Faszination

Warum der Song "White Christmas" bis heute so erfolgreich ist

Carolin Johannsen

"Last Christmas" kennt jeder. "White Christmas" auch – aber niemand so gut wie Michael Fischer. Der Direktor des Zentrums für Populäre Kultur und Musik hat ihn nämlich erforscht. Und sagt: " Es ist wirklich interessant, dass ein populärkulturelles Produkt so lange Erfolg hat."

Jedes Jahr beginnen Meteorologen schon Wochen vorher ihre Prognosen für oder gegen weiße Weihnachten zu verkünden. Für viele ist der Schnee zum Fest eine Kindheitserinnerung und alle Jahre wieder ist die Hoffnung da. Ebendiese Hoffnung besingt Bing Crosby in dem Weihnachtslied "I’m dreaming of a White Christmas". Diesen Song hat Michael Fischer, Geschäftsführender Direktor des Zentrums für Populäre Kultur und Musik (ZPKM) der Albert-Ludwigs-Universität erforscht. Fudder-Autorin Carolin Johannsen hat ihn zu seiner Forschung und seiner Faszination für Weihnachtslieder befragt.

fudder: Wie sind Sie darauf gekommen, "White Christmas" und nicht zum Beispiel "Last Christmas" zu untersuchen?
Fischer: Wir arbeiten am ZPKM historisch, da ist die Frage der Beliebtheit und der Aktualität von Liedern nur eine Frage von vielen. Man kann Last Christmas kulturgeschichtlich nicht verstehen, wenn man White Christmas nicht kennt. Bei Last Christmas wird eine verflossene Liebe besungen, das hat auf den ersten Blick mit Weihnachten nichts zu tun. Es ist mein Ziel, neuere Songs durch die Kenntnis von älteren Liedern besser zu verstehen.


fudder: Wie erklären Sie den Erfolg des Songs?
Fischer: Bei White Christmas liegt es sicherlich an der Gestimmtheit von Text und Musik, die die Menschen in den 1940er Jahren angesprochen hat. Das waren im Kriegskontext insbesondere die Heimatsehnsucht und die Nostalgisierung von Weihnachten. Wenn Soldaten das Lied im Radio gehört haben, haben sie sich an ihre Kindheit erinnert und sich nach Heimat und Frieden gesehnt. Einer der Erfolgsfaktoren war auch der damals schon berühmte Interpret Bing Crosby. Außerdem wurde der Song oft im Radio gesungen, auf Platte aufgenommen und in einem Film verarbeitet. Das Lied war von Anfang an sehr erfolgreich. Es bereits im ersten Jahr eine Million Notenausgaben und zwei Millionen Schallplatten verkauft.

fudder: Warum ist "White Christmas" heute noch aktuell?
Fischer: Die erste Niederschrift des Songs ist aus dem Jahr 1940 und es ist wirklich interessant, dass ein populärkulturelles Produkt so lange Erfolg hat und immer noch Menschen anspricht. Dafür muss der Text rezeptionsoffen sein, damit die Menschen sich mit ihrer persönlichen Stimmung mit dem Lied identifizieren können. Ich brauche sozusagen einen emotionalen Anker, um den Song zu meinem eigenen zu machen. Deswegen darf ein Liedtext nicht zu konkret sein. Bei White Christmas ist es insbesondere die erste Zeile, "I´m dreaming…", die unterschiedliche Fantasien hervorruft und dadurch rezeptionsoffen ist.

fudder: Welche kulturelle und historische Bedeutung hat der Song?
Fischer: Der Song hat eine ganz herausragende Bedeutung, schon aufgrund der Tatsache, dass er sich bis heute 150 Millionen Mal verkauft haben soll. Kulturgeschichtlich ist für die 1940er Jahre wichtig, dass in den USA die Säkularisierung des Weihnachtsfestes durchaus erwünscht war, weil man die Nation im Krieg einen wollte. Auch die US-amerikanischen Juden sollten in die Feierkultur einbezogen werden und dafür musste das Weihnachtsfest sozusagen entchristlicht werden. White Christmas ist nicht nur ein konfessions-, sondern ein religionsübergreifender Song.

