fudder-Interview

Psychotherapeut: "Der Wegfall von Alltagsstrukturen kann sehr belastend sein"

Eyüp Ertan

Das Studierendenwerk Freiburg bietet eine psychotherapeutische Beratungsstelle für Studierende an. fudder hat bei Matic Rozman nachgefragt, welche Auswirkungen die Corona-Krise auf Studierende haben kann und wann ein Termin sinnvoll ist.

Wie macht sich die Corona-Pandemie und damit verbunden das Onlinesemester bei den Studierenden bemerkbar?

Matic Rozman: Einige Studierende tun sich schwer mit der Onlineumstellung. In bestimmten Situationen können gewisse Probleme, die vorher im Hintergrund geschlummert haben, stärker und damit überhaupt erst sichtbar werden.

Können Sie konkretisieren, mit welchen Problemen Studierende zu Ihnen zu kommen?

Normalerweise kommen Studierende zu uns mit studienbezogenen Problemen. Das sind Lernschwierigkeiten, Prüfungsängste, Konzentrations- und Motivationsprobleme, aber auch Beziehungsprobleme, auch depressive Probleme. Die aktuelle Situation bewirkt aber durch den Wegfall von sozialen Kontakten, dass gerade Studierende, die sich schon vor der Corona-Krise schwer getan haben, Kontakte zu knüpfen und für die es sehr wichtig war, an die Uni zu gehen und Menschen zu sehen, dass die Corona-Krise sehr spürbar ist. Sie können die Situation quasi nicht aus eigener Kraft verändern. Zudem haben beispielsweise Menschen mit sozialen Ängsten jetzt quasi einen Grund mehr, sich zurückzuziehen und nichts zu tun.
Zur Person

Matic Rozman ist seit knapp zehn Jahren bei der psychotherapeutischen Beratungsstelle des SWFR. Der ausgebildete psychologische Psychotherapeut mit psychoanalytischer Ausrichtung ist 40 Jahre alt.

Wie wirkt sich die aktuelle Situation noch aus?

Für Menschen mit depressiven Problemen, für die es wichtig war, dass sie jemand mitzieht, aus dem Bett holt oder sie morgens aufstehen, weil sie an die Uni müssen, ist die aktuelle Situation ebenfalls schwer. Der Wegfall dieser Alltagsstrukturen kann sehr belastend sein, weil es keinen Grund mehr gibt, aufzustehen.

Welche Rolle spielen Zukunftsängste?

Dadurch, dass die Situation unsicher und vieles unplanbar und nicht vorhersehbar ist, macht es den Alltag für die Studierenden schwer, die Planungssicherheit benötigen. Dazu gehört aber auch die Situation, dass Studierende nicht wissen, ob sie beispielsweise nächstes Semester ins Ausland dürfen, oder ob sie nach dem Ende des Studiums eine Stelle auf dem Arbeitsmarkt bekommen.
"Sofern ich das mitbekommen habe, kommen aber die wenigstens Studierenden mit der expliziten Aussage "ich leider unter der Corona-Situation"."

Welche langfristigen Gefahren sehen Sie mit Blick auf die momentane Umstellung auf das Digitale?

Meine persönliche Meinung ist, dass das E-Learning und das Onlinesemester das Persönliche nicht ersetzen kann – auf beiden Seiten fehlen entsprechende Informationen. In der Regel braucht es einen persönlichen Kontakt, weil sich dadurch manche Inhalte leichter vermitteln lassen. Ich höre auch die andere Seite immer wieder, also dass Dozentinnen und Dozenten ratlos mit der Umstellung sind. Natürlich lässt sich Vieles technisch gut umsetzen, aber ihnen fehlt häufig das Feedback der Studierenden. Sie können momentan kein Gefühl dafür entwickeln, wo Studierende stehen – die Hemmung, sich zu melden, ist im Persönlichen kleiner.

Kommen bedingt durch die Corona-Krise mehr Studierende zu Ihnen?

Es gab einen Einbruch während der Krise, weil vermutlich viele nach Hause gefahren sind oder durch die Uni-Pause der unmittelbare Druck und somit auch der Leidensdruck kurzfristig nachgelassen hat. Inzwischen sind wir aber verglichen mit dem letzten Jahr quasi im Normalbereich. Juni/Juli sind prinzipiell die am stärksten frequentierten Monate, das merkt man momentan auch an den Wartezeiten, die bei gut eineinhalb Wochen liegen – wobei das eigentlich nicht unser Anspruch ist. Sofern ich das mitbekommen habe, kommen aber die wenigsten Studierenden mit der expliziten Aussage "ich leider unter der Corona-Situation". Stattdessen kommen die meisten mit den "normalen" Problemen, die aber eben durch die Situation verstärkt werden können.

