fudder-Interview

Soziologe: "Normalität ist nicht das, was vor Corona war"

Thomas Kubina

Kann eine Demokratie Einschnitte in die Grundrechte wie jetzt aushalten? Ja, sagt Professor Schetsche vom Freiburger Institut für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene. fudder hat mit ihm über die Zeit nach der Krise gesprochen.

Herr Schetsche, viele Politiker bedienen sich einer Kriegsmetapher, wenn es um den Kampf gegen das Coronavirus geht. Was halten Sie davon?

Michael Schetsche : Das kreist immer um die Frage, wie kriegerisch unsere Sprache sich entwickeln soll. Natürlich ist das kein Krieg. Krieg ist nämlich das, was Menschen führen. Es geht vielmehr um den Versuch, den Menschen gesund zu halten und die, die krank geworden sind, wieder zu heilen. Von daher bewerte ich diese Metapher kritisch. Andererseits kann ich die gesellschaftliche Funktion der Verwendung gerade dieser Metaphern verstehen. Sie dienen dazu, eine Gesellschaft auf etwas einzuschwören. Ziel dabei ist, dass der Ernst der Lage deutlich wird und möglichst weite Teile der Bevölkerung den geforderten Maßnahmen zustimmen. Sachlich ist diese Nutzung natürlich nicht ganz korrekt, Politiker und Politikerinnen verwenden diesen Terminus gern – man darf eben nur nicht vergessen, dass ein Virus kein handelnder Akteur ist. Ein Virus ist eine biologische Entität und verfolgt keinen Zweck oder ein konkretes Ziel.

Was bedeutet ein Shutdown für eine offene, demokratische Gesellschaft?

Hier besteht ein enormes Spannungsverhältnis. Menschen beharren zu Recht auf ihren Freiheitsrechten, die nun aus epidemiologischen Gründen eingeschränkt werden. Für alle Entscheidungsträger ist dies, in Anbetracht des Ernstes der Lage, eine große Herausforderung: Welches Maß von Einschränkungen ist angebracht und sinnvoll? Diese Spannung wird in den aktuellen Debatten deutlich, die uns auch die Grenzen staatlichen Handelns vergegenwärtigen: Was kann ich von einer Bevölkerung verlangen? Was ist rechtlich überhaupt legitim? Wir haben zwar ein Bundesseuchengesetz, in dem solche Umstände ansatzweise geregelt sind, dennoch ist der konkrete Fahrplan dort keineswegs klar vorgegeben. Ich denke, dass wir nach der Krise nochmals darüber diskutieren müssen, wo die Grenzen sind. Auch die Zivilgesellschaft wird sich fragen, welche Einschränkungen sie annehmen kann und welche nicht.
Zur Person

Professor Michael Schetsche, 64 Jahre, forscht und lehrt am Institut für Soziologie der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg und ist seit 2002 Abteilungsleiter des Freiburger Instituts für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene.

Im Krisenmodus werden notwendige politische Entscheidungen getroffen, die nicht unbedingt auf Konsens beruhen und totalitär erscheinen. Was können Demokratien aushalten?

Wenn sich der Krisenmodus auf eine begrenzte Zeit beschränkt, können Demokratien sehr viel aushalten. Wir beobachten momentan eine starke Dominanz der Exekutive, die Legislative ist kaum beteiligt. Einige Abgeordnete kritisieren das und plädieren dafür, mehr Entscheidungen in die Parlamente zu verlagern. Deren Argumente kann ich verstehen, denn letztendlich ist die Vertretung des Volkes das Parlament. Ich kann aber auch verstehen, dass katastrophenartige Ereignisse schnelle Entscheidungen verlangen. Da kann man nicht immer vier Wochen warten, bis etwas im Parlament ausdiskutiert ist. Dass eine Demokratie handlungsfähig ist, bedeutet folglich beides: Einerseits müssen demokratische Instanzen ihre Rolle spielen, andererseits muss man das schnelle Handeln einfach aufgrund der Krisenlagen irgendwie aushalten. Es bleibt trotzdem die Frage: Kann man die Legislative stärker miteinbeziehen? Die Antwort darauf wird erst die nächste Krise bringen.

Menschen werden zukünftig penibler und sensibler im Umgang mit Krankheitssymptomen. Kann man diese Aussage so stehen lassen?

Es werden sich ein paar Veränderungen ergeben, das steht fest. Im 18. und 19. Jahrhundert hatten wir Cholera und ähnliche Seuchen, da kannten die Menschen solche Zustände ansatzweise. Für das 20. Jahrhundert und gerade für Mitteleuropa ist das, neben der Spanischen Grippe, die größte und schwerste Epidemie. Von daher müssen sich die Menschen an diese neue Situation gewöhnen. Hält diese Krise länger an, was ich annehme, dann wird das zwangsläufige Veränderungen provozieren. Es wird eine Veränderung im kollektiven, psychischen System geben, indem der Mitmensch als stärker bedrohlich aufgefasst wird: Wie nah komme ich anderen Menschen? Wie halte ich Abstand? Soll ich die Hand geben, oder ihn in den Arm nehmen? Der Handschlag als Standardbegrüßung in Mitteleuropa könnte für eine gewisse Zeit verschwinden. Man könnte das auch durch andere Begrüßungsrituale ersetzen, das ist klar. Schlimm wäre es, wenn wir ein generelles Misstrauen gegenüber Menschen aufbauen. Meine Prognose bezüglich der Frage ist, dass Menschen zukünftig mehr Abstand einhalten werden, als vor Corona.

