Tagebucharchiv Emmendingen: Schatzkammer der Lebensgeschichten

Helena Barop

Manche kommen nach einem langen Leben und bringen ganze Berge von Tagebüchern. Manche kommen schon mit 35 und wollen den Ballast loswerden, der sich im Keller stapelt. Das Deutsche Tagebucharchiv in Emmendingen nimmt autobiografische Dokumente von Privatpersonen an - eine Schatzkammer der Lebensgeschichten.



Breslau, zwanziger Jahre. Eine Frau ist sehr verliebt, bald will sie ihren Freund heiraten. Dann ruft er an, an Weihnachten. Er verschiebt die Hochzeit aus finanziellen Gründen. Sie hören nichts mehr voneinander. Fünfzig Jahre später sind beide verheiratet, haben Familien. Dann erst treffen sie sich wieder und es stellt sich heraus: Seine Mutter hatte sie auseinandergebracht.

Lebensgeschichten wie diese werden seit 1998 im Tagebucharchiv in Emmendingen gelesen, gesichtet und gesammelt. 5000 Einzeldokumente sind schon archiviert, Tagebücher, Lebenserinnerungen und Briefwechsel lagern in der Schatzkammer. Das Tagebucharchiv sammelt Zeitgeschichte, es geht nicht um Berühmtheiten, sondern um die authenitschen Dokumente normaler Leute aus dem deutschsprachigen Raum.



Das älteste Dokument ist ein Haus und Hofbuch aus dem 17. Jahrhundert. Schwerpunkt der Sammlung ist jedoch die Zeit des Zweiten Weltkrieges, Stapel von Feldpost und Frontberichten erzählen eine Geschichte, die den trockenen Geschichtsbuchtexten Leben gibt. Aber auch ganz Alltägliches wird hier aufgenommen. Kürzlich hat eine Frau einen ganzen Karton von Tagebüchern dagelassen.

Das erste ist von 1980, da war sie neun. "Für Fehler keine Hafftung" steht auf der ersten Seite. Dann geht es um Uwe und Volker, in die sie sich "verlipt", und um den vergessenen Turnbeutel. Als sie 17 ist, ist das Tagebuch nicht mehr geblümt und zum Abschließen. Um Jungs geht es aber immernoch, und um Pickel.

Im Tagebucharchiv sind die privaten Schätze gut aufgehoben. Die Einsender können Annonymität verlangen und sich immer informieren lassen, wenn ihre Dokumente genutzt werden. Viele zensieren auch ihre Einsendungen ein bisschen.



Zugänglich ist das Archiv für jeden. Wer vorher bescheid sagt, und eine Themenanfrage stellt, kann Quellen zu allen möglichen Bereichen finden. Allerdings sollte man sich zu aktuellen Themen nicht zu viele Hoffnungen machen, denn die meisten Einsender hinterlassen ihre Spuren eben erst gegen Ende ihres Lebens.

Selbst wenn es mit der Recherche nicht so geklappt hat - wer sich ein bisschen Zeit nimmt, um in den Tagebüchern zu schmökern, ist schnell gefesselt. Das Tagebucharchiv ermöglicht einen Blick in private Gedankenwelten. Man kann dort nicht nur erfahren, was passiert ist. Die Tagebücher erzählen vor allem, wie es war. Außerdem trösten sie ein bisschen, denn sie zeigen, dass es doch immer wieder die gleichen Dinge sind, die die Menschen glücklich und traurig machen.

Mehr dazu:

Deutsches Tagebucharchiv: Website

Personalien

Frau Jäger-Schenk hat Germanistik und Volkskunde studiert und ist Mitarbeiterin im Tagebucharchiv. Sie leitet eine der beiden Lesegruppen und kümmert sich um die Erfassung und Archivierung der Dokumente. Die Geschichten, die sie in den Tagebüchern liest, begeistern sie immer wieder.

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