Prager Nacht: Literaturtourismus im Eiltempo

Aljoscha Harmsen & Janos Ruf

Wie ein japanischer Klischee-Tourist könnte sich vergangenen Samstag mancher Gast der Prager Nacht gefühlt haben: Versucht der eine, Deutschland an einem Tag kennen zu lernen, eilte der andere von Lesungsort zu Lesungsort und hatte überall rund 15 Minuten für den Schauspieler – im Bunker, im Gefängnis oder im Dreisamstadion. Ob in so kurzer Zeit tschechische Literatur näherzubringen ist, hat sich Aljoscha für fudder gefragt.



Die erste Station ist heute das Dreisamstadion, ein Ort, der einem nicht gerade zuerst einfällt, wenn man an Literatur denkt. Man kann überall anfangen, da alle 30 Minuten die Lesungen wiederholt werden. Es ist 18:30 Uhr und etwa 90 Gäste sitzen auf der Pressetribüne im leeren Stadion. Sie schauen auf einen Schauspieler, der eigentlich aus Berlin kommt. Das tschechische Element dabei ist die Reportage über den böhmisch-deutschen Fußballclub DFC Prag, der bei der ersten deutschen Fußballmeisterschaft in Hamburg Altona gegen den VfB Leipzig antrat und verlor.

Grund für die schwache Leistung der Prager soll, so die Pointe der Geschichte, der Besuch im Freudenhaus tags zuvor gewesen sein. Der Text sorgt für ein, zwei Lacher, mancher weibliche Gast schaut aber eher Luftlöcher oder sucht mit dem Blick ins Stadion etwas Interessanteres. Wer Fußballanekdoten mag, ist hier gut aufgehoben, wer nicht, hat wenigstens einen schönen Ausblick.

Als die 15 Minuten vergangen sind, kommt genau ein Bus, um alle abzuholen. Es hätte nicht ein Gast mehr hineingepasst. Die Veranstalter haben offenbar nicht mit Nachfrage gerechnet, die größer als eine Busladung ist. Voll beladen geht es nun zum Olympiastützpunkt. Hier ist die Nachfrage nicht mehr so groß, aber immer noch gut 60 Gäste sind hier – Im Unterschied zum Publikum im Stadion ist hier sogar ein Kind anwesend.

Die meisten Zuhörer sind allerdings deutlich älter, der Altersdurchschnitt liegt eher bei 40 als bei 30. Nachdem alle ihre Schuhe ausgezogen haben, setzen wir uns auf die Matten im Halbkreis um den Schauspieler und warten auf seine ersten Worte. Die kommen auch, sind aber außerordentlich leise.



Der Text heißt „Der Kran“ und ist von einem tschechischen Autor, das steht in der Broschüre. Viel mehr außer Wortfetzen und Geratenes wird den meisten Zuhörern fünf Schritte vom Vorleser entfernt auch nicht darüber bekannt geworden sein. Das einzige anwesende Kind – ein Mädchen - spielt nach kurzer Zeit auf ihrem liegenden Vater, der das angestrengt ignoriert. Als ein Zuhörer hinterher darauf hinweist, dass es ziemlich leise war, hat das den Schauspieler wenig interessiert.

Viele Gäste waren schon einmal bei einer Prager Nacht und kommen aus Tradition. Sie zahlen 15 Euro für ein Armband, das sie berechtigt, jeden der elf Orte zu besuchen. Kontrolliert wurde jedoch so gut wie nie, es besteht beim Veranstalter, derBrücke/Most-Stiftung in Freiburg und dem Augsburger Meridan e.V. offenbar eine Vertrauensbasis.

Vertrauen brauchen die Gäste allerdings auch - für den Weg zum nächsten Lesungsort, ein ehemaliger Generalstabsbunker des Westwalls im Schlossberg. Draußen werden Champignons verkauft. Drinnen treffen wir, nach mancher übersehenen Pfütze, die im dunklen Gang entstanden ist, auf einen Mann in weißem Schutzanzug und Helm, der unter einem hübsch auf alt dekorierten Deckenleuchter hinter einem Tisch steht.

