Selbstversuch

Streakrunning oder warum ich im Januar jeden Tag laufen gegangen bin

Carolin Johannsen

Jeden Tag Schuhe binden und laufen, egal ob es schneit oder regnet: Der Trend heißt Streakrunning und wird bei Läufern immer beliebter. fudder-Autorin Carolin Johannsen hat den Trend ausprobiert.

Die Schuhe schnüren und laufen. Jeden Tag. Bei Regen und bei Schnee, bei Kälte und bei Hitze. Was ein wenig verrückt klingt, ist seit einigen Jahren ein wachsender Trend: Streakrunning. Auf Deutsch bedeutet es in etwa, dass man eine "Strähne" läuft, also jeden Tag laufen geht. Das habe ich diesen Januar ausprobiert. Es war ein Selbstversuch, der seinesgleichen sucht.


Die Idee für das Streakrunning hatte ich über die Zeitschrift "Runner’s World" bekommen. Jedes Jahr im Januar rufen sie zum "Runner’s World January Streak" auf, bei dem Laufbegeisterte jeden Tag laufen gehen und die Ergebnisse in sozialen Medien teilen. Die Bedingungen der Challenge sind einfach: man muss jeden Tag mindestens 1,6 Kilometer, also eine Meile, laufen gehen. Wie schnell man läuft, ist egal, man darf nur nicht gehen.

Für mich klang das nach einer guten Art, sportlich ins neue Jahr zu starten. Und so war es beschlossen: Ich würde im Januar jeden Tag laufen gehen. Ich habe schon immer relativ viel trainiert für eine Freizeitsportlerin. Ein Lauf oder Workout jeden Tag ist im Grunde normal für mich. Aber jeden Tag laufen gehen, hatte ich noch nie probiert. Als ich mich für die Challenge entschied, nahm ich mir vor, jeden Tag mindestens fünf Kilometer laufen zu gehen – damit sich die Dusche auch lohnt. Eine Entscheidung, die ich später noch oft hinterfragen würde.

Die Challenge

Tag 1 der Challenge ist der 1. Januar. Nach der Silvesterfeier ist die Motivation, sich nach draußen zu begeben, nicht unbedingt groß. Aber direkt am ersten Tag aufgeben, kommt für mich nicht in Frage. Also ziehe ich mir eine warme Jacke an, schnüre die Schuhe und los geht es. Nach fünf Kilometern komme ich wieder zuhause an, genieße die warme Dusche und die Pizza vom Vortag. So schlecht fühlt sich das gar nicht an. Tag 1 von 31 ist ja auch schon geschafft.

Auch die nächsten Tage läuft es besser als erwartet. Am 2. Januar laufe ich 17 Kilometer und bin überrascht, dass der Muskelkater am nächsten Tag nicht so schlimm ist, wie erwartet. Vielleicht liegt es daran, dass ich mir einrede, dass ich gerade angefangen habe, und noch keinen Muskelkater haben darf. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass ich mich vernünftig gedehnt habe.

Der Muskelkater kommt

Schon in der Woche darauf spüre ich nach einem Trainings-Halbmarathon allerdings, dass meine Beine schwer und die Motivation minimal ist. Und trotzdem gehe ich laufen. Denn einen Tag aussetzen, ist beim Streakrunning nicht erlaubt. Dennoch eignet sich Streakrunning auch für Laufanfänger, denn ein explizites Tempo ist nicht vorgegeben. Trotzdem stelle ich mir mehrfach die Frage: Was passiert, wenn ich mich erkälte, oder – noch schlimmer – mich mit Corona anstecke? Schon zu Beginn ist mir aber klar: sollte ich krank werden, breche ich ab. Trotzdem bleiben Zweifel. Wo bleibt beim Streakrunning die Regenerationszeit? Wann kann ich mich erholen? Die Antwort: durch entspannte, kurze Läufe.

Wenn ich demotiviert bin, denke ich an meinen jüngeren Bruder. Er ist ambitionierter Triathlet und trainiert deutlich mehr als ich mit meinen täglichen Läufen. Mit diesem Hintergedanken beiße ich die Zähne zusammen und schnüre meine Laufschuhe.

Die Tage vergehen und ich laufe und laufe. An manchen Tagen geht es leichter, an manchen Tagen fällt es mir schwerer. Mir wird klar: Ja, ich laufe gerne, aber nicht jeden Tag. Und ich hasse es, auf dem Laufband meine Kilometer abzuspulen.

