Verhaltensforschung

Warum es gute Gründe gibt, unvernünftig oder gar rebellisch zu sein

Corinna Hartmann

Menschen handeln mitunter bewusst unvernünftig. Laut Psychologen kann dies Vorteile haben. Irrsinnig erscheinende Ideen und Taten fördern die Kreativität oder die sexuelle Attraktivität.

Christian Ankowitsch wundert sich manchmal über sich selbst. Auf die Nachricht, das Handy eines Freundes sei kaputt, fällt ihm nichts Besseres ein, als diesen umgehend anzurufen – auf dem Handy. Der österreichische Journalist und Schriftsteller begibt sich daraufhin auf eine Spurensuche nach dem alltäglichen Irrsinn – und findet jede Menge Beispiele.


In einer Wiener U-Bahn-Station beobachtet er etwa Maler, die dem Fahrkartenautomaten einen neuen Anstrich geben. Auf einem soeben getünchten Gerät nebendran prangt schon ein Schild: "Frisch gestrichen!" Und, halten die Passanten Abstand? Einige schon, doch immer wieder streckt einer im Vorbeigehen den Finger aus, um sich von der Frische des Anstrichs zu überzeugen. Verwundert fragt Ankowitsch die Männer in den Overalls, ob das oft vorkomme. "Ständig", so die Antwort. "Man braucht nur ein Schild hinzuhängen, schon geht jeder Zweite mit dem Finger dran."

Unvernunft kann Vorteile haben

Menschen denken oder handeln mitunter bewusst unvernünftig. Laut Psychologen kann dies durchaus Vorteile haben, solange der Kollateralschaden gering bleibt. Irrsinnig erscheinende Ideen und Taten fördern beispielsweise die Kreativität, die persönliche Entwicklung oder die sexuelle Attraktivität. Hinzu kommt ein besonderer Reiz der Halsstarrigkeit: Manche beweisen sich ihre eigene Freiheit, indem sie augenscheinlich irrationale Überzeugungen pflegen.

Lange galt der Mensch als rationaler Nutzenmaximierer, der weiß, was am besten für ihn ist, und entsprechend handelt. Anfang des 20. Jahrhunderts tauften Wirtschaftswissenschaftler diesen Typus "Homo oeconomicus". Nach gut einem Jahrhundert Verhaltensforschung ist dagegen klar: So funktioniert Homo sapiens eher nicht. Wir nehmen gedankliche Abkürzungen, statt Fakten objektiv abzuwägen, bringen uns unnötig in Gefahr oder setzen uns über gute Ratschläge hinweg. Dennoch schrieb unsere Gattung eine beeindruckende Erfolgsgeschichte. Warum nur blieb der Hang zum Übermut so tief in uns verankert?

Unvernunft macht kreativ

Um Neues in die Welt zu bringen, muss man ausgetretene Denkpfade verlassen. Viele Wunderkinder mit revolutionären Ideen wurden deshalb von ihren Zeitgenossen verspottet. So auch Albert Einstein: Der Physiker stellte die geltende Vorstellung vom Universum auf den Kopf und ging als Querdenker in die Wissenschaftsgeschichte ein. Als kleiner Junge wurde Einstein vom Kindermädchen oft "der Depperte" genannt, und seine spätere Hauslehrerin soll er in einem Wutanfall mit einem Stuhl attackiert haben, so dass sich diese nie mehr blicken ließ. Eine gewisse Exzentrik zeichnet viele Dichter und Denker aus. Salvador Dalí etwa hielt sich für die Reinkarnation seines toten Bruders und trug gern einen Laib Brot als Hut. Alexander Graham Bell wollte seinem Hund das Sprechen beibringen und erfand nebenbei das Telefon.

Braucht es einen Funken Wahnsinn, um Geniales zu vollbringen? Laut Studien zeigen außergewöhnlich kreative Menschen oft zumindest psychologische Auffälligkeiten. Der britische Psychiater Felix Post analysierte die Biografien von 291 Berühmtheiten aus Wissenschaft, Musik, Kunst, Politik und Literatur, darunter Charles Darwin, Gustav Mahler, Wassily Kandinsky, Sigmund Freud und Ernest Hemingway. Häufig erfüllten sie auf Grund ihres wunderlichen Verhaltens einige Kriterien für eine psychische Störung – für eine echte Diagnose reichte dies jedoch nur selten.

