Kreativität

"Selina schreibt" ist das Handlettering-Projekt einer jungen Freiburgerin

Viola Priss

Wenn "Selina schreibt" entsteht ein kleines Kunststück. Mit viel Liebe zum kleinen Detail beschriftet Selina Steinberg Tafeln, Karten oder auch Eier. In Workshops zeigt sie, wie aus Einladungskarten via Handlettering Liebeserklärungen werden.

"Wie im Tunnel", so beschreibt es Selina Steinberg, ist sie beim Lettern und mit den Teilnehmerinnen ihres Workshops. Drei dichte Stunden, in denen man alles um sich herum vergessen kann.Daheim geht es weiter, zehn bis fünfzehn Stunden investiert die gebürtige Freiburgerin seit mehr als eineinhalb Jahren in ihre Leidenschaft. Das sei das Wichtigste beim Handlettern: Üben, üben, üben.

"Vom Handlettering war ich von der ersten Minute an infiziert"

Wie die gelernte Handelsfachwirtin darauf kam, liest sich wie im Bilderbuch. Als sie nach sechs Jahren Berufstätigkeit in Stuttgart den lang ersehnten Rückzug in die Heimatstadt Freiburg wagte, war sie zunächst ohne feste Bleibe. Eingelagert lag ihr "Fundus der Kreativität" dann drei Monate gesammelt vor ihr: Farben, Leinwände, Nähmaschine, Zubehör. Erinnerungen an das Nähen mit der Großmutter in Freiburg, die vielen Lebensphasen durch die das Kunstmachen sie begleitet habe.

Irgendwann wurde der Drang nach kreativem Schaffen so groß, sagt sie, da musste es etwas Neues sein. Bisherige Arbeiten, wie das Patchworken, das sie von ihrer Großmutter gelernt hatte, waren Ein-Jahres-Projekte gewesen, genauso Selbstgenähtes oder große Bilder. Während einer nächtlichen Tour auf Instagram ist sie dann auf einen Handlettering-Workshop in Freiburg gestoßen, besuchte ihn und war "von der ersten Minute an infiziert. Ich wusste: Das ist es."

Das Fieber um Tusche und Stift

Das besonders Dankbare daran sei: Schon in kurzer Zeit und mit geringem Aufwand halte man ein kleines Kunststück in den Händen, "das hat einfach einen einmaligen Effekt", so die 31-Jährige. Nachdem der Stein einmal ins Rollen gekommen war, hieß es für Selina: Übung macht den Meister. Viele Stunden studierte sie Handlettering-Videos, probierte verschiedenste Kompositionen, Skills und Tricks aus und war an dem Punkt, den nächsten Schritt zu wagen. Denn die Community des Handletterings und der Kalligraphie war in anderen Städten bereits etabliert. Da das Lettern ihr geholfen hatte, in ihrer neuen alten Heimat Freiburg Fuß zu fassen, fand sie: Sowas sollte es auch hier geben. Die Infizierte wollte auch andere anstecken mit dem Fieber aus Tusche und Stift. Für die ersten paar Pilotversuche eigener Workshops durften Freunde und Familie dann herhalten.

"Mir war sofort klar: Davon will ich mehr!"

Nachdem die Resonanz durch die Reihe positiv war und die Reichweite mit den ersten geposteten Werken auf ihrem Instagram-Kanal "Selina schreibt" stetig wuchs, war Selina bestärkt genug den nächsten Schritt zu wagen: die ersten zwei offiziellen Workshoptermine im Dezember 2019 wurden festgelegt. "Und waren innerhalb von zwei Tagen komplett ausgebucht", sagt sie. "Die Energie, die da dann rüberkam hat mich so bewegt, dass mir sofort klar war: Davon will ich mehr."

Inzwischen ist das kleine Projekt von der Herzensangelegenheit zum Teilgewerbe expandiert. Und Selina hat sich mitentwickelt. "Vor einem Monat habe ich einen Kalligraphiekurs belegt. Und das bei der Frau, die meiner Großmutter schon das Kalligraphieren beigebracht hat – so schließt sich doch der Kreis, oder?"Rund ist auch ihr Portfolio. Neben Hochzeitspapeterie, Einladungskarten und Tafelbeschriftung – sogenanntem Charkboard-Lettering – bietet Selina im März beispielsweise Live-Lettering zu Ostern im "Lieblingsplatz" in der March an.

Dort kann jeder Kunde bei der Beschriftung seines ganz persönlichen Ostereis oder Osterkerze dabei sein. So werde Kunst zum Event, geschrieben wird, was verwirklicht werden soll. Ob sie auch überlege, in Serie vorzuproduzieren? Da wiegelt Selina, die nebenbei noch voll berufstätig ist, ab. "Das habe ich überlegt. Aber dann ginge der persönliche Charakter dabei verloren. Und der ist mir heilig. Ich arbeite lieber ganz auf individuelle Anfrage, maßgeschneidert, besser gesagt: geschrieben."

Schnörkel statt schnöder Preistafel

Als kleines persönliches Highlight nennt sie zum Beispiel das Menübord im 5-Senses, oder auch die Preistafel im Bruder Wolf, die von ihr gestaltet wurde. "Etwas von meiner Kunst an einem Ort, an dem es jeder sehen kann. Das ist schon ein irre tolles Gefühl und macht mich stolz." Ansonsten verschenke sie eigentlich direkt alles, was sie fabriziere: "Das macht mich gerade so glücklich daran. Viel mehr, als Bilder bloß bei mir daheim für mich aufzuhängen. Häufig kommen Teilnehmerinnen auch mit einer konkreten Idee in den Kursen zu mir". Der Wunsch nach einem Geschenk nach Maß und nicht von der Stange boomt.

Die Workshops sind bei Selina auf Instagram bei direkter Nachfrage buchbar. Allerdings, räumt sie ein: "Der März ist beispielsweise schon komplett ausgebucht. Aber es gibt eine Warteliste und noch ein paar wenige freie Plätze für April und Mai. Die Leute, die sich dort eintragen lassen, benachrichtige ich dann als Erste."

Im nächsten Urlaub plant die Herrin der Brushpens zwar, die Pinsel mal aus der Hand zu legen, nicht aber aus dem Kopf. Eine Workshopreihe für Fortgeschrittene ist für den Herbst geplant, die eigene Homepage für den Sommer. Und da ist auch noch die nächste Dimension ihres Traumes, die im Hinterkopf bleibt, und ausgemalt werden will: ein eigener, kleiner Raum, ein Atelier, besser noch ein kleines Café, in dem unter Anleitung gemalt, getuscht, gezeichnet, projektet werden soll, eingerahmt in Selinas Schönschrift. Aber bis dahin wird sie weiterhin jede feie Minute dem Projekt "Selina schreibt" widmen. Wieso der Name? "Er sagt alles über mich. Ich bin ich, Selina, besonders beim Handlettering-Schreiben."
Infos zu Workshop-Terminen, Tipps und neuen Projekten findet ihr auf @selina.schreibt auf Instagram.

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