Zuhörtelefon Freiburg

Nightline-Mitarbeiterin: "Häufig geht es um Stress im Studium und Einsamkeit"

Gina Kutkat

Ein offenes Ohr für Sorgen, Probleme und Ängste von Studierenden – das bietet die "Nightline Freiburg". Luna Meyer arbeitet ehrenamtlich für das Zuhörtelefon. Sie erzählt fudder, wie sie auch schwierige Gespräch meistert.

Die Nightline Freiburg gibt es seit 17 Jahren. Was ist im Oktober 2020 anders als zu den Anfängen?

Natürlich die Corona-Situation, auch wenn wir mittlerweile unsere Dienste wieder in unserem Quartier machen können. Auch das Studieren hat sich in den 17 Jahren sehr verändert, viele Studierende arbeiten während ihres Studiums in Teilzeit, gehen ins Ausland und haben dadurch neue Erfahrungen, aber auch weniger Stabilität im Leben.

Seit diesem Jahr hat sich nicht nur das Studieren coronabedingt verändert, sondern das gesamte gesellschaftliche und individuelle Leben, das spiegelt sich auch in vielen Anrufen wider. Die Coronaregeln mit Social Distancing wirken sich gerade auf junge Leute stark aus.
Luna Meyer* ist 25 Jahre alt und arbeitet seit dem Wintersemester 2019/2020 bei der Nightline Freiburg. Sie studiert Psychologie an der Albert-Ludwigs-Universität.

Warum hast Du dich entschieden, bei der Nightline als Ehrenamtliche zu arbeiten?

Ich habe einen der Nightline-Sticker auf einer Toilette an der Uni gesehen und mich angesprochen gefühlt. Es klang nach einer spannenden neuen Erfahrung mit der Möglichkeit, anderen Menschen wirklich zu helfen. Bei mir kam auch mein Studiengang, Psychologie, dazu – ich wollte mehr über Gesprächsführung lernen und in der Praxis erleben, wie es ist, fremden Menschen am Telefon zuzuhören und zu helfen.
"Es gibt nicht die typische Person, die bei der Nightline anruft."

Wie stellst Du dir die Leute vor, die bei dir anrufen?

Beim Telefonieren habe ich eigentlich keine Bilder zu der Person am anderen Hörer im Kopf, sondern achte darauf, was die Person sagt und wie sie es sagt. Es würde mich ziemlich ablenken, wenn ich nebenher darüber nachdenken würde, wie die Person im Alltag so ist, wie sie aussieht, welcher Studiengang und welche Hobbys zu dieser Stimme passen würden. Vieles teilen uns die Anrufer auch mit. Auch wenn die Anrufer ähnliche Themen haben, verlaufen die Gespräche verschieden. Es gibt nicht die typische Person, die bei der Nightline anruft.
Nightline Freiburg

Die Nightline Freiburg ist seit Mai 2002 das Zuhörertelefon von Studierenden für Studierende. Im Semester ist die Nightline täglich von 20 bis 0 Uhr unter der Nummer 0761/2039375 erreichbar. Das Konzept stammt ursprünglich aus England, dort gibt es Nightlines an fast jeder Uni.

Bei der Nightline arbeiten keine Profis, sondern Studierende verschiedener Fachrichtungen, die ehrenamtlich am Telefon sitzen. Wer mitmachen will, muss an der Uni Freiburg immatrikuliert sein.

Gibt es denn typische Themen, mit denen sich Studierende bei euch melden?

Häufig geht es um Stress im Studium und Einsamkeit. Stress im Studium äußert sich in Leistungsdruck, Versagensangst, Unzufriedenheit mit den eigenen Leistungen oder mit dem Studiengang, Stress aufgrund von anstehenden Klausuren, Abgaben von schriftlichen Arbeiten, Referaten und mündlichen Prüfungen.

Einsam fühlen sich viele Anrufer, auch wenn sie eigentlich andere Menschen um sich herum haben. Dennoch sind Einsamkeitsgefühle da, wenn kein Ansprechpartner für tiefgründigere Themen wie Sorgen, Ängste und psychische Probleme da ist, wenn vorhandene Bekanntschaften und Freundschaften als eher oberflächlich erlebt werden.

Was, wenn es Hemmungen gibt, bei euch anzurufen?

Vertraulichkeit und Anonymität sind sehr wichtig. Was der Nightline erzählt wird, bleibt bei der Nightline. Bei der Nightline arbeiten wir anonym, damit niemand Angst haben muss, vielleicht einen Bekannten am Telefon zu erwischen. Auch unsere Anrufer sind anonym und dürfen uns alles erzählen, was sie beschäftigt.

Und wenn es mal nicht weitergeht?

Anrufern, denen wir nicht weiterhelfen können, verweisen wir an andere Stellen weiter, die besser zu den Bedürfnissen passen. Zum Beispiel die psychologische Beratungsstelle des Studentenwerks. Es ist wichtig für uns, die eigenen Grenzen zu kennen und auf die eigenen Instinkte zu hören.

