Namen und Geschichten

Wer steckt hinter diesen Freiburger Straßennamen?

fudder-Redaktion

Wir gehen täglich an ihnen vorbei und wohnen teilweise seit Jahren in ihnen: Die Straßen von Freiburg. Doch wer sind ihre Namensgeber und was haben sie erlebt? Das fudder-Team stellt 8 Straßen vor.

Wir wohnen in ihnen, betrachten sie, während wir auf die Straßenbahn warten, sehen sie im Vorbeigehen. Aber oft verstehen wir sie gar nicht richtig: die Freiburger Straßennamen. Wer sind all diese Menschen, die durch die Namensgebung von Straßen und Plätzen geehrt werden? Viele kennen wir, aber, geben wir es zu: viele auch nicht. Manchmal gibt es eine kurze Information auf den Straßenschildern, doch häufig bleibt der Name allein. Doch kann ein so kurzer Satz den Persönlichkeiten, die auf den Schildern verewigt sind, überhaupt gerecht werden? Hier kommt spannendes Hintergrundwissen zu den Menschen, an deren Namen wir im Alltag viel zu oft vorbeisehen.

Okenstraße in Herdern

Die Okenstraße, die auch durch die gleichnamige Straßenbahn-Haltestelle bekannt ist, hat ihren Namen Lorenz Oken zu verdanken. Der hieß allerdings eigentlich gar nicht Oken mit Nachnamen, sondern Okenfuß. Lorenz Oken lebte von 1779 bis 1851 und war Naturforscher und Naturphiolosoph.

Nach seiner schulischen Laufbahn am Franziskaner-Gymnasium Offenburg und an der Stiftsschule in Baden-Baden studierte Oken in Freiburg Medizin. Während seines Studiums und seiner Promotion forschte er unter anderem an der Entwicklung des Darmtrakts bei Hühnerembryonen im Vergleich zu anderen Säugetieren. Später war Oken als Professor in Jena tätig, musste seine Professur nach einigen politischen Äußerungen, die der Weimarer Hof nicht guthieß, niederlegen. Daraufhin gründete Oken die "Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte", trat eine Professur in München und später eine an der Universität Zürich an, der er später auch als Rektor vorstand.

In Zürich lebte Lorenz Oken dann bis an sein Lebensende. Zuvor verfasste er noch zahlreiche Bände der "Allgemeinen Naturgeschichte für alle Stände" und sein "Lehrbuch der Naturphilosophie". Nach seinem Tod gelangte der größte Teil von Okens Nachlass in die Universitätsbibliothek Freiburg und kann teilweise auch digital über Kalliope abgerufen werden. Zu Okens Gedenken wurden in allen Städten, die prägend für sein Leben waren, Straßen nach ihm benannt. So gibt es eine Okenstraße in Jena, Karlsruhe, Offenburg und Zürich – und natürlich die Okenstraße in Freiburg, Lorenz Okens Studienstadt.
Carolin Johannsen

Martha Walz-Birrer Straße in Haslach

Die Martha Walz-Birrer Straße liegt in einem eher ruhigeren Wohngebiet im Stadtteil Hasslach, ganz in der Nähe vom Dietenbachpark. Das Besondere an der Straße: es gibt sie erst seit Sommer 2019. Davor hieß sie noch Julius-Brecht-Straße, benannt nach einem ehemaligen Bundestagsabgeordneten, der sich nach dem zweiten Weltkrieg für ein gemeinnütziges Wohnungswesen eingesetzt hatte.

Nach Recherchen kam allerdings heraus, dass Brecht während der Kriegszeit dafür mit zuständig war, jüdische Bürger und Bürgerinnen aus ihren Wohnungen zu vertreiben. Dies führte zu einer Umbenennung zu Ehren der Baslerin Martha Walz-Birrer. Doch wer war diese Frau und wie kam es zu der Ehrenbürgerschaft?

Martha Walz wurde 1898 in der Schweiz geboren und wuchs in der Nähe von Luzern auf. Im Jahre 1925 heiratete sie den CVP Politiker Josef Walz, mit dem sie kurz darauf nach Basel zog. Dort engagierte sich die Schweizerin sehr für soziale Projekte und Einrichtungen, wie dem kirchlichen Elisabethenverein oder dem katholischen Frauenbund.
Direkt nach dem zweiten Weltkrieg war das Leid und der Hunger in Freiburg sehr groß. Betroffen waren vor allem auch viele Kinder.

