Kolumne zum Verstehen und Handeln

Was ist eigentlich Care-Arbeit?

Oliwia Hälterlein

Die Welt verstehen und wissen, wie man richtig handelt, ist manchmal gar nicht so einfach. Kulturwissenschaftlerin Oliwia Hälterlein möchte mit ihrer Kolumne aktuelle Themen erklären. Teil 1: Ein Interview zur Care-Arbeit.

Sascia Bailer arbeitet an der Schnittstelle von Kuratieren, öffentlichem Raum und gesellschaftlichem Wandel. Sie war Künstlerische Leiterin 2019/20 von M.1 der Arthur Boskamp-Stiftung, bei dem sie ein partizipatives Programm zum Thema Care initiiert hat. Außerdem promoviert sie an der Zürcher Hochschule der Künste und der University of Reading zum Verhältnis von Kuratieren und Care. Sie lebt mit ihrem Kind in Müllheim (Baden).
Instagram: @bits_and__pieces

Was bedeutet Care-Arbeit?

Sascia Bailer: Care-Arbeit oder Sorgearbeit, ist jene Arbeit, die es bedarf um Leben zu kreieren und aufrecht zu erhalten, sowohl das eigene als auch das von anderen. Dazu gehört im privaten Bereich das Kindergrossziehen, die Pflege von Angehörigen und das alltägliche Haushalten – putzen, waschen, kochen. Aber auch "emotionale Arbeit" gehört dazu: das Pflegen und Aufrechterhalten von sozialen Beziehungen unter Freund*innen, Familienmitgliedern und Arbeitskolleg*innen. Im öffentlichen Gesundheitswesen wird Care-Arbeit beispielsweise in Krankenhäusern, Altenpflege und Einrichtungen für Menschen mit Behinderungen ausgeführt. Aber auch ehrenamtliches Arbeiten ist aus dem Sozialwesen nicht wegzudenken. Was sowohl private als auch öffentliche Care-Arbeit vereint: Sie wird entweder gar nicht oder schlecht bezahlt, sie wird vermehrt von Frauen* und insbesondere von Frauen* mit Migrationshintergrund verrichtet (Stichwort: transnationale Fürsorgeketten).

Warum wird gerade jetzt während der Corona-Pandemie Care-Arbeit so stark thematisiert?

Sorgearbeit, insbesondere auch mütterliche Fürsorge, wird gesellschaftlich stark romantisiert, als etwas liebevolles, hingebungsvolles. Daraus wird schlussfolgernd argumentiert, dass Sorgearbeit, diese "Arbeit aus Liebe" dem Wesen von Frauen* entspräche – da sie unentlohnt bleibt, wird sie auch nicht als Arbeit ernst genommen, obwohl sie überlebensnotwendig ist. Die Pandemie hat nun aber das paradoxe Verhältnis von Sorgearbeit und Gesellschaft offengelegt: Diese un(ter)bezahlte Sorgearbeit ist "systemrelevant", ohne Pflegekräfte, Erzieher*innen, Lehrer*innen und Eltern, die Home-Office neben Home-Schooling und Kinderbetreuung wuppen, zerbricht das Gerüst auf dem unsere Wirtschaft und somit auch unsere Gesellschaft aufbaut. Das ist ein Argument, dass Feministinnen seit den 1970er-Jahren hervorgebracht haben: Ohne Sorgearbeit ist kein Wirtschaften möglich. Die aktivistische Bewegung "Wages for Housework" hat sich daher in Nordamerika und verschiedenen europäischen Ländern für ein Fürsorge-Gehalt ausgesprochen. Diese Forderungen werden aktuell auch immer lauter: Sorgearbeit ist Arbeit, die Wirtschaft baut auf ihr auf – sie muss entlohnt werden, um die Lebensgrundlage von Sorgearbeitenden zu sichern.
Info:

An diesem 8. März, dem Frauenkampftag, ist der Begriff Care-Arbeit und das Bestreiken dieser Sorge-, Haus- und Erziehungsarbeit aktueller denn je.

Warum müssen wir Care-Arbeit durch Streik sichtbarmachen?

