Visionen

Sieben Zukunftsvisionen aus den Freiburger TEDx-Talks

Claudia Förster Ribet

Die ersten digitalen TEDx-Talks in Freiburg haben am Sonntag gezeigt, wie gut Onlinekonzepte funktionieren könnten. Unter dem Motto "Tales of Tomorrow" widmeten sich die Speaker Visionen einer besseren Zukunft. Sieben spannende Erkenntnisse aus der Konferenz.

Digitale Konzepte können funktionieren

Abgesehen von der Pandemiemüdigkeit leiden viele Menschen nach einem Jahr Corona auch unter digitalem Verdruss. Lernvideos gleichen Frontalunterricht der alten Schule, die Bildschirmzeit eines jeden ist exponentiell gestiegen. Doch die erste digitale TEDx-Konferenz hat gezeigt, dass digitale Meetings funktionieren. Knapp 500 Zuschauerinnen und Zuschauer aus 14 verschiedenen Ländern streamten die Freiburger TEDx-Talks am Sonntag live. Die Organisatoren hatten ein ausgeklügeltes und funktionierendes Online-Tool entwickelt, mit dem die echte TEDx-Konferenz sehr authentisch nachgeahmt wurde: Man konnte die Talks live kommentieren, sich im Chatroulette mit zufällig ausgewählten anderen Zuschauern austauschen und die Speaker in Question-and-Answer-Rooms zur Rede stellen. Wer wollte, konnte sich mit einem Profi-Barkeeper simultan einen Gin Tonic mixen, sich mit einem Physiotherapeuten in der Pause wach dehnen oder mit den Organisatoren einen Blick hinter die Kulissen im Filmstudio werfen. Und all das für einen individuell bestimmbaren Ticketpreis. Ganz nebenbei zeigten die Organisatoren der fünften TEDx-Talks Freiburg also eine weitere Zukunftsvision, ganz entsprechend ihrem Motto "Tales of Tomorrow": die Vision von funktionierenden, interaktiven digitalen Veranstaltungen.

Mit Agri-Photovoltaik lassen sich Landwirtschaft und Energiegewinnung gleichzeitig verbessern

Schonmal etwas vom Flächendilemma gehört? Laut Speakerin Jana Kalmbach wird dieser Begriff unsere Zukunft prägen, denn mit einer wachsenden Weltbevölkerung gehe ein wachsender Bedarf an Nutzflächen einher. Solare Freiflächen müssten für eine nachhaltige Energiegewinnung her, Wohnraum müsse geschaffen und Lebensmittel angebaut werden – gleichzeitig dürften die übrigen intakten Ökosysteme nicht zerstört werden. Ein Lösungsansatz für eine zukunftsfähige, resiliente und klimaneutrale Landwirtschaft sei deshalb die Agri-Photovoltaik, an der die Studentin am Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme in Freiburg forscht. Dabei werden Photovoltaik-Anlagen einige Meter über den Feldern montiert, sodass die Fläche gleichzeitig für den Gemüseanbau und die Erzeugung solarer Energie genutzt wird.

Entgegen der Intuition senkt das die Ernteerträge nicht, sondern kann sie sogar steigern: Weil die Solarplatten Schatten spenden, vor Starkwetterereignissen wie Hagel schützen und unter ihnen ein feuchteres Mikroklima entsteht, wachsen Nutzpflanzen teilweise sogar besser als im Freiland. Baut man die Solarpaneele dagegen vertikal, können sie in stürmischen Gegenden als Windbrecher dienen; richtet man sie als Rinnen aus, können sie Regenwasser auffangen, das zur Bewässerung der Felder genutzt werden kann. Und ganz nebenbei decken die Photovoltaikanlagen nicht nur den Energiebedarf des jeweiligen Hofes, sondern speisen auch noch zusätzlichen Strom ins Netz ein. Alles in allem ein Ansatz, der Hoffnung auf eine funktionierende Energiewende und klimaneutrale Landwirtschaft macht, zeigt Jana Kalmbach.

Jede Vagina braucht eine Community

"Hat deine Vagina eine Community?", fragt Maria-Xenia Hardt, Journalistin und Dozentin an der Uni Freiburg, zu Beginn ihres Talks. Ein Satz aus dem berühmten Theaterstück "The Vagina Monologues", bei dessen Aufführung im studentischen Theater sie mehrfach Regie führte, habe sie zum Nachdenken angeregt. Darüber, wie phalluszentriert die heutige Gesellschaft sei, in deren patriarchalischen Strukturen Erfolg habe, was am stärksten oder größten sei. Darüber, wie Frauen von Männern, aber auch von anderen Frauen kleingehalten werden. Und darüber, wie Menschen von einer Kultur der Vaginas profitieren könnten. Zehn Regeln für eine solche Kultur präsentiert sie in ihrem mitreißenden Talk "Why we need a culture of vaginas". Regel Nummer eins: Für andere Frauen einstehen, einer anderen Frau Gleichberechtigungs-Managerin sein – ohne Angst, als "bossy" abgestempelt zu werden. Regel zwei: Anderen Frauen Türen öffnen und Macht teilen, sobald frau das kleinste bisschen davon erreicht habe.

