Und übrig bleibt vom Baum ein Stumpf

Aljoscha Harmsen

Wie bringt man einen 20 oder 30 Meter hohen Baum eigentlich sicher zu Fall? Bis vor gut einem Jahr konnte noch jeder selbst entscheiden, wie er das macht - nicht selten gab es dabei Schwerverletzte oder sogar Tote. Jetzt gibt das Forstamt Freiburg Kurse darüber, wie man die hölzernen Riesen sicher absägt: Das heißt vier Stunden Theorie und sechs Stunden Praxis innerhalb von zwei Tagen. Was heißt das konkret? Aljoscha hat Forststudierende beim Bäumefällen begleitet und auch selbst einen gefällt.



Es ist ein guter Tag zum Bäume fällen: Die Sonne schenkt dem Mischwald rund um die Klosterwaldhütte in Günterstal ein langes warmes Lächeln. Ein Lächeln, das einige Bäume heute zum letzten Mal wärmt, denn heute sollen wir einige von ihnen zu Boden zwingen.

Am gestrigen Tag hat uns Fortwirtschaftsmeister Fridolin Gutmann vier Stunden Theorie zugemutet: Arbeitssicherheit, persönliche Schutzausrüstung, Baumbeurteilung, Holzarten, Fälltechniken; es gab eine Menge zu lernen - zumindest für jemanden, der noch nie eine Motorsäge in der Hand hatte.



Jetzt stehe ich mit den Studenten und Fridolin im Wald. Die ersten drei Bäume fällt der Meister, um uns zu zeigen, welche Fälltechnik wie angewendet wird. Bei ihm sieht das ziemlich einfach aus: Fallkerbe schneiden, Stechschnitt setzen,
den Fällheber, einen langen Metallhebel, in die Sägespalte und umhebeln. Jeder Schnitt sitzt, die Säge geht durch den Baum wie eine Schere durch Papier.



Jetzt müssen wir ran.

Wir werden in drei Gruppen zu je sechs Leuten aufgeteilt. Bevor es an die Bäume selbst geht, stehen erstmal Übungen an, um die wichtigsten Schnitttechniken zu üben: Wir sägen Scheiben von einem Baum ab. Ein Baum, den Fridolin eben gefällt hat. Erst von oben nach unten, dann andersrum, nun den Stechschnitt, bei dem man die Säge schräg an den Baum ansetzt und gerade durch ihn hindurchsticht. Zuletzt noch einen Schnitt, den man von der gegenüberliegenden Seite zu sich hin ausführt.



Der ein oder andere merkt jetzt, dass man die Säge nicht in den Baum hineindrücken, sondern eher zügeln muss. Bei einlaufender Kette muss man sie zurückhalten, damit sie sich nicht im Stamm hineinzieht. Wo der Meister die Säge völlig ruhig durch das Holz führt, wackelt sie bei manchen von uns bedenklich hin und her, so als wolle sie uns zeigen, dass sie uns nicht ganz traut.



Der berüchtigte Kick-Back, vor dem uns in den Theoriestunden so viel Respekt verschafft wurde, blieb aus. Gott sei dank, denn durch das blitzartige Hochschlagen der Säge, das vorkommen kann, wenn der obere Teil der Sägenspitze sich im Holz verkantet, entstehen die schlimmsten Verletzungen - vor allem im Gesicht.

Die nächsten Schritte führen uns abseits des Weges, eine Anhöhe hinauf, wo ein paar Bäume mit einem roten Querstreifen markiert sind. Der rote Querstreifen bedeutet, dass dieser Baum gefällt werden soll, der rote Punkt bedeutet  "Zukunftsbaum", das sind Bäume, die besonders wichtig für den Wald sind und die tunlichst nicht in Mitleidenschaft gezogen werden sollten.



Den ersten Baum fällt Martin. Der 26-jährige Forststudent hat vor dem Studium eine Schreinerlehre absolviert und hat beireits Erfahrung im Umgang mit der Säge. Sein Baum hängt leicht nach vorne und ist gesund. Martin schneidet ihn frei, damit er sich ungehindert bewegen kann. Er sieht konzentriert aus, schneidet die Fallkerbe, überprüft nochmal, ob die Kerbe den Baum auch in die richtige Richtung fallen lässt, durchsticht mit der Säge den Baum und löst schließlich das Halteband.

Das Halteband ist eine kleine Verbindung von Stumpf und Baumstamm, die man bei dieser Fälltechnik als Sicherheit bis zum Schluss bestehen lässt. Fridolin steht die ganze Zeit nah bei ihm und gibt ihm Tipps, damit nichts schief läuft. Der Baum knackt, fällt langsam nach vorne, biegt sich wie eine geschwungene Peitsche und liegt kurze Zeit später auf dem Waldboden.



"Der spannendste Moment war der, als der Baum anfing zu kippen", sagt Martin. Er hat früher schon mit seinem Vater Holz gemacht. "Die Fälltechniken sind sehr interessant und der Kurs macht wirklich Spaß. Man ist an der frischen Luft und lernt was dazu."

