fudder fragt nach

Sonja Karadza vom Theater im Marienbad: Wie geht’s und wie geht’s jetzt weiter?

Jennifer Fuchs

Wie verbringen die Menschen in Freiburg die Krise? Was macht es mit ihnen und wie lenken sie sich ab? fudder fragt bei Studierenden, Sportlern und Selbstständigen nach. Folge 21: Sonja Karadza, künstlerische Leitung und Dramaturgin im Theater im Marienbad Freiburg.

Sonja, wie geht’s dir?

Nach erholsamen Sommerferien am französischen Atlantik und einem tollen Theateraustauschprogramm in Dänemark habe ich mich wieder auf die Arbeit im Theater gefreut. Wir sind zuversichtlich in die Saison gestartet. Unsere Hygienekonzepte hatten wir schon im Frühsommer erprobt und konnten im Oktober mit eingeschränkter Sitzplatzkapazität mit der Premiere von Büchners "Leonce und Lena" in der Regie von Sascha Flocken starten. Viele Lehrerinnen und Lehrer haben unser Angebot wahrgenommen. Viele Vormittagsvorstellungen waren bis zum Jahresende ausgebucht und darüber hinaus. Das schon vor dem zweiten Lockdown vom Kultusministerium erlassene, generelle Verbot von außerschulischen Veranstaltungen hat diese Entwicklung gestoppt. Diese Entscheidung trifft die Kinder und Jugendlichen im Land. Mit dem erneuten Lockdown sind alle Bemühungen hinfällig geworden. Alle Theater sind nun geschlossen. Ratlosigkeit macht sich breit. Ich bin traurig und empfinde eine gewisse Willkür in diesem zweiten Lockdown. Und es ist für mich unverständlich, dass gerade jetzt Kunst und Kultur als verzichtbar gelten, während die großen Gesellschaftsfragen ausgehandelt werden müssen. Das die Kinder und Jugendliche in den aktuellen Debatten so wenig gesehen und gehört werden, beunruhigt mich sehr. Sie werden in all diesen Diskussionen zu wenig mit einbezogen.
fudder fragt nach

fudder möchte in dieser Serie junge Menschen aus Freiburg und der Region vorstellen und sie fragen, wie es ihnen in der Krise geht. Dabei möchte die Redaktion einen Querschnitt der Gesellschaft zeigen. Seit Mai 2020 stellen wir regelmäßig eine Folge von "Wie geht’s und wie geht’s jetzt weiter?" online.

Übersicht: Alle Folgen der fudder-Serie

Wie hast du die letzten Monate verbracht?

Im Theater haben wir Pläne geschmiedet und wieder verworfen. Uns darüber gefreut mit einer Premiere im Oktober das Haus zu eröffnen. Gemeinsam versucht Verordnungen zu interpretieren und für unser Haus anzuwenden. Jeden Tag abgewogen und uns die Frage gestellt: " Ist das richtig so?" Mich zur Hobbyvirologin, Krisenmanagerin, Projektantragstellerin und Hoffnungsträgerin ausgebildet. Mich in Geduld zu üben versucht, nicht immer mit Erfolg. Versucht uns viel zu vernetzen. Onlinesitzungen mit tollen Kolleginnen und Kollegen abgehalten, alle gemeinsam müde geworden vom immer gleichen Thema. Ich war im Theater und im Kino, ich habe Menschen getroffen, viel telefoniert und bin viel spazieren gegangen. Ich habe meinen Sohn unterstützt Schulstoff von drei Monaten Homeschooling nachzuholen und nach langer Sehnsuchtszeit überglückliche Omas in den Armen gehalten.

Welche Auswirkungen hat der zweite Lockdown für dich und das Theater im Marienbad?

