Menschen ein besinnliches Fest. Die Werte, die an Weihnachten vermittelt werden, sind sehr wichtige und sehr schöne Werte, die es in jeder Religion auch so gibt. Wir sind verpflichtet diese Werte zu erhalten und weiterzugeben. Letztendlich geht es um Liebe und Liebe hat in jeder Religion den höchsten Stellenwert. Und mit mehr Liebe denke ich, kommen wir alle voran. Egal wo, egal in welcher Stadt. Jetzt in diesen Zeiten ist Liebe das A und O.
Zur Person: Idris Yapca, 44 Jahre alt, ist seit 13 Jahren ehrenamtlicher Mitarbeiter im Islamischen Zentrum.