Die Mischung aus Chaos und Struktur fördert Meisterleistungen

Weitere Untersuchungen ergaben, dass außerordentlich kreative Menschen auch charakterlich vermehrt aus dem Rahmen fallen. Ein gewisser Hang zu Extremen und Neurosen tut demnach der Schaffenskraft gut. Zugleich waren laut Felix Post die meisten Koryphäen überaus fleißig und sorgfältig. Gerade diese Mischung aus Chaos und Struktur, Freigeist und Genauigkeit könne Meisterleistungen fördern.

Dies scheint buchstäblich in der DNA zu wurzeln. Offenbar begünstigen bestimmte Erbfaktoren nicht nur die Entwicklung einer Psychose – wenn das geordnete Denken und der Sinn für die Realität schwinden –, sondern zugleich eine besonders ausgeprägte kreative Ader. So entdeckte ein Forscherteam um Kári Stefánsson von der Universität Reykjavik bei der Analyse des Erbguts von 150.000 Menschen, dass die Träger von Risikogenen für Schizophrenie überdurchschnittlich häufig kreative Berufe ausübten. Die erhöhte Schaffenskraft als positiver Nebeneffekt könnte ein Grund dafür sein, warum sich solche pathogenen Erbgutvarianten erhalten haben.

Die Pubertät – Kaum gebremste Unvernunft

S-Bahn-Surfer – also Leute, die sich außen an einen fahrenden Zug klammern – leben gefährlich. Auf Baukräne zu klettern und aus schwindelnder Höhe in einen Fluss zu springen, sollte man tunlichst lassen. Dass fast ausschließlich Jugendliche zu solch halsbrecherischen Aktionen neigen, ist wohl kein Zufall. In der Pubertät sind viele Menschen regelrecht unzurechnungsfähig.

"Kinder lernen die Welt kennen, indem sie Dinge ausprobieren. Was davon unvernünftig war, erkennen sie erst an der Reaktion der anderen – oder wenn es schiefgeht." Psychologe Jürg Frick
"Kinder lernen die Welt kennen, indem sie Dinge ausprobieren", sagt der Psychologe Jürg Frick von der Pädagogischen Hochschule Zürich. "Was davon unvernünftig war, erkennen sie erst an der Reaktion der anderen – oder wenn es schiefgeht." Gerade Teenager fordern ihr Glück heraus. In dieser Hinsicht handeln sie oft sogar törichter als Kinder. Schuld daran ist vermutlich die ungleichmäßige Reifung der verschiedenen Teile unseres Gehirns. Das Belohnungssystem reift während der Pubertät schneller als der präfrontale Kortex, der am abwägenden Denken beteiligt ist und Impulse im Zaum hält.

Dieses Ungleichgewicht führt zu überschießender Risikobereitschaft, der das "Resthirn" nicht viel entgegensetzen kann, glaubt die Neurologin Kerstin Konrad vom Universitätsklinikum Aachen. Vor allem in emotional aufgeladenen Situationen gewinne das für Lustempfinden und Motivation zuständige Belohnungssystem gern die Oberhand. Dabei sind Jugendliche nicht per se unfähig, rationale Entscheidungen zu treffen. Fragebogenstudien lassen vermuten, dass sie viele Risiken ähnlich gut abschätzen wie Erwachsene. Der Verstand setzt vor allem dann aus, wenn Gleichaltrige anwesend sind. Soziale Anerkennung ist in dieser Phase ein extrem wichtiger Anreiz. Nur warum?

Unternehmergeist und frühes Rebellentum hängen zusammen

Risikoreiches Verhalten in der Adoleszenz trägt dazu bei, dass sich Jugendliche aus dem sicheren Nest der Familie lösen, um selbstständig die Welt zu erkunden und einen Partner zu suchen, glaubt Konrad. "Dass sich Heranwachsende heute so frei ausprobieren können, ist ein Privileg", meint Jürg Frick. "Das war in der Geschichte nicht immer so." Typisch jugendliches Verhalten sei zudem kulturell unterschiedlich akzeptiert, ergänzt Karl-Heinz Kohl, Ethnologe an der Goethe-Universität Frankfurt. Bei indigenen Völkern etwa werden die irrlichternden Impulse des Nachwuchses meist stärker sanktioniert als im Westen.

