Nightlife-Guru: Jugendvigil mit dem Papst

Nightlife-Guru

Im Jahre des Herrn 67 segnete Petrus, der erste Papst, das Zeitliche und doch dauerte es noch 1.944 Jahre, bis es ein Nachfolger einrichten konnte, Freiburg zu besuchen. Dieses Wochenende hat es endlich geklappt. Unser Nightlife-Guru ist natürlich zur Vigilfeier auf die Freiburger Messe gepilgert.



Die Jungs an der Tür

Streng blickt mir der Sicherheitsmann an der Einlassschleuse in die Augen. Ob er mal in meine Tasche sehen dürfe? Als frommer Wallfahrer habe ich natürlich eine geräumige gewählt und prall gefüllt. Ich öffne sie und zuoberst liegt ein Bündel Bananen. Der Security ist – ich benutze ungern dieses harte Wort – bestechlich: Er nimmt eine Banane an und verzichtet dafür darauf, auch nur mit den Augen in meiner Tasche zu kramen.

Inneneinrichtung & Deko

Grundfarbe des Papst-Designs ist Weiß. Eine überdachte Bühne, auf der alles weiß ist. Die Plakate mit dem Motto der Papsreise: weiß. Chill-Out-Zelte: weiß.



Wohl mit unter Deko zu rechnen sind die Swag-Tüten mit Konradsblatt, Lanyard, Fähnchen, Kerze und Regenponcho. Am wichtigsten aber: Ein roter und ein grüner Plasteschlauch, die man nach dem Aufblasen wunderbar laut aneinander schlagen kann. Bei den Lockerungsübungen mit Synergybeats kommen sie zum Einsatz und im Vorprogramm mit Annetta Politi und Volker Janitz kann man mit ihnen über Fragen der Moderatoren abstimmen.

Die Chillout-Zelte („My Tent“, „Zelt der Gegenwart“ und „Zelt der Verheißung“) sind zur nahbaren Auseinandersetzung mit dem eigenen Glauben gedacht. In ihnen herrschen elektroblaues Diodenlicht oder warm gedimmtes Licht vor.

Wer war da?

Also da wäre zunächst mal der Papst. Benedikt XVI. ist der erste „Heilige Vater“, der Freiburg einen Besuch abstattet. Auf ihn läuft alles hinaus: Die Besucher sind gekommen um ihn zu feiern. Bevor er auf der Messe eintrifft, branden ein paar Mal Jubel und Applaus auf, als könnte ihn jemand schon sehen. Als er dann im Papamobil seine Runden dreht und lächelnd winkt, sind alle von den Socken.



Die SWR3-Moderatoren Janitz und Politi führen durch das Vorprogramm. Ararat singen. Freiburgs Erzbischof und Vorsitzender der deutschen Bischofskonferenz Robert Zollitsch sprechen  Grußworte. Auf der Tribüne noch jede Menge hohe Tiere in Purpur.

Und: Tausende Pilger. Jugendliche und junge Erwachsene sowie Kids mit ihren Eltern. Habe ich gesagt: Tausende? Sehr viele Vigil-Teilnehmer waren in Gruppen angereist.

Klangwaren-TÜV und Partyatmosphäre

Das sind hier zwei verschiedene Paar Schuhe. Fangen wir mit dem Guten an: Atmosphäre, das können sie, die Katholiken. Auf dem Messeplatz ist es luftig. Kein Gedränge an dem lauen Spätsommerabend. Während der Vigil geht die Sonne unter und vorne werden mit Flammen vom Altar Kerzen angezündet. Die Flamme pflanzt sich immer weiter fort und die Videoleinwände zeigen die Vogelperspektive, aus der die ganze Pilgerschar im Dämmerlicht funkelt.

Der Papst redet von Liebe, vom Licht, das das Böse besiegt und dem Salz der Erde. Gänsehaut sitzt. Selten so eine gründlich und reibungslos inszenierte Veranstaltung erlebt.



Kommen wir zur Musik. Der Nightlife-Guru ist ja überkonfessionell und unparteiisch, aber diese Sorte Proleten-Schlager muss er jetzt mal dissen. Alle Musik-Arrangements jazzig, aber so anspruchsvoll wie ab Werk eingespeicherte Keyboard-Tracks. Flache Texte, zum Beispiel den endlos wiederholten Papstreise-Slogan „Wo Gott ist, da ist Zukunft“. Und dann noch ein so hoher Musikanteil wie in einem Musical. Schülermusical. Vierte Klasse. Keine musische Schule. So ungefähr. Ich muss an jede Zelle meines Körpers denken.

Der Nightlife-Guru hatte sich das so schön vorgestellt: ein Chor, der getragene geistliche Lieder intoniert, bis Weihnachtsstimmung aufkommt. Nichts da. Morgen dafür, bei der Eucharistiefeier, neues Glück.

Klingt komisch, aber nach Artistikshow und ararat-Set (immerhin rockiger) ist die Rausschmeißermusik von CD der beste Mix des Abends. Johnny Cash und Bruce Springsteen („The Rising“), während sich das Publikum im Flutlicht in kleine Grüppchen auflöst und der laue Nachtwind die Regenponchos umherweht. Allerfeinste Vorbei-Melancholie.

Catering und Getränke

Wasser wird kostenlos verteilt. Im Vorprogramm in der Nachmittagssonne erinnern die Entertainer immer wieder daran: Liebe Pilger, viel trinken! Essen wird keins verschenkt, aber wir wollen mal nicht gierig sein. Wobei: Der Trick ist, sich noch bei der Nachtquartierbörse für einen Platz in der Messehalle zu melden. Zum Frühstück soll jeder ein Lunchpaket erhalten.

Auf dem Klo kurz nach 23 Uhr

Die Dixieklos riechen nach Dixieklos, da muss man ja nicht drumrum reden. Man fasst halt nichts an, was nicht zum eigenen Körper gehört und atmet durch den Mund.

Aufregerle

Stichwort Papst. Was könnte uns da aufregen?



Werden wir mal nicht politisch und kommen vom Hölzle aufs Stöckle, sonst ist das Internet nämlich ganz schnell voll. Bleiben wir eng im Rahmen der Veranstaltung: Joseph Ratzinger ist kein guter Redner. Immerhin liest er langsam vor, aber er hebt nie die Augen vom Blatt und er redet sehr monoton. Monotones Bayrisch. Wo die Faszination mit und Begeisterung für ihn auch herkommen mögen: Ausstrahlung hat keine Schuld. Entertainer vor dem Herrn ist was anderes.

Zum Ausgleich kommt er vor lauter Jugendlichen, die Zeugnis ablegen oder Fürbitten vorlesen und lauter Singsang fast nicht zu Wort.

Aufheiterle

„Liebe junge Freunde! Ich habe mich den ganzen Tag auf diesen Abend mit euch gefreut.“ (Seine Hachigkeit, Papst Benedikt der Sechzehnte)

Fazit

Gut inszeniert, keine Frage. Aber bewegend nur für eingefleischte Fans. Für einen Außenstehenden mehr so verwirrend bis scary. Und die musikalische Hälfte haben wir dabei schon wieder ganz verdrängt.



Mehr dazu:

  [Bild 1: Ingo Schneider; Rest: Wolfang Grabherr]

Foto-Galerie: Paul Gengenbach

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