Einige Zeit später muss ich selber ran. Es ist eine Kastanie. Ich tue gar nicht erst so, als hätte ich das auch gewusst. Fridolin erklärt mir, wohin der Baum fallen soll. Ob er in irgendeine Richtung überhängt, können wir nicht eindeutig feststellen, also werden wir mit Keil und Stützleiste arbeiten. Den Keil brauchen wir, damit die Säge nicht im Baum eingeklemmt wird, falls sein Schwerpunkt nicht genau in der Mitte liegt.



Ich klemme die Säge zwichen die Beine und starte sie. Jetzt erstmal das Umfeld freischneiden. Das ist schnell getan. Schwieriger wird es bei der Fallkerbe. Sie soll etwa ein Fünftel des Baumes messen. Ich setze die Säge an und schneide zuerst die Fallkerbsohle.

Die Tiefe passt.

Jetzt das Fallkerbdach. Die Schnitte müssen sich genau treffen. Das klappt beim ersten Mal nicht ganz. Ich muss etwa einen Zentimeter nachkorrigieren. Scheiben abschneiden war etwas ganz anderes.



Jedem vor mir habe ich die Frage gestellt, was ihm beim Sägen durch den Kopf geht. Aber spätestens jetzt wird klar, dass man sich einfach nur auf den Schnitt konzentriert und hofft, dass die Säge das macht, was sie soll. Ein Schweißtropfen läuft mir am linken Auge entlang. Jetzt sollte besser nichts schiefgehen.

Weiter geht es mit dem Stechschnitt. Dabei darf ich kleinesfalls die Bruchleiste verletzen, die als Scharnier für den fallenden Baum dient. Als die Säge auf der anderen Seite des Baumes wieder rausguckt, bin ich erleichtert. Jetzt nur noch so viel wegsägen, dass ein kleines Stück, die Stützleiste, stehen bleibt.

Ich schlage noch schnell den Keil mit der Axt ein und säge die Stützleiste weg. Der Baum knackt, bewegt sich langsam, ich laufe vier Schritte nach hinten und schaue nach oben, von wo aus Äste herabfallen könnten.

Wenige Sekunde später liegt der Baum - auf einem anderen.



Er ist nicht ganz genau in die Richtung gefallen, in die er sollte, sondern etwas weiter nach rechts, sodass er gut einen Meter über dem Boden auf einem anderen gelandet ist. Ist aber nicht schlimm, denn dieser Baum kann aus der Höhe keinen Schaden mehr anrichten. Ich schneide mir noch eine Scheibe ab. Als Andenken.

Froh, dass die Aufgabe bewältigt ist, nehme ich mein Lob vom Meister mit und mache mich auf zur nächsten Gruppe, in der sich auch Frauen befinden. Dort werde ich das Klischee prüfen, ob Frauen wirklich nicht mit Werkzeug, geschweige denn Motorsägen umgehen können.



Maja ist grade in Begriff, eine Kirsche zu fällen. Damit hat sie sich einen der schwierigsten Bäume des heutigen Tages ausgesucht, denn er ist von ziemlich vielen anderen Bäumen umgeben, etwa 25 Meter hoch und hat einen Durchmesser von rund 25 cm. "Ich find's gut, dass du dir die schwierige Kirsche ausgesucht hast", sagt Forstwirt Daniel, der diese Gruppe betreut. "Für einen Anfänger ist das keine leichte Aufgabe."



Grade will die 29-Jährige anfangen zu sägen, als ihr Daniel auf den Helm klopft. Sie hat vergessen, den Gehörschutz anzulegen. Stück für Stück arbeitet sich die Forststudentin vor, bis der Schnitt fertig ist. Ein Fällheber wird in den Schnitt gedrückt, um den Baum umzuhebeln. Daniel muss mitanpacken, damit sich der Baum überhaupt ein bisschen bewegt.



Nach ein paar Minuten ein Erfolg: Der Baum fällt - allerdings nur etwa drei Meter nach vorne und bleibt ähnlich wie meiner in einem anderen hängen. Jetzt muss Daniel übernehmen. Er sägt den Teil, an dem der Baum noch am Stumpf hängt, zu einem Drehzapfen zusammen, über den der Baum gedreht werden kann. Nach einigem Schaukeln und Schieben gelingt es den beiden schließlich, den widerspenstigen Riesen zu bezwingen.



"Jetzt erstmal ne Zigarette", sagt die Gelegenheitsraucherin. "Ich hab keine Kraft mehr in den Armen, aber es ist ein cooles Gefühl, das geschafft zu haben."
Selbst Daniel findet, dass sie ihr Geschlecht würdig vertreten hat.

Fridolin macht noch eine Nachbesprechung, teilt die Teilnahmebescheinigungen aus und der Kurs applaudiert für ihn und seine Mitarbeiter.

"Es war super", freut sich der 23-jährige Benni. "Wenn man das öfter machen könnte, würde es noch mehr Spaß machen."

Mich interessiert jetzt am meisten, aus den Sicherheitsschuhen rauszukommen. Nachdem alle gefahren sind und die Ausrüstung abgelegt ist, gehe auch ich gemütlich nach Hause. Mit meiner Baumscheibe.



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