Trainspotting

Nikolai Worms

Warum stellt sich jemand in seiner Freizeit ans Ende eines Bahngleises und fotografiert Züge? Nikolai Worms wollte es genau wissen und traf sich mit dem 17-jährigen Trainspotter Andreas Hackenjos.



Für ein Treffen mit einem echten Bahnfan gibt es nur einen angemessenen Ort: den zugigen Bahnsteig. Andreas Hackenjos sitzt an Gleis 7 am Offenburger Hauptbahnhof und verrät die Geheimnisse seines außergewöhnlichen Hobbys. Der Sankt Georgener ist Trainspotter. Er plaudert über Baureihen, Lackierungen, Verspätungen und Lieblingsstrecken. Hunderte von Fotos und Videos von Lokomotiven hat der 17-Jährige schon im Internet veröffentlicht.

Wieso stellt sich jemand an das Ende eines Bahnsteigs, jenseits von Abschnitt A bis G, wo der normale Reisende nie hingelangt, und fotografiert verschiedene Loks? Andreas Hackenjos fällt es schwer, seine Faszination zu erklären: „Vielleicht ist es die große Leistung der Loks und das transportierte Gewicht.“ Er überlegt: „Oder ich habe die Begeisterung für Züge einfach im Blut: Mein Uropa war nämlich Lokführer.“

Beim Trainspotten gehe es allerdings auch nicht nur einfach um das Sammeln von Lokfotos. Andreas fotografiert zum Beispiel noch lieber auf freier Strecke als auf dem Bahnhof: „Der Bildhintergrund ist dort meistens schöner – die Gestaltung der Fotos ist nämlich fast genauso wichtig.“ Auch erwische man ja nicht jeden Zug am Bahnhof. An seiner Hausstrecke in St. Georgen im Schwarzwald fotografiert Andreas die meisten Loks in Fahrt und vor schönem Hintergrund: „Hier gilt Klasse statt Masse“, sagt er. Eigentlich mache aber erst der Austausch mit anderen Trainspottern die Sache richtig interessant. Dann springt Andreas plötzlich auf. Es fährt ein besonderer Leckerbissen vorbei: eine alte Dampflok.



Der Austausch der Bilder und Videos findet hauptsächlich in Internetforen statt. Dort hat Andreas über sein Profil auch andere Trainspotter aus Baden-Württemberg kennengelernt, mit denen er am Wochenende auf Lokomotivenjagd geht. „Alleine halte ich es eigentlich selten länger als eine Stunde auf dem Bahnsteig aus. Da wird die Warterei einfach zu langweilig. Wenn wir zu viert oder zu fünft losfahren, sind wir auch mal den ganzen Tag unterwegs.“

Bei der Frage nach Alter und Geschlecht der Trainspotter muss er grinsen: „Es gibt in Deutschland bestimmt einige tausend von uns – ich weiß allerdings nur von einer einzigen Frau.“ Dafür seien die Trainspotter aber in allen Altersklassen vertreten: „Ich kenne einen Trainspotter bei mir aus der Nähe, der ist erst zwölf und macht schon ganz ordentliche Fotos. Andere sind schon in Rente und gehen auf die 80 zu.“



Freunde und Bekannte nehmen die ungewöhnliche Freizeitbeschäftigung des 17-Jährigen ganz unterschiedlich auf. „Es wird meistens belächelt – zumindest in der Schule.“ Wenn irgendwelche dummen Kommentare kommen, sei ihm das aber inzwischen egal. Es gäbe schließlich auch viele, die sein Hobby gut finden, die ihn darauf ansprechen, weil sie im Internet zufällig auf seine Bilder gestoßen sind, oder die etwas wissen wollen, wenn mal eine Dampflok vorbeikommt. „Mein Hobby ist halt ein bisschen außergewöhnlich – nicht so wie Fußball“, sagt Andreas.



Der ICE auf Gleis 1 hat inzwischen schon eine ganze Stunde Verspätung. Die Bahn kündigt einen Ersatzzug an. Andreas läuft bis an das Ende des Bahnsteigs, baut das Stativ und seine Videokamera auf und wartet auf die Einfahrt des Zuges. „Den Ersatzzug zieht eine Lok mit einem Werbelogo drauf, das ist wirklich etwas Besonderes“, erklärt er aufgeregt.

Außergewöhnlich seien unter anderem auch Bauzüge, Militärzüge, Dampfloks oder alte Dieselloks, zum Beispiel die Baureihe 232, die den Spitznamen Ludmilla trägt. „Ich bin Allrounder und fotografiere eigentlich alles“, sagt Andreas. Andere Trainspotter hätten sich auf Güterzüge oder bestimmte Baureihen spezialisiert. Die Begeisterung für Details hat den Trainspotter auch die Spitznamen Nietenzähler und Pufferküsser eingebracht.



Nachdem der Bahnfan die Ein- und Ausfahrt des Zuges gefilmt hat, schreibt er   eine SMS. „Ich sage meinem Kumpel in Karlsruhe, dass der Ersatzzug dort vorbeikommt. Er stellt die Nachricht  gleich ins Internet, damit alle anderen Bescheid wissen.“ Dank der schnellen Kommunikation trifft man manchmal  auch andere Trainspotter am Ende des Bahnsteigs.

„Wir Trainspotter sind vielleicht die Einzigen, die dem Ausfall eines Zuges noch etwas Positives abgewinnen können“, sagt Andreas schmunzelnd. Trotzdem denke er auch immer an die Leute, die vielleicht in diesem Moment auf die richtige Verbindung angewiesen sind.



Bei Trainspotting geht es um Faszination für Lokomotiven und Züge und auch um ein bisschen mehr: Genau wie bei anderen Sammelhobbys bilden die Züge nur das Medium, das Großwild für die Jagd nach dem Besonderen und Einzigartigen. Andreas ist nach zwei Stunden jedenfalls zufrieden mit der Beute auf seinem Speicherchip: „Das war ein relativ erfolgreicher Tag.“

Mehr dazu:


Treffpunkte und Informationsplattformen für Trainspotter:
fudder.de: Gang durch den Sternwaldtunnel

Foto-Galerie: Andreas Hackenjos

Tipp: Wartet einen Augenblick, bis die Galerie komplett geladen ist. Ihr könnt euch dann ganz bequem jeweils das nächste Foto anzeigen lassen, indem ihr auf eurer Tastatur die Taste "N" (für "next") drückt.

PS: Hierbei handelt es sich nur um eine winzige Auswahl von Andreas' Bahnbildern. Alle findet Ihr auf seinem oben verlinkten Profil.