Nightlife-Guru & Foto-Galerie: Tattoobus-Party im Kamikaze

Nightlife-Guru & Raffael Armbruster

Am Freitag machte der Outdoor Tattoo Bus, ein mobiles Tattoo- und Piercing-Studio, Stop im Kamikaze. Dort konnte man sich unter anderem das Kamikaze-Logo stechen lassen, mit dem man lebenslang freien Eintritt in den Club bekommt. Was ging bei der Party? Unser Nightlife-Guru war samt unserem Fotografen Raffael da:



Die Jungs an der Tür

Ganz normale Security-Schwarzjacken. Die Jungs sind freundlich und meistern auch ihren einen Einsatz recht gelassen, als gegen drei jemand beim Klauen erwischt wird.

Wer war da?

Gut gemischt sind die Kamikaze-Flieger heute. Tendenziell jünger, tendenziell Chucks-Träger. Scenester, PHler, Erasmus-er, aber keine Monokultur. Eine Menge Leute sind schon tätowiert, allerdings scheinen diejenigen, die heute das Angebot wahrnehmen, soweit man das sehen kann, Erstis. Das KK-Tattoo als Einstiegsdroge oder einfach pragmatisch-sparsam kalkuliert?

Ein paar ironische und ein paar unironische Karo-Hemden sind am Start sowie überdurchschnittlich viele Leute, die grauenhaftes mit ihren Ohrläppchen angestellt haben. Man ist entspannt und gondelt fröhlich-entspannt ins Wochenende. Gegen Ende wird das Publikum älter und penissiger: Wie in der Auslage einer provenzalischen Charcuterie baumeln die Lümmel und schaukeln die Säcke auf der Tanzfläche. Wo die Mädels wohl hin sind?

Inneneinrichtung und Deko

Was die Deko betrifft, hat das Kamikaze seine Licht- und seine Schattenseiten. Im Barbereich hängt schicke Street Art mit dicken Eulen und einer tätowierten Ikone, aber der Abschnitt hinten bei der Tanzfläche wirkt unfertig.

Heute werden auch die Gäste dekoriert: An der Tanzfläche haben die Tattoo-Busfahrer ihr hygienisch mit Plastikfolie bespanntes Studio eingerichtet und haben bei der Arbeit ständig Schaulustige um sich. Ein szenig gekleidetes, dunkelhaariges Mädchen macht gegen viertel vor zwölf den Anfang mit einem KK-Wappen auf dem Handgelenk. Der Tätowierer berät, überträgt eine Skizze auf ihre Haut. Letzter Check: Ist die Platzierung richtig? Eine Freundin sieht sich's  noch mal an. Also gut, heißt es schließlich - dann los. Die Freundin hält ihr die Hand.

Den Rest des Abends geht es Schlag auf Schlag. Motivwahl, Platzierung, skizzieren, korrigieren, stechen, abkleben, Oberarme, Unterarme, überwiegend Frauen. Es hat was von Jahrmarkt, irgendwo zwischen öffentlichem Zähneziehen im Mittelalter und modernem Kinderschminken für Erwachsene. Der Betrieb verläuft völlig reibungslos, unspektakulär, keiner weint, keiner flüchtet, keiner kippt vom Stuhl.

Ich hatte eine Art voyeuristisches Spektakel mit schmerzverzerrten Gesichtern, Blut und Tränen befürchtet, aber die erste Faszination, dem fließend-mühelosen Entstehen der permanenten Linien auf der Haut zuzusehen, verfliegt schnell. Das Angebot wird gut angenommen, der Tätowierer ist immer beschäftigt.

Partyatmosphäre und Klangwaren-TÜV

So groß scheint die Zugkraft des Spektakels nicht zu sein: Der Laden bleibt heute etwas leer. Aus den Lautsprechern elektrot es eklektisch-poppig bis -rockig. Mal stampft es, mal brät es, mal brummt es, zwischendurch barjazzt es sogar ein bißchen. Ich bilde mir ein, dass es an einer Stelle sehr überraschend balkanmäßig zigeunerte, oder habe ich das geträumt?

Ein Mans Zelmerlöw-Remix liefert mit dem Refrain „She’s Another Work of Art“ das Motto für die Tatoo-Party. Die Musi funktioniert, die Party brummt, die Tätowiernadel auch und ist unerklärlicherweise sogar über die Musik zu hören. Die Stimmung ist mustergültig nett, keiner stresst rum, keiner fällt aus der Rolle, je nachdem, wie viel Adrenalin man beim Weggehen braucht also toll oder nicht so. Gegen Ende wird die Musi etwas laut.

Aufregerle

Warum riecht es auf der Toilette um elf schon nach alter Pisse? Da muss doch was dagegen zu machen sein: Duftbäume, Räucherstäbchen, wischen, renovieren, belüften, drei Raucher reinstellen - irgendwas.

Auf dem Klo nachts um drei

Es riecht immer noch nach Pisse und sieht auch sonst noch so aus wie um elf - der überschaubaren Partygemeinde sei Dank. Der Gesprächsfetzen „... bestimmt seit drei Monaten nicht gebumst ...“ entlockt mir ein Grinsen.  

Aufheiterle

Dank sparsam gehaltener Beleuchtung und zeitweise erheblichem Kunstnebeleinsatz liegt die Kickerecke komplett im Dunkeln. Mein neues Lebensziel ist, als erster fudderaner in dieser Ecke GV zu haben. Sollte mir jemand zuvorkommen: Aussagekräftige Beweisfotos an info@fudder.de.

Fazit

Über den Entscheidungsprozeß von Personen, die sich spontan das Logo eines Nachtclubs tätowieren lassen, ist über das Offensichtliche hinaus nichts Sachdienliches zu sagen. Witzig jedenfalls, dass Werbetätowierungen den Weg aus der antikapitalistischen erhobene-Zeigefinger-SciFi ins ganz normale abendliche Unterhaltungsprogramm geschafft haben.

Der Abend an sich war eine in jeder Hinsicht – Musik, Publikum, Stimmung – idealtypische Freiburger Tanzveranstaltung, plus Gimmick. Grundsätzlich ist die Idee nicht schlecht, neben Alkohol und Musik noch weitere Unterhaltung anzubieten; weiß nicht, ob es unbedingt Tätowierungen sein müssen. Mal sehen, ob es bei der Bespaßung der Freiburger Nachtschwärmer jetzt zu einem Wettrüsten kommt.

Foto-Galerie: Raffael Armbruster

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