Meinung

Was es für mich bedeutet, als Mann mit Sexismus umzugehen

Max Wolfsperger

Mit Beginn seines Studiums fiel Max Wolfsperger auf, dass unsere Gesellschaft mehr auf Männer ausgerichtet ist, als auf Frauen. Trotzdem löste der Begriff "Feminismus" bei ihm Ärger aus. Was er inzwischen gelernt hat und wie er damit umgeht.

Während der Schulzeit ist es mir kaum aufgefallen, da ich in einer wohlbehüteten Blase aufgewachsen bin. Doch mit dem Beginn des Studiums kam für mich die Erkenntnis, dass ich in einer fehlkonstruierten und exklusiven Gesellschaft lebe. Einer Gesellschaft, die mehr auf Männer ausgerichtet ist als auf Frauen.


Sei es der Lehrer, der Schülerinnen bevorzugt in die erste Reihe setzt. Sei es der sehr spärliche Aufstieg von Frauen-Teams in von Männern dominierten Sportarten. Sei es die Debatte um genderneutrale Sprache. Diese Ungleichheiten fielen mir zwar auf, jedoch wurden sie als normal abgestempelt. Über viele Gespräche mit Frauen wurde mir in den letzten Jahren sehr deutlich, wie nahe Grenzüberschreitungen sind und, dass normal nicht richtig bedeutet.

Wieso scheint jeder zweite Mann seine Privilegien nicht zu sehen?

Die Stellung der Frau in der Gesellschaft zeigt sich schon an den Zahlen sehr deutlich. Der Frauenanteil im Bundestag liegt seit 1998 durchschnittlich bei nur einem Drittel. Fast 99 Prozent aller Tatverdächtigen für Vergewaltigungen, sexuellen Nötigungen und Übergriffen sind laut einer Statistik des Bundeskriminalamts: männlich. Und 2015 gaben 17 Prozent der befragten Frauen an, am Arbeitsplatz bereits sexuell belästigt worden zu sein.

Dennoch hat eine Umfrage zu männlichem Feminismus von 2016 ergeben, dass 55 Prozent der männlichen Befragten der Meinung sind, Gleichberechtigung sei zwischen Frauen und Männern verwirklicht. Wieso scheint jeder zweite Mann seine Privilegien nicht zu sehen?

Weil sie nicht zuhören. Weil sie nicht nachfragen.

Ich kenne kaum eine Frau, die in ihrem Leben noch keine Art von Grenzüberschreitung durch einen Mann erlebt hat. Dabei scheint häufig auch die Machtposition eines Lehrers oder Arbeitgebers eine Rolle zu spielen.

"Ich bin bei Arbeitgebern schneller aufgestiegen, weil mir als Mann eher zugetraut wurde, nachts allein zu arbeiten oder technische Tätigkeiten zu übernehmen."
Für mich als Mann bedeutet das zunächst Scham. Wegen der Handlungsweisen des eigenen Geschlechts. Wegen einem Gefühl der Verantwortlichkeit, ohne verantwortlich zu sein. Der erste Instinkt ist dann, sich rauszunehmen aus der Debatte – à la "Ich habe nichts getan, also kann ich auch nichts ändern".

Doch man kann auch passiv vom Patriarchat profitieren. Ich bin bei Arbeitgebern schneller aufgestiegen, weil mir als Mann eher zugetraut wurde, nachts allein zu arbeiten oder technische Tätigkeiten zu übernehmen. Trotzdem sollte man nicht missachten, dass auch Männer Opfer von Gewalttaten oder Ausgrenzung werden können. Ich persönlich wurde nachts ebenfalls schon angegriffen.

Bricht man als Mann mit Stereotypen und tanzt zum Beispiel Ballett, ist ihm Spott leider fast sicher. Doch ist das vergleichbar? Darf Mann sich beschweren? Ja, denn solche Ereignisse brauchen kein Geschlecht, um ernst genommen zu werden. Alle Menschen müssen Vorurteile immer wieder brechen.

Es gab eine Zeit, da war der Begriff "Feminismus" für mich wie ein Trigger für verstärkte Männlichkeit, ich fand ihn einseitig und männerfeindlich. Ich habe dazugelernt und mir drei hilfreiche Schritte zugelegt: 1. Privilegien erkennen, 2. Zuhören, 3. eigenes Verhalten prüfen. Man sollte sich selbst nicht aus der Verantwortung herausstehlen. Redet mit euren Mitmenschen und nehmt sie ernst. Solltet ihr euch auch nur verbal grenzüberschreitend verhalten, überprüft das und macht es nächstes Mal besser.