"Die soziale Ungleichheit steigt zwar nicht an, aber sie wird deutlicher markiert durch das Virus."

Diverse Verschwörungstheorien kreisen um das Coronavirus: Was sagen Sie dazu?

Ich bin kein genereller Gegner von Verschwörungstheorien, denn es gibt Verschwörungen in der Menschheitsgeschichte. Schon Cäsar ist durch eine Verschwörung umgekommen, auch Offiziere, die sich gegen Adolf Hitler zusammengetan haben, haben sich verschworen. Die Liste lässt sich fortsetzen. Und da es ganz reale Verschwörungen gibt, muss man immer Fragen stellen, ob eine konkrete Verschwörungstheorie Sinn macht oder nicht. Das hängt etwa an der Frage, ob es eindeutige Indizien gibt oder nicht. Sonst sind das nur Hirngespinste. Im Falle des Coronavirus gibt es zwei Typen von Verschwörungstheorien: Zum einen gehen Menschen davon aus, dass es keinen Virus gibt und hinter allem ein großer Plan steht, der darauf abzielt, die Menschen stärker zu kontrollieren. Diese Theorie halte ich für kompletten Humbug. Wenn reale Menschen sterben, dann finde ich solche Thesen einfach unverschämt. Andere Verschwörungstheorien beschäftigen sich hingegen mit der Frage, ob das Virus natürlich entstanden ist oder künstlich erzeugt wurde. Ob das Virus aus dem Labor stammt, kann ich nicht beurteilen, da vertraue ich auf die Virologen, die Fachleute dafür sind und das eher ausschließen. Dass in Wuhan zufälligerweise das Labor für biochemische Waffen ist, war ein Argument, das dafürsprach. Was ich dazu sagen kann, ist, dass Experimente in der biochemischen Waffenproduktion neue Viren erzeugen können. Trotzdem denke ich, dass das Virus nicht bösartig freigesetzt worden ist, wenn dann eher durch einen Unfall – ich bin aber kein Experte in dieser Frage.

Das Coronavirus ist ein sozialer Gleichmacher und fördert die gesellschaftliche Eintracht. Stimmt das?

In beiderlei Hinsicht kann ich sagen, in gewisser Weise Ja und in gewisser Weise auch Nein. Jeder kann sich unabhängig seiner sozialen Schicht anstecken, aber nicht unabhängig von anderen Merkmalen. Wir wissen, dass schwere Krankheitsverläufe bei Männern häufiger sind als bei Frauen. Wir wissen, dass alte Menschen und Menschen mit Vorerkrankungen einem höheren Risiko ausgesetzt sind. Wir dürfen aber auch nicht die Bedingungen vergessen, die unter einer möglichen Quarantäne mitschwingen: Lebe ich als Familie in einem tollen Haus mit Garten, dann ist das eine ganz andere Ausgangssituation, als wenn ich mit fünf Personen in einer Drei-Zimmer-Wohnung lebe. Das tangiert auch die Frage, wie ich mit meinen Kindern im Homeoffice leben kann. Viele Faktoren führen zu unterschiedlichen Problemlagen, was auch andere Konflikte automatisch provoziert. Die soziale Ungleichheit steigt zwar nicht an, aber sie wird deutlicher markiert durch das Virus.
"Normalität ist nicht das, was vor Corona war. Normalität ist das, wie eine Gesellschaft üblicherweise funktioniert."

Wer wird als "Gewinner" und wer als "Verlierer" aus der Krise kommen?

Verlierer werden ganz sicher viele kleine Unternehmen sein, gerade im Bereich von Gastwirtschaften und Cafés. Verlierer werden auch selbständige Künstlerinnen und Künstler sein, die ganz massive Einbußen haben. Wir werden dahingehend einige Insolvenzen erleben – trotz aller Zuschüsse und Kredite. Ob es auch große Unternehmen erwischt, wird sich noch zeigen. Hier möchte etwa die Lufthansa selbst gern ein Insolvenzkandidat sein. Für das Flugunternehmen bietet sich damit die Chance, Gelder vom Staat zu "erpressen". Die Gewinner hingegen sind vor allem Online-Shopping-Unternehmen, aber auch ganz viele regionale Lieferdienste. Ein positiver Effekt, der sich aus den Umstrukturierungen ergibt, zeigt sich vor allem im Bereich der Digitalisierung: In der Arbeitswelt, aber auch im Bildungsbereich wird sich viel ändern. Da könnte es direkt zu einem Modernisierungsschub kommen.

Was ist eigentlich Normalität?

Normalität ist nicht das, was vor Corona war. Normalität ist das, wie eine Gesellschaft üblicherweise funktioniert. Für einem Zeitraum von 20 bis 30 Jahren sollten muss man fragen: Wie organisieren wir unser Leben? Wie ist die Arbeit verteilt? Wie viele Arbeitslose gibt es? Wie gestaltet sich das soziale Leben? Wie sind die politischen Herrschaftsverhältnisse? Es entwickelt sich erst nach einer gewissen Zeit ein Eindruck von Normalität. Das gilt aus wissenschaftlicher Perspektive, aber auch in der Wahrnehmung der Bevölkerung. Eindeutig ist, dass wir den aktuellen Zustand der Gesellschaft nicht mehr als Normalität wahrnehmen – wir haben vielmehr einen Ausnahmezustand. Deshalb ist die Bezeichnung "Corona-Krise" durchaus zutreffend.