Nightlife-Guru: Pet Shop Boys @ ZMF-Zirkuszelt

Nightlife-Guru

Geil, geiler, Pet Shop Boys. Zu diesem Fazit kommt unser Nightlife-Guru nach dem Konzert des legendären Duos gestern Abend im ZMF-Zirkuszelt. Außerdem erzählt er uns, wer alles da war, welche Songs am meisten reingeknallt haben und wer an jenem Abend das einzige Autogramm bekommen hat:



Die Jungs und Mädels am Einlass ...

... sind entspannt wie eh und je. Das ZMF läuft mittlerweile schon wieder seit zwei Wochen, jeder Handgriff sitzt. Handgriff bedeutet: Ticket entgegennehmen, Ticket einreißen, Ticket zurückgeben.

Dann kommt die Taschenkontrolle. Vor mir wird eine Mittvierzigerin gefilzt. In ihrer Umhängetasche aus Recyclingmaterial befindet sich eine Mineralwasserfalsche. "Die müssen Sie leider hier lassen", sagt der Security-Mann. Ohne zu protestieren, händigt die Frau ihm die Flasche aus und geht weiter.

Inneneinrichtung und Deko

Das Zirkuszelt sieht ja eigentlich immer gleich aus. Heute staut sich die Hitze hier drinnen allerdings dermaßen, dass mir - ich will nicht unappetitlich werden, aber anders vermag ich die Temperaturen nicht zu verbildlichen - merklich ein Schweiß-Rinnsal vom Nacken über das Rückgrat zwischen die Pobacken fließt. Die vielen Menschen, die Enge, befördern den Treibhauseffekt.

Jetzt eine Bierdusche - das wär's! Und kaum hab ich den Gedanken im Kopf zuende formuliert, schüttet mir ein Nachbar schon sein halbwegs kühles blonde Liquid über den Arm. Ich ärgere mich nicht! Ich freue mich! Geklebt hat mein Körper eh schon seit einer Viertelstunde.

Der nüchterne ZMF-Banner über der Bühne gleicht dem Brecht'schen Imperativ: Glotzt nicht so romantisch! Verliert man sich in der Parallelwelt, die die Pet Shop Boys erschaffen, fällt man der Illusion eines anderen, zauberhaften Daseins anheim, braucht man nur den Blick ein wenig nach oben zu lenken - schon prallt man wieder auf den harten Boden der Wirklichkeit auf. Autsch! 

"Inneneinrichtung und Deko" gibt's erst, wenn die ersten Töne des Konzerts erklingen - auf der Bühne, volle Kanne.



Wer war da?

Freiburg hat seit Jahren keinen Schwulendisco mehr - für diesen einen Abend quasi schon. So ziemlich alle Männer der Stadt, die eine solide 6 auf der Kinsey-Skala belegen, sind ins Zelt gekommen, darunter einige ZMF-Jungfrauen. "Ich wohn' seit sieben Jahren in Freiburg, aber auf dem ZMF war ich noch nie", sagt ein Freund zu mir, während wir auf die Band warten.

Für diese Gay Icons ist er dann jetzt endlich gekommen, dabei sind sie noch nicht mal eine seiner Lieblingsbands. Außerdem im fast ausverkauften Zelt: das übliche SWR1-ZMF-Publikum mittleren Alters. "Hier trifft Bauerndisko Ü30-Publikum auf unterfeierte Kleinstadtschwule!" schimpft ein Begleiter. Ich finde die Mischung krude, aber lustig.

Konzertatmosphäre und Klangwaren-TÜV

Alle gemeinsam stehen wir hibbelnd im heißen Zelt, vereint in der Erwartung der Pet Shop Boys. Ich kippe mir beim Versuch, mir Luft zuzuwedeln, das Bier über die Füße. Und dann! Geht es los! Endlich! 