Martha Walz-Birrer organisierte mit Hilfe der Caritas Basel eine Lebensmittelspendenaktion für die verzweifelten Freiburger und Freiburgerinnen. Zudem verteilte sie von 1946 bis 1949 rund 900.000 Essenrationen an hungernde Kinder. Sie selbst übernahm die Leitung der Kinderspeisung und half auch tatkräftig bei der Essensausgabe vor Ort mit. Die Organisation der Hilfsaktion wurde währenddessen von dem Pfarrer Franz Blum von Basel aus koordiniert.Zum Dank für diese soziale Bereitschaft wurden Martha Walz-Birrer und Franz Blum 1950 von der Freiburger Stadt zum Ehrenbürger und Ehrenbürgerin ernannt. Seit Juli 2019 gibt es in Freiburg nun auch eine Martha Walz-Birrer Straße. Jennifer Fuchs

Jacobistraße in Herdern

Mehrheitlich große Altbauten und schattenwerfende Bäume säumen die Herdermer Jacobistraße. Namensgeber der Straße: Johann Georg Jacobi, Poet und Inhaber des Lehrstuhls der schönen Künste und Wissenschaften im 18. Jahrhundert und damit: erster protestantischer Professor und Rektor im damals katholisch geprägten Freiburg – ein Affront!
Jacobi, geboren 1740 bei Düsseldorf, wuchs in einer Kaufmannsfamilie auf, die Beziehungen in die höchsten gesellschaftlichen Kreise hatte. Zu seinen Bekannten zählten Goethe, Schiller und Herder. Schon früh zeigte er ein Faible für die Poesie, studierte zunächst jedoch Theologie, Jura und Philologie.

1766 nahm er die Professur der Philosophie in Halle an, wo er sich wieder vermehrt der Poesie widmete: mehrheitlich Trink- und Liebesliedern. Nach weiteren Stationen seiner Karriere als Herausgeber einer Literatur- und der ersten deutschen Frauenzeitschrift erfolgte 1784 der Ruf an die Uni Freiburg durch Kaiser Joseph II. persönlich.

Im Rahmen der Universitätsreformation und durch die Berufung anerkannter Wissenschaftler an die Universität erhoffte sich der Kaiser einen Aufschwung für Universität und Stadt. Zuständig für die Umsetzung der Reformen war Hermann von Greiffenegg. Da klingelt doch etwas…

Jacobi, zunächst nur widerwillig aufgenommen, entwickelte sich schnell zu einem der führenden Kulturvertreter der Stadt und seine Vorlesungen waren beliebt, nicht nur bei Studierenden, sondern bei Bürgern aller sozialen Schichten. Besonders auffällig: die hohe Zahl weiblicher Besucherinnen. In der Folge wurde er zweimal Rektor der Universität.
Als Jacobi 1814 im Alter von 73 Jahren starb, nahm die gesamte Universität Abschied. Der preußische König grüßte den Leichenzug. Jacobis Schüler, Rotteck (klingeling), hielt die Trauerrede. Heute befindet sich eine Gedenktafel am Schwarzwälder Hof, in der Herrenstraße 43: seinem Wohnhaus.
Sedric Curic

Johann-von-Weerth-Straße in der Wiehre

"Johann Minus von Minus Weerth mit doppel E und TH Straße." Wenn die Bewohnerinnen und Bewohner der Johann-von-Weerth-Straße mal wieder buchstabieren müssen, kommt es nicht selten vor, dass sie neidisch auf die Nachbarn aus der Bayern- oder Reiterstraße schielen. Doch widmen wir uns dem Namensgeber: Johann von Werth (meistens wird das zweite E weggelassen) war ein armer Bauernjunge mit sieben Geschwistern, der sich hocharbeitete und mittlerweile als einer der bekanntesten deutschen Reitergeneräle im Dreißigjährigen Krieg gilt. Er kämpfte auf spanischer, bayerischer und zuletzt auf kaiserlicher Seite bedeutend mit.

Von Weerth stammt aus Büttgen am Niederrhein und starb im Jahr 1652 vermutlich an einer Blutvergiftung. Er war drei Mal verheiratet, unter anderem auch mit der minderjährigen Gräfin Susanna Maria von Kuefstein. Neben der Straße in Freiburg gibt es auch in München eine Johann-von-Weerth-Straße sowie weitere Straßen (von-Werth) in Köln, Grevenbroich und Troisdorf.
Gina Kutkat

Hans-Bunte-Straße in Brühl

Die Hans-Bunte-Straße wäre rund um Freiburg wohl kein Begriff, läge hier nicht der gleichnamige größte Techno-Club der Region. Doch Hans Hugo Christian Bunte hat unser Leben mehr beeinflusst als nur durch legendäre Partynächte: Ende des 19. Jahrhunderts setzte der bayrische Chemiker die Grundbausteine für die Heiztechnik und Wärmewirtschaft, wie wir sie heute kennen. 1869 promovierte er, nachdem er unter anderem bei Robert Bunsen und Emil Erlenmeyer in Heidelberg sowie in Stuttgart und Erlangen studiert hatte.

