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Von Southside bis Rock am Ring: Die großen Rockfestivals sind abgesagt

René Zipperlen & dpa

Musikfans müssen darben: Wegen der Corona-Pandemie werden sieben große Rockfestivals abgesagt, von Southside bis Rock am Ring. Das Technofestival "Sea You" in Freiburg speckt ab, das ZMF entscheidet kommende Woche.

Sieben große Open-Air-Festivals in Deutschland und der Schweiz fallen auch in diesem Jahr wegen der Corona-Pandemie aus. Das teilte das Veranstalter-Netzwerk Eventim Live am Mittwoch mit. Abgesagt seien damit unter anderen "Rock am Ring" am Nürburgring, "Rock im Park" in Nürnberg, das "Hurricane Festival" in Niedersachsen und "Southside" in Neuhausen ob Eck im Landkreis Tuttlingen. Auch das "Deichbrand" bei Cuxhaven, "SonneMondSterne" in Thüringen bei Saalburg-Ebersdorf und das Schweizer "Greenfield Festival" fallen somit aus.
"Die Veranstalter mussten sich aufgrund der weiterhin bestehenden unsicheren Infektionslage zu einer Absage entscheiden", teilte Eventim Live mit. Für die Mitarbeiter und Hunderttausende Fans fallen die Konzert-Events somit zum zweiten Mal aus. Bereits im Sommer 2020 waren alle Großveranstaltungen gestrichen worden.

In der Eifel und in Nürnberg zum Beispiel waren bislang die gleichzeitigen Traditionsfestivals "Rock am Ring" und "Rock im Park" am zweiten Juni-Wochenende 2021 mit Headlinern wie Green Day, System Of A Down und Volbeat geplant. Sie sollen nun laut dem zuständigen Veranstalter am ersten Juni-Wochenende 2022 wieder über die Bühne gehen. Welche Headliner dann auf der Bühne stehen, war noch unklar. Schon bald könnten Fans, die bereits in diesem oder sogar vergangenem Jahr Tickets erworben hätten, sie online für 2022 umbuchen.

Thomas Jensen, Mitbegründer des legendären Metal-Festivals Wacken, hat dagegen noch Hoffnung, wie er auf BZ-Nachfrage erklärt: "Unser später Veranstaltungstermin am letzten Juli-Wochenende erlaubt uns, die weitere Entwicklung der Situation – auch hinsichtlich des Fortschritts der Impfkampagne und kommenden Entscheidungen der Bundesregierung – zu beobachten. Wir bleiben hoffnungsvoll und planen weiter."

Sea You Freiburg plant "geimpftes" Festival im Spätsommer

Das große Dance- und Technofestival "Sea You" am Freiburger Tunisee kann in der geplanten Größe auf keinen Fall stattfinden.Organisator Bela Gurath erklärt aber auf Nachfrage, in der kommenden Woche Pläne für ein verkleinertes Format "Back to Life" Ende August, Anfang September für 1000 bis 5000 Besucherinnen und Besucher einreichen zu wollen. "Wir hoffen, dass wir bis zu diesem Zeitpunkt durchgeimpft sind – dann sollte der Drops gelutscht sein."

Mark Osswald vom Freiburger Veranstalter Vaddi Concerts hat die Hoffnung noch nicht aufgegeben, "im Sommer größere Veranstaltungen machen zu können" als im Sommer 2020, als bis zu 500 Besucher unter Auflagen zugelassen waren. Er beruft sich dabei auch auf entsprechende Aussagen von Kanzleramtsminister Helge Braun. "Die Frage ist: Wie definiert man Sommer?" Juni und Juli hat Osswald im Grunde abgehakt, doch im August oder September könnte aufgrund der Impfsituation und Nachverfolgungs-Apps wie Luca etwas möglich sein."Allerdings läuft uns langsam die Zeit davon."

