Bildungsarbeit und Social Media

"We talk Freiburg" will jungen Leuten Kommunalpolitik näherbringen

Anika Maldacker

"We talk Freiburg", ein 20-köpfiges Team aus Freiburg, will jungen Menschen die Arbeit des Gemeinderats erklären – ehrenamtlich und auf Social Media. In einem Format nehmen sie Martin Horn aufs Korn.

Sie schreiben in stundenlangen Gemeinderatssitzungen mit, interviewen Stadträtinnen und -räte und erklären, was ein Doppelhaushalt ist: Das Projekt "We talk Freiburg". Seit rund einem Jahr informiert das rund 20-köpfige Team ehrenamtlich aus der Freiburger Kommunalpolitik. Sie wollen jungen Menschen Kommunalpolitik spannend erklären, sie über aktuelle Debatten auf dem Laufenden halten – und damit die Demokratie stärken. Alles ehrenamtlich und gefördert mit einer vierstelligen Summe.


"What the Stadtrat" heißt eine ihrer Reihen. "Wir diskutieren vor jeder Gemeinderatssitzung darüber, welche zwei Themen wir detaillierter vorstellen werden", erklärt Johanna Scharmer. Am Anfang konnte man in den sozialen Netzwerken noch darüber abstimmen, das wurde wegen des Aufwands aber wieder verworfen.



Mit Kamera, Mikrofon und Notizblock verfolgen zwei bis drei Mitglieder den Gemeinderat bei seiner Arbeit und holen später bei den Stadträten kurze Interviews vor der Kamera ein. Zuletzt ging es um die Schlagstöcke des Vollzugsdiensts, um hohe Mietpreise und die neuen Corona-Regeln. In der Reihe, "Freiburg, was geht?", greift die Gruppe aktuelle, lokale Debatten auf.

Beiträge werden meist über Facebook und Instagram veröffentlicht

"Wir richten uns vorrangig an 14- bis 30-Jährige", erklärt die 21-jährige Anna Nell. Das Team will vor allem Menschen erreichen, die Kommunalpolitik bisher nicht verfolgen. "Wir wollen zeigen, dass im Gemeinderat Dinge entschieden werden, die junge Leute auch betreffen können", sagt die 24-jährige Johanna Scharmer. Daher veröffentlicht die Gruppe ihre Beiträge meistens über Facebook und Instagram. "Wir wollen die Leute da erreichen, wo sie unterwegs sind", sagt Anna.

Horn ist der Amtsfluencer

Dazu nutzen sie auch Share Pics, also Fotos, auf denen kurz Themen oder Entscheidungen erklärt werden – oder Humor. In dem nicht ganz ernst gemeinten Format "Martin der Woche" nehmen sie die Instagram-Aktivität des Freiburger OB, den sie meist "Amtsfluencer" nennen, auf’s Korn. Den Begriff Amtsfluencer nutzen sie auch konsequent anstellen von "Oberbürgermeister". Und auch sonst ist der Ton in den Beiträgen teils ironisch oder lockerer, als in üblichen Nachrichtenformaten.

"Wir achten darauf, dass politisch aktive Mitglieder nicht in Beiträge involviert sind, über die ihre Partei debattiert." Johanna Scharmer
Dabei ist der Gruppe bewusst, dass ihre Berichte vor allem in der politisch-interessierten Blase, aus der sie selbst kommen, wahrgenommen werden. "Ich hab aber schon von Bekannten positive Rückmeldungen bekommen, die sich vorher wenig für Politik interessieren", sagt Johanna Scharmer. Sie studiert Jura an der Uni und bereitet sich auf das erste Staatsexamen vor.



Anna Nell studiert Soziale Arbeit an der Evangelischen Hochschule und ist Mitglied bei der Wählervereinigung Junges Freiburg. Auch andere Mitglieder sind bei Parteien oder Organisationen dabei, wie der FDP, der Jungen Union, der SPD oder den Linken.

Das Team traf sich im Vorfeld der Kommunalwahl 2019

Diese Nähe zur Politik wurde der Gruppe schon vorgeworfen. "Wir achten darauf, dass politisch aktive Mitglieder nicht in Beiträge involviert sind, über die ihre Partei debattiert", sagt Johanna. Den Beitrag zur Schlagstock-Debatte hätten die politisch aktiven Mitglieder beispielsweise vorher nicht gesehen. "Es ist auch gut, dass wir aus verschiedenen politischen Lagern kommen, weil wir uns so gegenseitig kontrollieren", sagt Johanna. Gefördert wird das Projekt aus mehreren Töpfen: dem vom Bundesfamilienministerium getragenen Programm "Demokratie leben", dem Stadtjugendring und dem Ring Politischer Jugend Freiburg.



Das Team hinter "We talk Freiburg" hat sich im Vorfeld der Kommunalwahl 2019 gebildet. Die jungen Leute haben sich bei der Organisation des Kandidierenden-Grillen im Mai vergangenes Jahr zusammengefunden. Im Artik, das als Träger des Projekts fungiert, nutzt die Gruppe einen Raum. "Wir treffen uns normalerweise ein Mal pro Woche, um über Themen zu beraten", sagt Anna, im Moment geschehe das über Zoom. "Vor der Landtagswahl im März werden wir uns sicher öfter treffen", fügt Johanna hinzu. Denn dann soll wieder ein Kandidierenden-Grillen stattfinden – online oder vor Ort. Die Gruppe bereitet sich auf beides vor.
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