"White Christmas ist sehnsüchtig-melancholisch."
fudder: Inwiefern hat der Song zur Säkularisierung und Globalisierung von Weihnachten beigetragen?
Fischer: Das Lied ist ein Spiegelbild der Säkularisierung des Weihnachtsfestes. Durch seinen Erfolg wurden solche, eher weltlichen Lieder, immer mehr auf dem Markt akzeptiert. Das sind Songs, die nicht von religiösen Inhalten sprechen, sondern zum Beispiel von der Natur und Winterlandschaften mit Schnee. Trotzdem bleibt die Frage offen, ob der Wunsch "I´m dreaming of…" nicht auch eine Sehnsuchtsvorstellung ist, die auch das Religiöse berührt. Der Wunsch nach einer "weißen" Weihnacht, das Verbundensein mit geliebten Menschen, das hat auf einer höheren Ebene mit dem religiösen Kern des Weihnachtsfestes zu tun. Säkularisierung bedeutet ja nicht das Verschwinden von Religion, sondern meint eher Entkirchlichung. Das Religiöse sucht sich neue Räume, findet neue Bilder und neue Themen. Anstatt der Heiligen Familie kommt nun die weltliche Familie in den Blick, die wiederum selbst sakralisiert wird.

fudder: Wie konnte das Lied im Umfeld des religiösen Weihnachtsfests überhaupt Fuß fassen?
Fischer: White Christmas und die ganzen Songs der 1930er und 40er Jahre sind in die Unterhaltungskultur der Zeit eingebettet. Das heißt, sie entstehen nicht in einem kirchlichen oder schulischen Kontext, sondern als Teil der US-amerikanischen Unterhaltungskultur. Das heißt, dass eine explizite konfessionelle Religiosität dort fehl am Platz gewesen wäre. Darüber hinaus waren viele Produzenten der US-amerikanischen Musikkultur Juden, die keinen inneren Bezug zum Christentum hatten. Diese Songs sollen unterhalten und keine religiösen Vorstellungen transportieren. Das Religiöse bleibt aber in einer anderen Form erhalten. Transzendenz wird in Immanenz überführt, also das Überweltliche in das Innerweltliche.

"Es ist wirklich interessant, dass ein populärkulturelles Produkt so lange Erfolg hat."
fudder: Wie verhält sich der melancholische Song zu der eher fröhlichen US-amerikanischen Weihnachtskultur?
Fischer: Der Song ist interessant, weil viele anderen amerikanischen Lieder der Zeit eher ausgelassen und fröhlich sind. White Christmas ist dagegen sehnsüchtig-melancholisch. In Deutschland ist dieser besinnliche Ton bei den traditionellen Weihnachtsliedern viel stärker vorhanden.

fudder: Warum forschen Sie gerade zu Weihnachtsliedern?
Fischer: Ich habe Theologie und Geschichte studiert, dadurch habe ich ein spezielles Interesse an dem Weihnachtsfest, an den Ritualen und insbesondere an der zunehmenden Säkularisierung von Weihnachten. Damit ist gemeint, dass weltliche, säkulare Inhalte, christliche ablösen. Ich forsche also zu Weihnachtsliedern, weil mich die Mischung aus Religion, Feierkultur und Säkularität interessiert.

fudder: Haben Sie eine persönliche Verbindung zu dem Song?
Fischer: Ich bin privat kein großer Weihnachtsfreund und diese Lieder begleiten meinen Alltag nicht. Deswegen kann ich die Songs auch unbefangen hören und ich habe da keine persönlichen Vorlieben oder Abneigungen. Mein Leben ist weitgehend weihnachtsliederfrei.

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