"Regeln Nummer 10: Aufhören, andere Frauen um ihre Partner, Freunde, Jobs oder um ihr Aussehen zu beneiden." Maria-Xenia Hardt

Regel Nummer fünf: Mädchen für ihre Intelligenz oder ihren Mut loben anstatt für ihr hübsches Aussehen oder ihre dünne Figur. Denn diese tief verankerte Kritik führe dazu, dass jede Frau, selbst Leistungssportlerinnen und Supermodels, von Selbstzweifeln zurückgehalten werde. Regel Nummer zehn: Aufhören, andere Frauen um ihre Partner, Freunde, Jobs oder um ihr Aussehen zu beneiden. Dahinter stecke nur das Zwietracht säende, männergemachte Märchen, dass solche Güter rar seien und nur bestimmten Frauen zustünden, sagt Hardt. Um all diese gesellschaftlich tief verankerten Annahmen zu verändern, müssten Frauen und Männer in Zukunft alles anders machen. Der erste Schritt des Empowerments: seine eigene Vagina-Community finden.

Für einen wahren Wandel müssen junge Menschen in die Politik

"Es ist noch keine drei Jahre her, da hätte ich nicht im Traum daran gedacht, dass ich selber Politik machen könnte", erzählt Simon Sumbert, der mit 23 Jahren das jüngste Mitglied des Freiburger Gemeinderates ist. Er sei enttäuscht gewesen von der Politik, wütend darauf, wie falsch viele Dinge laufen: "Aber ich dachte, dass ich als junger Mensch sowieso keinen Unterschied machen kann". Deshalb habe er lieber direkt vor Ort geholfen, zum Beispiel in Unterkünften für Geflüchtete. "Irgendwann habe ich dann gemerkt, dass ich ganz schön daneben lag mit dem Gedanken, alleine zu sein", sagt Sumbert in seinem Talk. Innerhalb kürzester Zeit hätten junge Menschen wie Greta Thunberg Millionen von Menschen auf die Straßen bewegt. "Obwohl überall auf der Welt mit Enthusiasmus, Charisma und wissenschaftlicher Unterstützung gekämpft wurde, fielen die abgeleiteten Maßnahmen gering aus". Das sei aber auch nicht verwunderlich angesichts der krassen Unterrepräsentation junger Menschen im Parlament. Nur zwei Bundestagsabgeordnete seien aktuell jünger als 30. Das sei aber nicht nur insofern schlecht, als dass altersspezifische Einzelinteressen junger Menschen nicht vertreten würden, sagt Sumbert; sondern greife viel tiefer.

"Irgendwann habe ich dann gemerkt, dass ich ganz schön daneben lag mit dem Gedanken, alleine zu sein." Simon Sumbert
Der Wesenskern einer funktionierenden Demokratie sei das Interesse, langfristig für eine gute Zukunft für alle zu sorgen. Und welche Gruppe hätte potentiell mehr Interesse daran als junge Menschen, die von diesen Entscheidungen am meisten und längsten betroffen sein werden? Drei Ansätze zählt Simon Sumbert auf, die seiner Meinung nach nötig sind, um junge Menschen am politischen Prozess zu beteiligen: Zum einen müssten rigide Strukturen aufgebrochen werden, also zum Beispiel Parteien alltagstauglicher und zugänglicher gemacht werden. Machtmissbrauch müsste konsequenter angeprangert werden, sodass die mit Macht einhergehende Verantwortung stärker in den Fokus rücke. Und nicht zuletzt müssten sich junge Menschen gegenseitig unterstützen und vernetzen, anstatt in spezifischen aktivistischen Gruppen nur das eigene Süppchen zu kochen – nur so könne eine Demokratie erreicht werden, in der junge Menschen das Gehör finden, das ihnen zusteht.

Fahrräder können geflüchteten Frauen helfen, sich zu integrieren

Eine zweite Fahrradbrücke ist in Freiburg entstanden, die nicht Stadtviertel, sondern gesellschaftliche Gruppen verbindet, erzählt Shahrzad Enderle in ihrem Talk. Bei ihren Besuchen in Freiburger Flüchtlingsunterkünften vor fünf Jahren habe die Sportsoziologin und gebürtige Iranerin angenommen, es handle sich um reine Männerunterkünfte, weil sie bei Sport- und Freizeitprogrammen keine einzige Frau gesehen hatte. Dabei lebten viele Mädchen und Frauen in den Unterkünften. Doch wie in ihrer Jugend im Iran sei es in den Kulturkreisen dieser Menschen unüblich, dass Frauen Sport trieben oder sich unabhängig bewegten.