Er liest „Die Strafkolonie“ von Kafka mit herrisch-soldatischer Stimme und unterstützt sich dabei mit einer Tonbandaufnahme, die er abspielt, um Atmosphäre zu erzeugen. Obwohl die Aufnahme nicht sehr laut ist, gelingt es ihm, 15 Minuten zu fesseln. Er ist auch der erste Schauspieler heute, der sein Publikum wirklich zum Lachen bringt und fühlt sich wohl im Gewölbe des Bunkers; seine Worte hallen bis weit nach hinten und er hat mehr als 100 Gäste vor sich, die bis dicht gedrängt beieinander stehen.

Der Bunker erweist sich als passender Ort, um Kafka zu lesen. Hier geht das Konzept der Prager Nacht auf: Gerne würde man mehr vom Inneren des Bunkers sehen, von dem viele nicht wussten, dass es ihn überhaupt gibt. Aber er ist nicht so dominant, dass der Text dahinter zurücksteht. Als die Gäste langsam wieder aus den Tunneln gehen, kommt ein Mitarbeiter auf den Schauspieler zu und empfiehlt ihm nach seiner Vorstellung auf den Champignon-Verkauf draußen hinzuweisen. Nachdem ein anderer Mitarbeiter uns beim Rausgehen noch einmal darauf hinweist, dass an dem Stand neben dem Ausgang Champignons gekauft werden können, geht es wieder in dem Bus – dieses Mal ist er tatsächlich noch voller als beim Stadion.

 

Die nächste Station ist das Gefängnis am Holzmarkt 2 – der erste Ort, an dem Alkohol verkauft wird. Champignons haben sie hier nicht. Es staut sich hier, weil die Lesung in einer Zelle statt findet, die sehr eng ist. Nachdem der Wärter die Zelle aufgeschlossen hat, schiebt sich das Publikum hinein. Der Darsteller sitzt auf einem Stuhl, der Rest steht. Gelesen wird „Der Schrecken“ von Gustav Meyring, einem Mitglied der Gruppe der Prager Deutschen Autoren, der natürlich von einem Sträfling handelt, welcher sich schließlich selbst umbringt. Jeder hört gespannt zu und es wird kaum geatmet - in der Zelle vermischt sich der Gesuch von Schweiß und Parfum der Eingepferchten zu einer olfaktorischen Herausforderung.

Das erste, was der Schauspieler nach der Lesung will, ist die Zelle wieder verlassen und so geht es den Gästen auch. Man tauscht sich darüber aus, wie es wäre, in einer solchen Zelle länger als nur 15 Minuten eingesperrt zu sein. Viele bedrückte Gesichter verlassen den Zellentrakt; Text und Ort haben Eindruck hinterlassen. Dafür wird es bei der nächsten Station wieder amüsanter – sie ist dieses Mal dankenswerterweise auch zu Fuß zu erreichen.

In der Smoker Lounge im Hotel Viktoria wartet ein Schriftsteller, bei dem das tschechische Element nicht so schwer zu erraten ist: Er ist in Prag geboren und heißt Jaromir Konecny. Seine Vorstellung ist mehr ein Auftritt als eine Lesung, gehört aber zum Besten, was die Prager Nacht bisher zu bieten hat. Bei ihm bleiben die Zuhörer länger als 15 Minuten; er hat nicht nur einen, immer gleichen Text, sondern versucht, jedes Mal einen neuen zu erzählen. Das Publikum darf sogar wählen.

Die erste ist eine Raucherentwöhnungsgeschichte. Während er die erzählt, bleiben die Aschenbecher bis auf einen alle leer. Danach erzählt er auswendig Witze und Geschichten, und gibt sogar Zugaben. „Im kalten Jahre 1815 sind hier zwei Menschen gestorben und zwei Tschechen“, beginnt er seine Vorstellung. Der Humor bleibt auf diesem Niveau, aber Konecny trägt ihn mit seinem bewusst verstärkten Akzent so stimmig vor, dass er einen Lacher nach dem anderen aus seinem Publikum heraus kitzelt.

Die Prager Nacht hat schon nach diesen fünf Veranstaltungen gut unterhalten; auch wegen der tschechischen Literatur, aber eher wegen der originellen Orte und den kurzen Aufmerksamkeitsspannen, die gefordert sind. Fürs nächste Jahr empfiehlt sich allerdings ein größerer Bus.



Mehr dazu:

  • fudders Großstadtgeheimtipps: Prag

Foto-Galerie: Janos Ruf

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