Wie sieht die Arbeit der psychotherapeutische Beratungsstelle im konkreten Einzelfall aus?

Unser Ansatz ist psychoanalytisch. Das heißt, dass wir versuchen, zu verstehen, um welche tieferliegende Konflikte es sich bei den Problemen handelt. Im Einzelnen geht es dann darum, diese Konflikte genauer zu beleuchten und vielleicht ein anderes inneres Gleichgewicht zu finden. Das alles muss man allerdings vor dem Hintergrund der persönlichen Lebensgeschichte im Einzelfall ansehen. Wenn wir merken, dass die Probleme der Studierenden für diesen Rahmen zu groß sein sollten, versuchen wir, sie entsprechend weiterzuleiten.

Wie lange dauert eine Sitzung und wie viele bieten Sie an?

Der Rahmen sieht so aus, dass wir bis zu vier Termine, jeweils 45 Minuten, anbieten können. In welchen Abständen und in welcher Regelmäßigkeit das ist, hängt von der jeweiligen Situation ab. In Ausnahmefällen ist es möglich, ein paar weitere Termine zu vereinbaren, diese kosten acht Euro pro Sitzung. Das ist vor allem bei ausländischen Studierenden der Fall, oder aber bei den Studierenden, die in absehbarer Zeit wegziehen und z.B keine Therapie anfangen können. Meistens versuche ich, wenn es schon relativ früh klar ist, dass jemand für das Problem mehr Zeit braucht, die Person frühzeitig anzusprechen und eventuell weiterzuleiten – denn je mehr Beziehung bereits entsteht, desto schwieriger ist es, eine erneute Beziehung aufzubauen.

"Natürlich spielt der Leidensdruck ebenfalls eine Rolle."

Welche Rolle spielen Hemmungen bei Studierenden, dieses Angebot aus Gründen nicht wahrzunehmen? Wie könnten diese abgebaut werden?

Wir haben festgestellt, dass viele kommen, weil die Mitbewohnerin oder der Mitbewohner bereits hier war, oder sie sich im Internet ein wenig schlau gemacht haben. Natürlich spielt der Leidensdruck ebenfalls eine Rolle. Unsere Erfahrung ist zudem, dass Menschen im Nachhinein in der Regel dankbar sind, wenn sie auf etwaige Probleme in ihrem Leben angesprochen werden – es kann natürlich sein, dass es eine kurzfristige Kränkung oder Ärger gibt. Ich habe aber auch oft gehört, dass viele uns nicht kennen.

Wie können Studierende für sich selbst entscheiden, ob die psychotherapeutische Beratungsstelle die richtige Anlaufstelle für sie ist?

Wir in der psychotherapeutischen Beratungsstelle verstehen unsere Arbeit so, dass wir die Probleme nicht pathologisieren wollen, sondern sie als normalen Bestandteil der speziellen Entwicklungsphase des jeweiligen Alters verstehen. Wir stellen beispielsweise auch keine Diagnose, sondern versuchen, den Menschen in ihrer Situation zu begegnen. Zudem verstehen wir uns eher als Anlaufstelle im Vorfeld von psychischen Erkrankungen. Grundsätzlich sind Dinge, die man bei sich persönlich selbst merken kann. Wenn man beispielsweise das Gefühl hat, dass man auf der Stelle tritt, stagniert und sich nicht weiterentwickelt, oder das Gefühl hat, dass sich gewisse Probleme und Beziehungsmuster wiederholen, vor Prüfungsphasen die selben Gefühle auftreten. Man muss also definitiv nicht erst unfähig sein, um sich an uns zu wenden, sondern kann bereits in einem viel früheren Stadium die Beratungsstelle aufsuchen. Wir sind froh, eine kleine Hilfe leisten zu können und vielleicht einen kleinen Schubser zu geben, dass sich Dinge in eine bessere Richtung bewegen.
Psychotherapeutische Beratungsstelle

Die psychotherapeutische Beratungsstelle des Studierendenwerks ist telefonisch unter 0761/2101-269 oder per E-Mail unter r.meyer(at)swfr.de zu erreichen. Hier können unter anderem Beratungsgespräche vereinbart werden. Eine offene Stunde findet mittwochs von 13 bis 14 Uhr statt, wegen der Corona-Umstände jedoch nur telefonisch. Hier bekommen Studierende bis zu 10 Minuten, in denen sie ihr Anliegen schildern und ein weiteres Vorgehen besprechen können.