#ichbinsophiescholl

Warum wir alle Sophie Scholl auf Instagram folgen sollten

Sarah Rondot

SWR und BR haben das digitale Projekt @ichbinsophiescholl gestartet. Stories, Posts und Reels auf der Plattform Instagram machen die Geschichte der Widerstandskämpferin in Echtzeit erlebbar.

"Heute ist der 4.Mai 1942 und gleich geht’s in den Zug". So wendet sich Sophie Scholl in ihrer ersten Story an ihre Follower. Sie filmt erst sich, dann ihren Koffer und hält ein Bild von ihrem Freund Fritz, der als Offizier an der Front ist, in die Kamera. Wer weiterklickt, sieht Sophie mit wehendem Haar im Zug nach München, wo sie zum Sommersemester 1942 anfängt, Philosophie zu studieren.

Wie kann man die Geschichte einer Heldin des Widerstandes heute erlebbar machen? Sophie war eine junge Frau, als sie der Widerstandsgruppe "Weiße Rose" beitrat und mit Flugblättern auf die Verbrechen des Regimes aufmerksam zu machen. Woher nahm sie ihren Mut? Was waren ihre Ängste? Was ihre Träume? Wie können sich Jugendliche und junge Erwachsene heute, 100 Jahre später, in Sophie hineinversetzen?



SWR und BR hatten eine Idee. Genauer gesagt Susanne Gebhardt (Idee und Redaktion SWR), Ulrich Herrmann (Redaktion SWR) und Lydia Leipert (Redaktion BR). Sie entwickelten einen Instagram-Kanal, er heißt @ichbinsophiescholl. Material, um Sophie Scholls Geschichte zu erzählen war genug vorhanden. Die Redaktion las sich ein in Sophies Aufschriebe und Zeichnungen, die Sophie zur damaligen Zeit genutzt hat, um ihre Erlebnisse lebendig zu erzählen. Auch Originalmaterial wurde für den Kanal verarbeitet. Stories, Reels, IGTVs und Posts sind Spielfilmaterial aus Sophie Scholls Perspektive, also im Selfie-Modus, genau wie eine heutige Aktivistin ihre Aktivitäten filmen würde.

Die Follower sind intim dabei, wenn Sophie ihrem Bruder Hans zur Begrüßung um den Hals fällt, sie an der Beziehung zu ihrem Freund Fritz zweifelt oder wenn sie verbotene Bücher liest. Es sind ganz alltägliche Szenen, die immer wieder von Posts und Stories unterbrochen werden, die aufrütteln. "Wir werden noch mehr Flugblätter drucken. Viele Flugblätter. Damit die Menschen endlich erwachen." Sie postet eine Zeichnung von einer intimen Liebeszene und kommentiert: "Ich hätte gerne Kunst studiert. Die Kunst, die ich gerade machen will wird nur gerade nicht gelehrt…#entartet#selbstgezeichnet". Sie postet auch, dass ihr Bruder Hans 1937 wegen Paragraf 175, sexuelle Handlungen mit einem anderen Mann, angeklagt wurde.

Zehn Monate lang können die User Sophie täglich begleiten. Die letzten zehn Monate ihres Lebens. Im Februar 2022 endet das Projekt, genau hundert Jahre nach Sophie Scholls Verhaftung im Februar 1943. Wenige Tage später wurden sie und ihr Bruder Hans zum Tode verurteilt.
Es lohnt sich, Sophie Scholl auf Instagram zu folgen. So wie wir uns früher alle unseren Geschichtsunterricht gewünscht hätten, lebendig und am Zahn der Zeit macht dieses Projekt Geschichte erlebbar und fühlbar. Schauspielerin Luna Wendler, bekannt aus der Netflix-Serie Biohackers, spielt Sophie Scholl. Der jungen Schweizerin gelingt es, Sophies Lebensfreude als auch ihren starken Geist und ihre Sorgen zu vermitteln.

Mit diesem Projekt haben es SWR und BR geschafft, tiefgreifende Inhalte und Recherche für eine schnelllebige Plattform wie Instagram attraktiv zu machen. Zwischen Bananenbrotback-Tutorials und Classical Art Memes zieht Sophie Scholl mit ihren Stories in den Bann und ihre Einblicke in den Alltag sind dabei alles andere als banal. Dem Kanal @ichbinsophiescholl folgen seit dem Start vor einer Woche bereits 507. 000 Menschen. Ein Anstieg, von dem die meisten Influencerinnen nur träumen würden.
Zur Person

Sophie Magdalena Scholl ist 1921 als vierte von sechs Kindern in Forchtenberg am Kocher geboren. Sie besuchte zuerst die Volks- und dann die Mädchenhochschule in Ulm. Zum Sommersemester 1942 begann sie ihr Studium der Philosophie und Biologie in München, wo sie teilweise bei ihrem Bruder Hans wohnte. Über Hans Freundeskreis kommt Sophie in Kontakt mit der Widerstandsgruppe "Die Weiße Rose", die im Sommer 1942 aktiv wird. Sophie wird Teil der Gruppe und druckt und verteilt Flugblätter, die die Verbrechen des Regimes kritisieren. Am 18. Februar 1943 werden Sophie und Hans Scholl gemeinsam mit Freund Christoph Probst beim Flugblätter verteilen vom Schlüsselmeister der Universität beobachtet. Er verrät sie an die Gestapo. Vier Tage später, am 22. Februar wird das Geschwisterpaar zu Tode verurteilt und hingerichtet.

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