Er manifestiert den Zustand, dass nach einem zweiten Lockdown ein dritter, dann vielleicht ein vierter kommen könnte. Der zweite Lockdown zeigt einen Dauerkrisenzustand, auf den die Kunst- und Kulturbranche anders reagiert als sie es im Sommer tat. Damals hatten wir voller Tatendrang innovative Konzepte entwickelte. Viele Kulturschaffende sind müde vom Planen und wieder Verwerfen, vom Kunstschaffen mit Abstand und Maske vor und hinter der Bühne. Es geht die Leichtigkeit verloren. Kreativität braucht eine gewisse Freiheit im Kopf und Planungssicherheit. Auf Dauer ist dieser Zustand meiner Meinung nach für Künstlerinnen und Künstler nicht zu halten.

Bildungseinrichtungen wie die VHS, Kunst- und Musikschulen sind weiterhin geöffnet, weil sie "der musisch-ästhetischen Bildung und Erziehung dienen und damit als Teil des für die Zukunft der Gesellschaft besonders bedeutsamen Bereichs Schule und Bildung" zählen. Ich frage mich, was unterscheidet uns von ihnen? Genau das ist es ja, warum wir Theater für Kinder und Jugendliche machen. Wir wären gerne ebenso Teil dieser Bildung in Krisenzeiten.

Was hast du in der Zeit der Pandemie gelernt?

Was für ein Glück ich habe in einem so tollen Kollektiv arbeiten zu dürfen. Wenn wir nicht so arbeiten würden, wie wir es tun, wären viele Situationen schwerer zu lösen gewesen. Aufgrund der vielen Einschränkungen habe ich gelernt, dass das Theater vielen Menschen etwas gibt und dass meine Arbeit einen Sinn hat. Einen, den man eben schwer beschreiben kann oder auch sehr konkret wie Sibylle Berg sagte: "Wer im Theater sitzt, kann in dieser Zeit keine Hasskommentare schreiben, sich nicht mit seinen Nazikumpeln treffen und niemanden verprügeln." Im eigenen Spielplan habe ich neu auf unsere Stücke geschaut und mich gefreut wie viel diese zur aktuellen Debatte beitragen können. Festgestellt, dass ich ein sehr freiheitsliebender und kommunikativer Mensch bin und dass ich Isolation, auch wenn sie nötig scheint, als Gefährdung wahrnehme. Ansonsten kann ich der jetzigen Situation wenig abgewinnen. Es wird mir bewusst, dass vieles wofür ich täglich kämpfe auf dem Spiel steht – offene Grenzen, Chancengleichheit in der Bildung und kulturellen Teilhabe, Gleichstellung von Frauen und Männern in der Arbeitswelt, der Kampf gegen Rassismus und Vorurteile, einen Gesellschaftsvertrag zwischen den Generationen, was Ressourcen und Pflichten betrifft.

Wie geht es für euch jetzt weiter?

Wir hatten für Mitte November eine Premiere angesetzt und werden diese hausintern machen ohne Publikum von außen. Drei Jahre hat es gebraucht bis die Regisseurin Hannah Biedermann und ihr Kollektiv Pulk Fiktion nach Freiburg zum Arbeiten kommen konnten. Der Spielplan für Dezember steht, ob wir ihn so spielen können, werden wir im besten Fall eine Woche vorher erfahren. Wir werden, wie es für unser Haus üblich ist, mit dem ganzen Marienbadensemble in Klausur gehen und uns Gedanken machen, was es heißt unter den jetzigen Bedingungen auf Dauer an einem Theater zu arbeiten, dabei zufrieden zu bleiben und dem Auftrag, den wir haben, gerecht zu werden. Das wird sicher kein leichtes Unterfangen, aber wir sind im Vorteil, denn unsere letzte Krise liegt nicht allzu lange zurück. Wir sind darin also erprobt. Ich bin hoffnungsfroh, denn es ist meine tiefste Überzeugung, dass ohne Kunst und Kultur ein menschenwürdiges Leben nicht möglich ist. Und dies so vielen Menschen wie möglich erfahrbar zu machen – darin sehe ich als Künstlerin meine politische Aufgabe.