So wie der Brenner nach Bunsen und der Schüttelkolben nach Erlenmeyer benannt wurden, taufte man eine von Hans Bunte entdeckte Salzgruppe bei Schwefelverbindungen auf den Namen "Bunte-Salz". Der Chemiker habilitierte sich im Jahr 1872 an der TH München und lehrte ab 1887 als ordentlicher Professor der chemischen Technologie an der Technischen Hochschule Karlsruhe. In dieser Zeit entwickelte sich Bunte zum führenden Experten und Pionier der Gas-, Brenn- und Feuerstofftechnik, und gestaltete die öffentliche Gasversorgung maßgeblich mit.

Unter anderem entwickelte er einen Ofen zur Gasherstellung aus Kohle und erfand die nach ihm benannte "Bunte-Bürette" zur Analyse von Gasen. Als Vorsitzender des Deutschen Vereins von Gas- und Wasserfachmännern begründete er das Gasinstitut in Karlsruhe mit, das heute als Engler-Bunte-Institut Teil der Fakultät für Chemieingenieurwesen und Verfahrenstechnik des angesehenen Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) ist.
Claudia Förster

Paula-Modersohn-Platz in Vauban

Wir kennen die Haltestelle in Vauban. Im Gegensatz dazu war die Künstlerin Paula Modersohn-Becker (1876-1907), geborene Becker, die nur 31 Jahre alt wurde, zu Lebzeiten komplett unbekannt. Sie wurde als das das dritte von sieben Geschwistern in Dresden geboren. Kunst und Literatur spielten eine große Rolle bei der Erziehung. Als Paula 16 Jahre alt war, schickten ihre Eltern sie nach England. Dort hatte Paula die Möglichkeit, eine Kunstschule zu besuchen und entwickelte den Wunsch, Malerin zu werden. Während ihr Vater auf eine solide Ausbildung als Lehrerin pochte, erhielt Paula Unterstützung von ihrer Mutter.

Mit 23 Jahren durfte sich Paula Becker an einer kleinen Kunstausstellung in der Bremer Kunsthallte beteiligen, die vor allem Nachwuchskünstler fördern wollte. Doch ihr Stil entsprach nicht dem damals geltenden Kunstideal: die Welt sollte möglichst schön dargestellt werden. Doch Paulas Bilder sind nicht unbedingt schön, sondern zeigen die Welt realistisch, die Gesichter, die sie malt, sind oft von einer beinahe grotesken Verzerrung geprägt, denn sie wollte vor allem ihren subjektiven Eindruck der Realität darstellen. Eine Zeitung machte sich über die Bilder der jungen Künstlerin lustig und bezeichnete sie als "hässlich".

Paula war am Boden zerstört und suchte danach nie wieder mit ihrer Kunst die Öffentlichkeit. Doch als wäre sie von einer Vorahnung getrieben, war sie in den folgenden Jahren sehr produktiv: in knapp 14 Jahren schuf sie unter anderem 750 Gemälde und etwa 1000 Zeichnungen. Dabei ließ sie sich weder vom gängigen Kunstverständnis noch von der Dominanz der Männer in der Branche verunsichern. Heute sind Kunstkritiker sich einig: Mit ihrem Stil hatte Paula Becker die Moderne gefunden, noch bevor diese überhaupt begonnen hatte.

Paula heiratete 1901 den Künstler Otto Modersohn, machte schon bei ihrer Hochzeit deutlich, dass sie aufgrund der Ehe nicht auf ihre künstlerische Karriere verzichten werde. Otto Modersohn war beeindruckt von ihr, konnte ihre ungewöhnliche Kunst, die so ganz ohne Erfolg zu bleiben schien, jedoch nie richtig nachvollziehen. Als 1907 die gemeinsame Tochter Mathilde zur Welt kam, erholte sich Paula sehr schlecht von den Strapazen der Geburt. Als sie zwei Wochen nach der Geburt das erste Mal aufstehen konnte, fiel sie zu Boden und starb aufgrund einer Embolie. Obwohl ihr Leben so kurz war und so ein dramatisches Ende hatte, hinterließ Paula Modersohn-Becker ein beeindruckendes Werk. Im Alter von 24 Jahren hatte sie geschrieben: "Ich weiß, ich werde nicht sehr lange leben. Aber ist das denn traurig? Ist ein Fest schöner, weil es länger ist? Und mein Leben ist ein Fest, ein kurzes, intensives Fest."
Maya Schulz

Sautierstraße im Stühlinger

Das Wortspiel, das ein weibliches Schwein als Namensgeberin der Straße im Stühlinger vermuten lässt, ist oft gehört und wirft doch ebenso oft die Frage auf: Wer oder was ist Sautier?Heinrich Sautier (ausgesprochen wie Bankier) wurde 1746 in Freiburg geboren. Als Sohn des Gründers eines Freiburger Bankhauses war er mitverantwortlich für die 1803 gegründete Volkskasse, eine Vorgängerin der heutigen Sparkasse. Sein soziales Engagement für bedürftige Jugendliche brachte ihm den Beinamen des Stifters ein.