Diese eingeschränkte Mobilität stehe ihnen bei der Integration in einem neuen Land besonders im Weg, sagt Enderle. Inspiriert von der Allgegenwärtigkeit der Fahrräder in Freiburg gründete sie 2016 deshalb das Pilotprojekt Bike Bridge, das geflüchteten oder eingewanderten Frauen Fahrradfahren beibringt. Das soll ihnen dabei helfen, sich frei und unabhängig zu bewegen dadurch besser zu integrieren. Mittlerweile haben Städte wie Hamburg, München und Paris Enderles Idee aufgegriffen und helfen Frauen aus anderen Ländern und Kulturen dabei, (Fahrrad-)Brücken zu den Einheimischen zu bauen.

Man kann das Gehirn austricksen, um Ängsten und Zweifeln den Garaus zu machen

"Wir erleben gerade eine zweite Pandemie", sagt Psychotherapeutin und Trauma-Expertin Anne Denk in ihrem Talk, "und zwar eine emotionale". Immer mehr Menschen seien unsicher, fühlten sich nicht genug, würden von Ängsten geplagt. Dabei sei es genau jetzt, angesichts riesiger zu bewältigender Krisen wie dem Klimawandel besonders wichtig, auch in konflikthaltigen Situationen Ruhe und Sicherheit zu verspüren, um proaktiv reagieren zu können. Glücklicherweise habe die Psychologie eine revolutionäre Technik gefunden, um Stressreaktionen effektiv zu drosseln: Mit der EMDR-Methode (eye movement desensitization and reprocessing) induzieren ausgebildete Therapeuten wie Anne Denk beim Patienten schnelle Augenbewegungen, wie sie auch in der REM-Phase (rapid eye movement) beim Schlafen stattfinden.

Diese Bewegungen wirken beruhigend auf die Amygdala, einen Teil des Gehirns, der an emotionalen Furcht- und Stressreaktionen beteiligt ist. EMDR sei wissenschaftlich belegt eine der effektivsten Möglichkeiten, Traumafolgestörungen wie posttraumatische Belastungsstörungen zu behandeln, erklärt Denk. Und wenn das einfache Hin- und Herbewegen der Augen sogar gegen Stressreaktionen auf traumatische Ereignisse bei Soldaten helfen – warum sollte es dann nicht auch dazu dienen, alltägliche Sorgen und Ängste zu lindern? Deshalb empfiehlt die Psychotherapeutin, EMDR als Selbstberuhigungstechnik zu üben, um sein Gehirn auszutricksen und gegen Furcht anzukämpfen. Das spare wertvolle Energie, die die Menschen in wichtige, realistische Probleme investieren könnten, statt in irrationale Ängste und Selbstzweifel.

Wir sind besonders, weil wir das Gleiche sind

"Was ist unser Platz im Universum? Wieso wir?", fragt Gottfried Haufe, Autor und Poet, in seinem TEDx-Talk "Ein kosmischer Gedanke". Seit der Verbannung des Menschen aus der Mitte des Sonnensystems habe er sukzessive an Bedeutung verloren im Kosmos – und suche genau dort nach Antworten, nach Verwandten, nach Leben, das an seine Intelligenz herankommt. An der Spitze zu stehen, bringe aber immer ein übersteigertes Selbstbewusstsein mit sich. Vielleicht, überlegt Haufe in seinem Talk, wäre es für diese menschliche Hybris eine Lösung, wenn es eine Bedrohung von außen, eine außerirdische Konkurrenz gäbe. Denn dann würden wir psychologisch zusammenrücken, uns verbundener fühlen.

"Es ist an uns, Sinn zu stiften". Gottfried Haufe
Was aber, wenn intelligente Lebensformen des Alls uns ignorieren, oder gar nicht interessant finden? Wenn sie uns lediglich amüsiert beäugen wie wir unsere nächsten Artverwandten – von denen wir uns wohlgemerkt nur in einem Prozent DNA unterscheiden – oder unsere Kleinkinder, wenn sie uns in stümperhafter Art und Weise nachahmen? Eigentlich sei es sogar recht unwahrscheinlich, dass es kein weiteres Leben im Universum gebe, postuliert Haufe. Aber mache uns das weniger besonders? "Nein", sagt der Autor, "denn wir Menschen sind besonders, weil wir aus demselben sind, aus dem alles ist, was im Universum je war und sein wird, aus demselben Sternenstaub. Es ist an uns, Sinn zu stiften".