So viel Bühnen-Tralala wie heute gibt's im Zirkuszelt selten. Zum Start ist die Bühne mit einem dünnen Vorhang verdeckt, auf den zu den ersten Takten der aktuellen Single "Axis" Zeug projeziert wird, eine Fahrt, Gleise, ein Tunnel. Alsbald erkennt man zwei Gestalten mit riesigen Mützen, die immer näher kommen ... und dann sind sie da: Neil Tennant und Chris Lowe, hinter Gaze und einer abgefahrenen Video-Projektion.

Die ersten paar Songs lang fühlt sich das alles zu groß für das kleine Zelt an, der fast durchsichtige Vorhang noch an wie eine Mauer, hinter der Tennant um die Liebe der Menge bitten: "Just give me one more, one more chance". Doch beim vierten Song, "Opportunities", (OMG SIE SPIELEN OPPORTUNITIES!) fällt er endlich, und mit ihm die Hemmungen bei Band und Publikum.

Tennant stolziert in einem bizarren, wunderschönen Kostüm die kleine Bühne entlang, Lowe trohnt bewegungslos hinter seinem Pult, vor den beiden 2600 größtenteils johlende, jubelnde, springende Zeltinsassen.

Geil.

Und dann sind da noch die Tänzer auf der Bühne. Sie tragen mal Pan-Hörner, mal Pom-Poms auf dem Kopf, sie tanzen zu Strawinsky, sie tanzen auf Projektionen. Selbst die Herren Lowe und Tennant tanzen, irgendwie zumindest, während "Love etc." auf stehende Betten geschnallt, aus denen nur ihre Köpfe ragen. Auf ihre Bettdecken werden derweil tanzende Leiber projeziert. Die Performance ist bunt, vielschichtig, thematisch aufgeladen. Die Disko als Ort des kulturellen Diskurs.

Geil.

Die Pet Shop Boys spielen die Hits ("I Wouldn't Normally Do This Kind of Thing", "Suburbia", "It's a Sin", "Domino Dancing") schön knallend, kalt, zeitgemäß, unpeinlich aufgefrischt. Dazwischen, unverschwämt überzogen ein Springsteen-Cover und Bernsteins "Somewhere". Bei den un-dancigen Songs des letzten Albums "Elysium" fällt die Energie des Konzerts ein jedes Mal spürbar ab, doch Tennant und Lowe kriegen ein ums andere Mal wieder die Kurve.

Ich liebe es. Ich liebe sie. Es ist toll. Dann das Konzert schon vorbei, Zugabe! Zugabe! Zum Finale gibt's "West End Girls" und den ganz neuen Song "Vocal". "And everything about tonight feels right and so young", singt Tennant. "And anything I’d want to say out loud will be sung, This is my kind of music, They play it all night long".

Hach.



 

Catering und Getränkekarte

Ich brauche Flüssigkeit, egal was, nein, Bier. Das kostet, wie immer, 4 Euro, Sekt 3,50 Euro. Auf dem Rückweg vom Bierstand stecke ich einen Fünfer in die Sammeldose der AIDS-Hilfe Freiburg. "Willst Du einen Bären haben", fragt ein großer Typ am Stand. Ich lehne ab, aber greife dankbar ein paar der kostenlosen Kondome, die hier verteilt werden. Service!    

Auf dem Klo um halb neun ...

... höre ich die ersten Takte von "Suburbia". Schnell zurück ins Zelt!

Aufheiterle

Nach dem Konzert erfahre ich, dass die Pet Shop Boys tatsächlich die Schallplatte eines Freundes aus Berlin signiert haben, der leider nicht zum Konzert kommen konnte. Dummerweise allerdings mit dem Namen des netten Menschen, der die Platte unter großem persönlichen Einsatz hinter die Bühne gebracht hat. Viel Spaß beim Erklären dieses Mishaps und mit deiner neuen Platte, Achim!



Aufregerle

Sie haben nicht "Being Boring" gespielt!



Fazit

Geile Sause. Verdammt. Geile. Sause.

PS: War das wirklich Stuckrad-Barre, da, im Publikum?

Mehr dazu:


Fotogalerie: Carolin Buchheim

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