Gewissermaßen haben ein Streik und die aktuelle Pandemie einen ähnlichen Effekt: Durch ihre Abwesenheit, durch ihr Wegbrechen, wird die gesellschaftliche Brisanz von Sorgearbeit deutlich. Streiken im Bereich der öffentlichen und privaten Fürsorge ist jedoch nicht ohne Weiteres umsetzbar, da Menschenleben von ihr abhängen. Als Alleinerziehende kann ich nicht einfach aufhören, mich um mein Kind zu kümmern. Egal zu welcher Uhrzeit des Tages. Und darin liegt die Brisanz: Care-Arbeit ist absolut unabdingbar und muss als solches strukturell anerkannt und entlohnt werden. Einige Frauenstreiks rufen daher dazu auf, symbolisch fünf Minuten die Arbeit nieder zu legen – um fünf vor 12 am 8. März. Einige hängen auch Geschirrhandtücher aus ihren Fenstern, um zu zeigen: "Meine Arbeit ist zwar unsichtbar, aber ich bin da – ich kann aufgrund von Sorgearbeit das Haus nicht verlassen, aber ich bin Teil der Bewegung."

In deiner Promotion und kuratorischen Tätigkeit setzt Du dich auch mit dem Begriff Care auseinander. Wie können wir uns eine Verbindung von Care und Kunst vorstellen? Worin begründet sich ihr aktivistische Potential?

Kunst und Ausstellungen können Sichtbarkeiten für Themen herstellen, die gesellschaftlich unterrepräsentiert sind. Als Kuratorin, aber auch als Wissenschaftlerin beschäftige ich mich mit der Frage, inwiefern Kunst und kuratorische Praxis neue Sichtbarkeit für Fürsorge herstellen können, in dem sie zum Beispiel alternative Vision für fürsorgende Gesellschaften erzeugen. Aber auch damit, wie durch kollektive künstlerische Arbeit und kuratorische Formate, die auf Zusammenkünften und Solidarität beruhen, andere Formen der Zwischenmenschlichkeit ausgelotet werden können. Es geht also einerseits um die Produktion von Bildern, von Repräsentation, von Sichtbarkeit von Sorgearbeit – und andererseits um das Entwerfen und Ausprobieren von alternativen Strukturen der Fürsorge durch künstlerische und kuratorische Mittel. Damit verfolgen diese Ansätze ein aktivistisches Ziel, nämlich durch Kunst gesellschaftliche Veränderungen anzustoßen und gewissermaßen auch vorzuleben.

Was kann jede*r von uns tun, um Care-Arbeit sichtbarzumachen beziehungsweise was wünscht Du dir von unserer Gesellschaft, damit Care-Arbeit gerechter wird?

Für mich beginnt dieser Prozess bei jedem Menschen selbst. Es gilt zu allererst festzustellen: wir alle sind fürsorgebedürftig zu verschiedenen Zeitpunkten in unserem Leben und wir alle leisten Fürsorge für andere. Oft wird das Empfangen von Fürsorge mit Schwäche assoziiert und damit auch abgewertet. Wenn wir alle anerkennen, dass wir in einem sozialen Netz verwoben sind, in das wir Fürsorge einspeisen und das uns aber auch trägt, erst dann können wir überhaupt darüber diskutieren, was sich vielleicht ändern muss. Sonst wird die Mehrheit der Gesellschaft immer denken, "Das geht mich nichts an", obwohl es ein Thema ist, das weltweit alle tangiert, ausnahmslos. Der nächste Schritt ist dann zu fragen: Wie viel Sorgearbeit leiste ich eigentlich, für wen und von wem empfange ich Fürsorge? Entlang unseres Geschlechts, aber auch unserer sozialen und kulturellen Herkunft werden sich daraus sehr unterschiedliche Antworten ergeben. Und das ist der Punkt von dem aus Veränderungen gedacht werden können: Was kann ich in meinem Alltag dazu beitragen, dass Sorgearbeit kein "Frauenthema" bleibt und weiterhin ungleich verteilt wird? Auch für Politiker*innen gilt es sich diesen Fragen zu stellen: Welche politischen Maßnahmen sind unabdingbar, dass private Sorgearbeit nicht zu einer Lohnlücke zwischen Männern und Frauen und letztendlich zu Altersarmut für Millionen Frauen* führt?
Für die weitere Auseinandersetzung mit Care-Arbeit empfehlen wir:
Zuhören:
Informieren:
https://care-revolution.org
https://frauenstreik.org
https://equalcareday.de

Machen:
Apps:
WhoCares: Neue App erfasst und berechnet den Wert unbezahlter Sorgearbeit & App

Lesen:
Hartley, Gemma (2019). "Es reicht.: Warum Familien- und Beziehungsarbeit nicht nur Sache der Frau ist", Goldmann Verlag
Bailer, Sascia (2020). "Curating, Care, and Corona", Verlag der Arthur Boskamp-Stiftung
Winker, Gabriele (2015). "Care Revolution - Schritte in eine solidarische Gesellschaft", transcript Verlag