Aufgeben ist nicht erlaubt

Trotzdem gebe ich nicht auf. Trotz Muskelkaters und schlechten Wetters. Es ist nicht mehr die Frage, OB ich laufen gehe, sondern wann und wie lang. Das Wetter ist trotzdem ein bedeutender Faktor. Denn egal wie ungemütlich es draußen ist, ich muss laufen gehen. Denn es gibt die Schönwetterläufer, die Gesundheitsläufer, die Genussläufer, die Wettkampfläufer – und die Streakrunner.


Im Laufe der Wochen entwickle ich ein gespaltenes Verhältnis zum Laufen. Nichts ist schöner, als den Lauf endlich geschafft zu haben, aber nichts ist ekeliger, als im Schneeregen laufen zu gehen. Aufgeben will ich aber trotzdem nicht. Aber nun ist es bald geschafft, Zeit für ein vorgezogenes Fazit.

Die Vorteile

Ich liebe Laufen, ich liebe Herausforderungen und ich liebe Statistiken. Beim Streakrunning kann ich das wunderbar kombinieren. Jeden Tag die Schuhe schnüren, eine bestimmte Anzahl an Wochenkilometern erlaufen und in der App meiner Sportuhr die Auswertungen der Läufe sehen – herrlich! Außerdem ist es jedes Mal, wenn ich wieder nach Hause komme, ein Sieg. Noch ein Tag ist geschafft, der Muskelkater hält sich in Grenzen und ich habe mich einmal mehr überwunden. Ein wunderbares Gefühl.

Ein weiterer Gewinn ist definitiv die Motivation, bei der ich die größte positive Veränderung gespürt habe. Ich hinterfrage das Laufen gehen gar nicht mehr, ich mache es einfach. Und meistens macht es Spaß.

Außerdem wage ich zu behaupten, dass sich mein Körper inzwischen an die erhöhte Belastung gewöhnt hat. Einen Halbmarathon laufen und am Tag danach gleich wieder zehn Kilometer – das ist inzwischen kein Ding mehr. Zwei Stunden Skilanglauf und danach noch ein schneller 5-Kilometer-Lauf – easy. Ich muss aber zugeben, dass ich mich sehr darum bemüht habe. Tägliches Dehnen und Massage sind zu meiner neuen Routine geworden. Außerdem achte ich noch mehr auf ausgewogene Ernährung.

Die Nachteile

Es gibt einfach Kein-Bock-Tage. Und dann gibt es die Tage, an denen man sich nicht sicher ist, ob Laufen wirklich eine gute Idee ist. Ich hatte das Glück, dass ich nicht krank geworden bin, aber wenn es um die Gesundheit geht, sollte man diese dem Streakrunning definitiv vorziehen. Da ist Ehrgeiz nicht gern gesehen, sondern gefährlich.
Wenn man sich bewusst ist, was man tut, auf seinen Körper hört und langsame, kurze Läufe zur Regeneration nutzt, ist die Gefahr, dass man sich mehr schadet als guttut, geringer. Ein kurzer Lauf muss auch nicht fünf Kilometer sein, sondern es reichen auch mal weniger.

Und jetzt?

Das frage ich mich schon seit ein paar Tagen. Soll ich jetzt einfach aufhören und zu meiner alten Routine mit drei bis vier Läufen pro Woche zurückkehren? Ich bin mir noch nicht ganz sicher. Das tägliche Laufen hat mir eine neue Struktur und Motivation zum Training gegeben, auf die ich nicht mehr verzichten möchte. Andererseits habe ich mich auch mehr als einmal zum Laufen gezwungen, obwohl ich überhaupt keine Lust hatte.

Dennoch, ich denke, ich werde weiterlaufen. Erstmal auch täglich, aber nicht aus Zwang. Wenn ich keine Lust habe, oder mich nicht gut fühle, bleibe ich zuhause. Wann das sein wird? Wir werden es sehen.

Übrigens:

Mein längster Lauf waren 22 Kilometer, die ich bei schönster Sonne im Ortenaukreis zurückgelegt habe. Der kürzeste Lauf waren exakt fünf Kilometer auf dem Laufband. Der späteste Lauf war am 17. Januar, als ich um 23.15 Uhr – nach meiner Ankunft in Schweden, wo ich derzeit studiere – noch mit Stirnlampe und in warme Sachen eingepackt meine täglichen fünf Kilometer absolviert habe. Der frühste Lauf war am 26. Januar um 6.40 Uhr auf dem Laufband, bevor ich den ganzen Tag Zoom-Seminare hatte.