Die Mitglieder seiner Stiftung erhielten eine christlich-religiöse Ausbildung und mit Abschluss der selbigen auch finanzielle Unterstützung. Unter anderem Philipp Merian und Philipp Valentin von Reibelt waren als Geldgeber an der Stiftung beteiligt, die dadurch den schmissigen Namen Sautier-Reibelt-Meriansche Stiftung zur Ausbildung und Ausstattung dürftiger Jünglinge und Jungfrauen erhielt. Sautier gilt damit heute noch als Vorreiter der sozialen Arbeit. Er starb 1810 in seiner Geburtsstadt Freiburg und liegt dort auf dem alten Friedhof begraben.

Lukas Viets


Stefan-Meier-Straße in Herdern

Ein Jahr nach Ende des Zweiten Weltkrieges bekam die Bismarckstraße in Herdern einen neuen Namen: Stefan-Meier-Straße. Mit dieser Geste wollte die Stadt Freiburg ihren ehemaligen Reichstagabgeordneten ehren, der 1944 im KZ Mauthausen von den Nazis ermordet worden war. Die Geschichte des Namensgebers der Straße beginnt 1889 in Neustadt im Schwarzwald, wo Stefan Meier geboren wurde. Er wuchs in Freiburg auf, begann mit 16 Jahren eine kaufmännische Lehre und betrieb später eine Zigarrenhandlung in der Merianstraße.

Als Jugendlicher trat Stefan Meier in die SPD ein und wurde, nachdem er im Ersten Weltkrieg gedient hatte, 1919 zum Stadtrat und SPD-Parteisekretärs für den Kreis Freiburg ernannt. Als Vertreter des Wahlkreises zog Meier 1924 in den Reichstag der Weimarer Republik ein. Dort stimmte er 1933 als einer von 94 Abgeordneten gegen das Ermächtigungsgesetz, das Hitler die sogenannte "Machtergreifung" ermöglichte. Nach einer Gefangenschaft im KZ Ankenbuck im Jahr 1934 hielt sich der Freiburger Sozialdemokrat politisch zurück, unterstütze die lokalen Widerstandsgruppen aber finanziell.

Nachdem er 1941 von einer Nachbarin denunziert worden war, wurde er wegen "Wehrkraftzersetzung" und "Vorbereitung zum Hochverrat" zu einer Zuchthausstrafe verurteilt. Sofort nach deren Verbüßung deportierte man ihn nach Mauthausen, wo er 1944 – offiziell wegen akuter Herzschwäche – starb. Heute wird nicht nur auf dem Stolperstein vor Meiers Wohnhaus in der Merianstraße 11 an seinen Widerstand erinnert, sondern auch auf dem Denkmal zur Erinnerung an die 96 von den Nazis ermordeten Reichstagabgeordneten im Berliner Reichstag.
Claudia Förster

Konradin-Kreutzer-Straße

Die kleine Straße im Stadtteil Brühl-Beurbarung kennt fast niemand, dabei sieht sie mit ihren steinernen Säulen an den Eingängen im ansonsten von Wohnblöcken geprägten Stadtteil ganz schick aus. Wer Konradin Kreutzer war, wissen vermutlich nur Liebhaber älterer musikalischer Genres. Er lebte von 1780 bis 1849 und war ein Vertreter der Frühromantik und des musikalischen Biedermeier, der aus Meßkirch, nicht weit vom Bodensee stammt. Im frühen 19. Jahrhundert war sein musikalischer Einfluss durchaus hoch. Heute kennt man vor allem Teile seiner Oper "Nachtlager in Granada". Sein Name wurde in der baden-württembergischen Auszeichnung "Conradin-Kreutzer-Tafel", der für Verdienste an der Laienmusik vergeben wird, verewigt. Was hat das alles mit Freiburg zu tun? Kreutzer war zeitweise Freiburger. Ab 1799 studierte er an der Universität auf Wunsch seines Vaters Jura, bis er dann seine musikalische Karriere nach dem Tod des Vaters weiter forcierte – und in Freiburg auch seine erste kleine Oper aufführte.
Anika Maldacker

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