Das Freiburger ZMF entscheidet wohl nächste Woche

Osswald bucht auch Konzerte für das Freiburger ZMF – dessen Geschäftsführer Dieter Pfaff wird mit seinem Team wohl kommende Woche entscheiden. Davor soll es noch einmal Gespräche mit der Stadt geben und eine gründliche Risikoanalyse. "Wir können nach wie vor das Risiko einer Veranstaltung mit starken Zugangsbeschränkungen nicht eingehen", sagt Pfaff. Das Finanzierungskonzept des ZMF setzt auf starke Gastronomie-Umsätze im großen Außenbereich und braucht deswegen viele Besucherinnen und Besucher – und freien Zugang. Eine Verschiebung in den frühen Herbst kommt auch deswegen für Pfaff eher nicht in Frage.

Ob das HipHop-Festival "Heroes", organisiert von Kokon-Entertainment des Southside Mitbegründers Dieter Bös, Ende Juli an der Freiburger Messe über die Bühne gehen kann, soll sich gegen Ende der Woche entscheiden.

Zum Lörracher Stimmenfestival erklärt Oberbürgermeister Jörg Lutz, dass die großen Marktplatzkonzerte mit bis zu 5000 Besuchern nicht stattfinden können. "Was an anderen Spielorten möglich ist, wird man sehen. Das hängt davon ab, was die dann gültige Corona-Verordnung des Landes an Vorgaben macht." Im April soll eine Entscheidung darüber getroffen werden. Lutz hofft aber auf "Stimmen en miniature" mit kleineren Konzerten, um "Künstlerinnen und Künstlern Auftrittsmöglichkeiten und dem Publikum zumindest etwas an Live-Musik und Festival-Feeling anbieten zu können."
s Lörrach haben ebenfalls noch nicht entschieden, ob zumindest die kleineren Konzerte des Festivals stattfinden können. Oberbürgermeister Jörg Lutz ging schon Ende Januar davon aus, dass die großen Marktplatzkonzerte mit bis zu 5000 Besuchern wohl nicht stattfinden können.

Mehrere Bands und Künstler haben Tourneen abgesagt

Was sich bereits durch die Absagen des Glastonbury-Festivals in Südengland und des Roskilde-Festivals in Dänemark angedeutet hatte – beide zählen zu den größten Europas –, scheinen Meldungen der letzten Wochen zu bestätigen: Künstler und Bands wie Amy MacDonald, Nick Cave, Thom Yorke (Radiohead), die Simple Minds oder Olli Schulz haben ihre Deutschland-Auftritte für 2021 bereits abgesagt. Andere wie Rammstein wollten im Laufe des März über ihre Tourneen entscheiden.

Lange hatte die Festival-Szene gehofft, mit Hygienekonzepten Pandemie-konforme Konzepte entwickeln zu können – eine größere Gruppe europäischer Veranstalter hatte mit einem Expertengremium zusammengearbeitet, um Großveranstaltungen zu ermöglichen. Nun erklärt FKP Scorpio ("Southside", "Hurricane"): "Die Schaffung sicherer Räume und die dafür benötigte Test-Infrastruktur sind in der anhaltenden Unsicherheit, die auch finanzielle staatliche Förderungen sowie Versicherungen für Events betrifft, nicht umsetzbar."

Auf die Zusage des Finanzministers will keiner bauen

Finanzminister Olaf Scholz hatte noch Ende Januar seine Ankündigung bekräftigt, Veranstalter unterstützen zu wollen, die wegen Corona-bedingter Beschränkungen und Auflagen rote Zahlen schreiben. Bisher gab es dazu aber keine weiteren konkreten Verlautbarungen."Heißere Luft kann man ja gar nicht produzieren", ärgert sich Marc Osswald von Vaddi Concerts. Sollte Unterstützung kommen, wären aber verkleinerte Veranstaltungskonzepte durchaus denkbar. Das Bundesfinanzministerium konnte am Mittwoch auf BZ-Nachfrage keine Aussagen zum Stand des angekündigten Rettungsschirms für die Veranstaltungswirtschaft machen.