Rollerderby in Straßburg: Netzstrümpfe und blaue Flecke

Fabienne Hurst

Die Straßburger "Hell’s Ass Derby Girls" spielen Rollerderby aus Leidenschaft. In knappen Hotpants flitzen sie über die Fahrbahn, rempeln und schubsen, was das Zeug hält - und schaffen es, gleichzeitig emanzipiert und sexy zu sein.



Samstagnachmittag in einer Turnhalle in Straßburg. Aufwärmtraining. 30 Frauen in Hotpants rasen quer  durch die Halle, knallen auf die Knie, rappeln sich sofort wieder auf. Sie nennen sich „Madcat“, „Sweet Poison“ oder „Race Kelly“ und schubsen sich auf Rollschuhen über den Hallenboden. Beim Rollerderby gehören blaue Flecke genauso dazu wie knappe Höschen und Netzstrumpfhosen.

„Was ich an diesem Sport liebe, ist dieser Körperkontakt“, sagt Céline Hirtz und grinst. Sie nimmt die Beißschiene aus dem Mund, die braucht sie gleich beim Spiel gegen Bordeaux. Die 26-jährige Angestellte einer Bibliothek hat vor zwei Jahren den Film „Roller Girl“ von Drew Barrymore gesehen und sich mit dem Derbyfieber infiziert. „Ich habe mich gleich erkundigt, ob es den Sport wirklich gibt“, erzählt sie. Und es gab ihn, nur noch keine Mannschaft im Elsass. Die gründete Céline kurzerhand selbst und nannte sie: „Hell’s Ass Derby Girls“ –  wer wie die Franzosen das „H“ nicht ausspricht, versteht den Wortwitz.

Per Facebook und Mundpropaganda machte die Nachricht des neuen Clubs schnell die Runde. Mittlerweile treffen sich 35 junge Frauen zwischen 18 und 30 Jahren dreimal pro Woche zum Training. „Rollerderby kann eigentlich jeder spielen“, sagt  Céline. „Es sind Mädchen dabei, die noch nie Rollschuh gefahren sind, manche haben Größe 36, manche Größe 54. Die einzige Eigenschaft, die man mitbringen muss: Man darf vor nichts Angst haben.“



Die Regeln

Denn Rollerderby ist ein echter Knochensport. Jeweils vier Spielerinnen einer Mannschaft stellen sich an der Startlinie einer ovalen Fahrbahn auf, kurz dahinter zwei „Jammerinnen“, die per Überholmanöver punkten können. Rempeln und Schubsen sind nicht nur geduldet, sondern unbedingt erwünscht. Lediglich Schlagen, Beinstellen und An-den-Klamotten-ziehen ist verboten.

Für die Einhaltung der Regeln sorgen sieben Schieds- und 14 Linienrichter. Jammerin Deborah Lopez, 27, alias „Peter Pan“ verrät: „Am Anfang hatte meine Familie Angst, vor allem mein Vater. Der dachte, ich sterbe noch auf dem Spielfeld. Aber als er dann einmal ein Spiel gesehen hat, fand er es gar nicht so brutal.“

Dass es beim Spiel härter zugeht als bei anderen Sportarten, verrät bereits die Anzahl der anwesenden Rotes-Kreuz-Mitarbeiter. Ein halbes Dutzend Sanitäter sind im Einsatz, zwei Mal rückt zusätzlich ein Rettungswagen an. Auch Céline steht nach einem Sturz nicht mehr auf, eine schwere Knieverletzung. Aber das gehöre dazu, sagt sie achselzuckend, und wird unter lautem „Käpt’n, Käpt’n“-Gejohle aus der Halle getragen.



Das Spiel muss weitergehen, oder besser: die Show. Denn so richtig trennen lässt sich beides beim Rollerderby nicht. Das findet auch Freddy, 25, einer der 200 Zuschauer. Er sei gekommen, „um zu sehen, wie sich Mädchen in knappen Shorts umrempeln“. Also mehr Spektakel als Sport? „Es ist beides“, findet Freddys  Sitznachbar, „das ist ja gerade das Gute daran.“

Die Entstehungsgeschichte

Unterhaltung ist wichtig beim Rollerderby, das ist bereits in seiner Entstehungsgeschichte verankert. Im Chicago der 30er Jahre erinnerte der Sport noch stark an sein Vorbild, das Sechstagerennen: Es ging lediglich darum, wer am meisten Runden drehte. Schnell wurde klar, dass sich das Publikum besonders dann begeisterte, wenn Mädchen liefen und einander umrempelten.

Zwei Sportjournalisten erfanden den Sport deshalb neu und legten den Schwerpunkt auf publikumswirksame Schubsereien und spektakuläre Massenkarambolagen. Wie beim Wrestling sollten die Zuschauer scheinbar brutale Aktionen miterleben und die Kühnheit der Spieler bewundern.



Diese neue Art des Rollerderbys wurde in den USA zum Publikumsmagneten, 40 Jahre lang spielten Profiteams in ausverkauften Stadien. Anfang der 1970er Jahre verschwand das Rollerderby jedoch von der Bildfläche. Die vielen miteinander konkurrierenden Derby-Organisationen und -Unternehmen meldeten bankrott.

Erst um die Jahrtausendwende erlebte Rollerderby in Texas ein Comeback. Diesmal kam eine neue Komponente hinzu: Während zuvor vor allem die Vermarktung der Show im Vordergrund gestanden hatten, dominierten nun weibliche Amateure den Sport. Viele von ihnen standen in  Verbindung zur Punk-Bewegung der späten 90er Jahre und dem „Third Wave Feminism“. Diese dritte Welle der Feminismusbewegung in den USA stellte vor allem festgefahrene Konzepte von Geschlechteridentität und Sexualität in Frage.

Rollderderby heute



2007 kam der Sport nach Europa, heute gibt es rund  200 Clubs, 50 davon in Frankreich. Auch Vereine aus Deutschland haben sich international einen Namen gemacht.

Der feministische Geist der Neu-Gründerinnen ist auch auf dem Straßburger Spielfeld zu spüren: Die teilweise stark geschminkten, oft über und über tätowierten Rollergirls strahlen eine ungeheure Stärke aus. „Sie spielen nach den Regeln, die sich Männer ausgedacht haben. Aber sie tun es auf ihre eigene, unglaublich selbstbewusste Weise“, sagt ein Schiedsrichter bewundernd. „Sie können beides gleichzeitig sein: Sexsymbol und Feministin.“

Obwohl die Spielerinnen aus Bordeaux am Ende haushoch gewinnen, reißen die Straßburger Rollergirls beim Schlusspfiff johlend die Arme in die Höhe und umringen ihre Gegnerinnen freudig hüpfend. Sie feiern einen gemeinsamen Sieg – den Sieg der coolen Frauen.



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