Womöglich liegt das daran, dass eine wilde Pubertät dem Kapitalismus nützt: Forscher um Martin Obschonka von der Queensland University of Technology zeigten 2013 anhand von Langzeitdaten aus 37 Jahren, dass Unternehmergeist und frühes Rebellentum eng zusammenhängen. Männer, die in ihrer Jugend einiges ausgefressen hatten – etwa Verkehrsdelikte oder Ladendiebstahl–, waren später eher als Unternehmer tätig. Unternehmertum stellt laut Obschonka eine produktive Form des Bruchs mit Konventionen dar. Frühe Regelverletzungen schulen daher womöglich den Blick über den Tellerrand.

Unvernunft macht attraktiv

Der unvernünftige Herzensbrecher: Forschern zufolge fördert Rebellion außerdem die Attraktivität. Sich anzupassen oder aus der Menge herauszustechen, sind konkurrierende Motive. Wenn wir Gefahr wittern, orientieren wir uns eher an anderen; geht es jedoch darum, einen potenziellen Partner zu bezirzen, geben wir uns unangepasst.

"Regelverstöße spielen in allen Mythologien eine große Rolle. Die Kulturheroen sind allesamt Regelbrecher." Ethnologe Karl-Heinz Kohl
Nicht ohne Grund: Ein Team um Matthew Hornsey von der University of Queensland in Brisbane legte Studierenden Dating-Profile vor, die verschiedene Facetten von Nonkonformität und Konformität widerspiegelten. Das Ergebnis: Frauen wie Männer bevorzugten gleichermaßen die eigensinnigeren Singles. Weitere Studien bestätigten, dass Unangepasste im Schnitt erfolgreicher in der Liebe waren. Und auch Expartner hatten Probanden als attraktiver in Erinnerung, je eigenwilliger sie diese einschätzten.

Die Freiheit siegt

"Regelverstöße spielen in allen Mythologien eine große Rolle. Die Kulturheroen sind allesamt Regelbrecher", sagt der Ethnologe Karl-Heinz Kohl. Nehmen wir Prometheus, dessen Name ,Vordenker’ bedeutet. Er gehört dem Göttergeschlecht der Titanen an, ist aber wie alle der Herrschaft von Göttervater Zeus unterworfen. Gegen dessen Willen entwendet er den Göttern das Feuer und bringt es den Menschen. Auch die Geschichte von Adam und Eva beinhaltet einen zentralen Regelbruch: Sie essen verbotenerweise vom Baum der Erkenntnis – die Neugier hat gesiegt. Mit den bekannten Konsequenzen: Adam und Eva werden daraufhin aus dem Paradies verjagt. Ab da ist der Mensch selbst verantwortlich für sein Schicksal – mit allen Rechten, aber auch Pflichten, die dazugehören.

Der Wunsch nach Selbstbestimmung, der dem Reiz des Verbotenen zu Grunde liegt, wurzelt tief in uns. "Wer Schilder aufhängt, die davor warnen, etwas sei frisch gestrichen, signalisiert uns indirekt, dass es ab sofort ein paar Dinge gibt, von denen wir uns fernhalten sollten", erklärt Christian Ankowitsch. Und wagt es jemand, unseren Handlungsspielraum derart einzuschränken, wollen wir erst recht unsere Freiheit beweisen. Diese sogenannte Reaktanz mag manchmal kindisch erscheinen, hat aber Vorteile: Sie sorgt dafür, dass wir nicht blind Autoritäten folgen.

Auch wenn sie Gefahren birgt, Neugier bringt uns voran. Zahlreiche Entdecker machten sich auf ins Unbekannte, ohne sicher zu sein, dass sie je irgendwo ankommen. Unvernünftig? Sicher. Aber entscheidend für die Besiedlung der Erde.