"Mir wird sehr oft bewusst, wie wichtig ein gutes soziales Netzwerk ist, in dem man auch Schwäche zeigen und über Probleme reden kann."

Was hast Du selbst durch die Arbeit gelernt?

Ein Gespräch kann so intensiv sein, wenn man bei den Worten des Gesprächpartners bleibt, also hauptsächlich aufmerksam zuhört, auf eigene Tipps und Ratschläge verzichtet und stattdessen das wiedergibt, was der andere selbst gesagt hat.
Zahlen

Drei oder vier Anrufer gibt es bei der Nightline maximal pro Stunde, wenn die Gespräche eher kurz dauern. Eine Schicht bei der Nightline dauert vier Stunden. Im Durchschnitt dauert ein Gespräch 30 bis 40 Minuten. Es gibt ein paar Leute, die immer wieder anrufen.

Was hat dich überrascht?

Vor allem die wohltuende Wirkung des Schweigens hat mich bei meiner eigenen Schulung sehr überrascht – es war nicht unangenehm, dass die andere Person nicht sofort etwas erwidert hat, sondern ich hatte Zeit, nochmal über das Gesagte nachzudenken und Sachen zu ergänzen.

Was nimmst Du mit aus den Gesprächen?

Mir wird sehr oft bewusst, wie wichtig ein gutes soziales Netzwerk ist, in dem man auch Schwäche zeigen und über Probleme reden kann. Leider scheint psychische Gesundheit weiterhin ein tabuisiertes Thema zu sein – die Hemmungen, offen über belastende Gefühle und Gedanken zu sprechen, scheinen groß zu sein, aus Angst vor den Konsequenzen und vor der Außenwirkung.

"Ich weiß von niemandem in der Nightline, der schon mal wegen einem Anrufer den Notruf gewählt hat."

Wie geht ihr damit um, wenn Menschen Suizidgedanken äußern?

Wichtig ist, dass das Thema angesprochen wird, wenn der Verdacht aufkommt – auf keinen Fall sollte das Thema krampfhaft vermieden werden, um den Anrufer nicht zu triggern. Wir haben einen Leitfaden für schwierige Gesprächssituationen, dazu gehört auch Suizidalität. Wenn es einem Anrufer nicht gut geht, wir uns aber nicht sicher sind, ob er oder sie vielleicht suizidal ist, fragen wir erst, ob manchmal der Gedanke da ist, nicht mehr leben zu wollen. Wenn das bejaht wird, fragen wir weiter: "Wie akut ist dieser Gedanke? Denkst du jetzt gerade daran, dir etwas anzutun?" An der Stelle verweisen wir bei einem "Ja" an den Arbeitskreis Leben weiter, die auf die Arbeit mit suizidalen Personen spezialisiert sind.

Und bei akuten Suizidgedanken?

Falls ein Anrufer tatsächlich im Gespräch dabei wäre, sich zu suizidieren, würden wir ihn oder sie bitten, uns einen Krankenwagen schicken zu lassen – hierbei müsste der Anrufer uns seine Adresse mitteilen, in einer so ernsten Situation würde also die Anonymität wegfallen. Ich weiß aber von niemandem in der Nightline, der schon mal wegen einem Anrufer den Notruf gewählt hat. Es gibt immer wieder Anrufer mit Suizidgedanken, aber diese sind nicht akut. Wenn der Anrufer uns versichert, sich nichts anzutun, führen wir das Gespräch mit ihm normal weiter.

Sind das die schwierigsten Gespräche?

Für mich nicht, ich hatte aber bisher auch nur wenige Anrufer mit passiven Suizidgedanken. Wenn es tatsächlich mal einen akuten Notfall gäbe, wäre das natürlich schwieriger – sowohl am Telefon als auch später bei der Verarbeitung des Anrufs. Ich persönlich finde es schwieriger, wenn Anrufer unbedingt Ratschläge und eigene Meinungen zu ihrer Situation haben wollen und mehrmals darauf bestehen. Genau das soll unser Angebot ja nicht sein – eine professionelle Beratung.

Glaubst Du, die jetzigen Erstis haben es aufgrund von Corona schwerer als andere?

Das kann schon sein… Schon jetzt haben viele Studierende Probleme, Anschluss zu finden und sich im Studentenleben zurechtzufinden. Leider fallen viele Möglichkeiten, ungezwungen Leute im eigenen Alter kennenzulernen, aufgrund der Coronaregeln weg, wie Erstihütten und Erstipartys. Gerade für Studierende, die ganz neu in Freiburg sind und noch niemanden kennen, ist es sehr wichtig, sich ein neues soziales Netzwerk aufzubauen.
*Die fudder-Redaktion hat den Namen im Artikel aus Gründen der Vertraulichkeit geändert.

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