Nightlife-Guru: Art Basel-Party in der Elisabethenkirche Basel (mit Brad Pitt?)

Nightlife-Guru & Dominic Rock

40 Jahre Kunstmesse 'Art Basel'. 40 Jahre, das ist ein Alter, das eine gewisse Reife erwarten lässt. Dennoch – oder deswegen – haben die Veranstalter der Art-Party "Paradise At Church" ein Line-Up aufgefahren, das jegliche Ansätze von Midlife-Crisis vergessen lässt. Auch der Nightlife-Guru wollte sich Henrik Schwarz, Maurice Fulton & Co. nicht entgehen lassen und hat sich am Dienstag unter die Art-Basel-Gänger in die Elisabethenkirche gemischt - und dabei Brad Pitt getroffen?



(Die Jungs) An der Tür

Schlange stehen vor der Kirche, das musste ich im aufgeklärten Mitteleuropa zuletzt an der Notre Dame in Paris oder vor dem Petersdom in Rom. Dieser Dienstagabend bewies jedoch, dass auch ein touristisch unbedeutendes Gotteshaus zum Zufluchtsort vieler Menschen werden kann.

Fast eine ganze Straßenlänge zieht sich die Menschenschlange von der Elisabethenkirche in Basels Altstadt zum Bankverein hinab, in der Hand ein in braun-goldene, transparente Folie verpacktes Ticket haltend.

Denn Einlass und Aufnahme werden nur dem gewährt, wer in Besitz einer offiziellen Einladung ist. Diese konnte man an zahlreichen Stellen in Basel sowie bei der Freiburger Werbe-Agentur Kultwerk kostenlos abholen. Der Eintritt war also für die meisten Leute frei.  Wer allerdings bereits das Dinner am frühen Abend konsumieren wollte, durfte eine Kostennote in Höhe von 500 Schweizer Franken begleichen.

Inneneinrichtung / Deko

Die Basler Elisabethenkirche gilt schweizweit als bekanntestes und bedeutendstes neugotisches Kirchenbauwerk. Das reicht als kunstgeschichtlicher Hintergrund völlig aus, wird doch das Gebäude seit 1994 als Gotteshaus und Veranstaltungsort für Anlässe unterschiedlichster Art, von Benefizveranstaltungen über Theateraufführungen bis hin zu Partys genutzt.

Nur wenige Sitzreihen, klassisch harte Holzbänke, laden zu Beginn des Mittelschiffs zum andächtigen Verweilen ein. Gemütlich ist anders, aber hat die Kirche je für sich beansprucht, ein Ort der Gemütlichkeit zu sein? Zudem sind wir doch alle gekommen, um uns in sakralem Gemäuer zu zerfeiern. Da braucht es keine Kuschelecke.

Die Seitenschiffe bergen die Bars. Für einen Blickfang sorgen ein mehrfach überdimensioniertes Spinnenetz in der Mitte des Kirchenbaus sowie die Ausleuchtung des Raumes. Sie erzielt jedes Mal eindrückliche Effekte, sobald ein Lichtstrahl auf die Doppelfenster des Langhauses trifft.

Wer war da?

Kirche ist Heimat für alle Menschen. So lesen und hören wir es nahezu täglich. Zumindest in dieser Nacht scheint dieses Ideal zu funktionieren, präsentiert sich die Elisabethenkirche doch als Schmelztiegel unterschiedlichster Szenen. Hippe Vertreter aus dem Medien- und Kreativbereich, businessorientierte Werbe- und Kommunikationsdesigner, junge Kunstschaffende, Kunsthändler und Galeristen gesetzteren Alters, und überall das eine oder andere bekannte Gesicht aus der überschaubaren Freiburger Kunst- und Kulturcommunity.



Nicht vergessen werden dürfen die engagierten Mitglieder des Basler Geldadels, die sich einmal mehr ins Karussell der schönen Eitelkeiten begeben dürfen – oder müssen. Jeans und T-Shirt bleiben bei ihnen zuhause, das kleine Schwarze, ein dunkler Anzug, bestenfalls schwarz, sowie die unifarbene Krawatte sind Pflicht.

Die Elisabethenkirche ist heute Abend jedoch auch Wallfahrtsort aller Musikgläubiger im Dreiländereck, die für spirituell-religiöse Grunderfahrungen wie eine DJ-Nacht mit Maurice Fulton weite Anfahrtswege in Kauf nehmen, ohne an den Morgen danach zu denken.

Partyatmosphäre und Klangwaren-TÜV

Ein surreales Ballett begleitet von Pyro-Effekten, Yann Tiersens Piano-Soundtrack aus "Die fabelhafte Welt der Amelie" und Video-Installationen der Künstlerin Saskia Schmidt: Der Abend begann pünktlich um 22 Uhr mit einer tollen Performance (siehe Video unten)!

Eine nahezu beängstigende Stille breitet sich später im dunklen Kirchenschiff aus. Von Ferne erklingt eine zarte und zerbrechliche Stimme. „It could be morning, it could be night, I could be everywhere, the headphone silence, which fills my head.“

Ob es Tag oder Nacht ist, ob wir uns in einer Kirche oder einem undergroundigen Club befinden, längst haben Raum und Zeit jegliche Bedeutung verloren. Wie gebannt richten die Anwesenden ihre Augen starr auf den Chorraum. Henrik Schwarz aus Berlin, einer der Hohepriester dieser Nacht steht vor seinem Altar. Mit Hilfe seiner sakralen Gegenstände, Powerbook, Mischpult Pad Control, und der Software Ableton Live baut er sein Live-Set auf, in diesem Fall den Remix für Ane Bruns „Headphone Silence“ .

Minuten vergehen, ohne dass er eine einzige Kickdrum zum Einsatz bringt. Dass die Crowd dennoch abgeht, zeigt schön, dass man nicht immer voll auf die Zwölf prügeln muss, um eine tanzbare Stimmung zu erzeugen. Umso mehr Endorphine werden daher auch freigesetzt, als Henrik Schwarz (--> fudder-Interview) seine tief im Funk verwurzelten Basslines und knallharte Kickdrums zum Einsatz bringt. Nahezu zwei Stunden verzückt er die Anwesenden mit seiner elektronischen Messe. Großen Respekt habe ich vor einem Endvierziger-Pärchen. Beide legen während des ganzen Sets ein unglaublich hohes Tempo auf der Tanzfläche vor und zeigen dem Junggemüse, wie schweißtreibend gerockt wird.

Gerockt hat auch Maurice Fulton. Der Produzent und DJ aus Sheffield zählt mit zu den geheimnisumwittertsten und undurchschaubarsten Persönlichkeiten im DJ-Zirkus. Seine Auftritte sind selten, und auf diesen herrscht absolutes Fotoverbot. Der Mann will, soll, darf nicht fotografiert werden - angeblich würde er sein Set sofort beenden, sollte ein Fotograf diese Gesetz brechen.

Schade nur, dass die Musikanlage und die Akustik der Kirche sich von den ersten Takten an als genusshemmendes Ärgernis entpuppt haben - auch deshalb, weil in der Elisabethenkirche eine strikt einzuhaltende Dezibel-Grenze beachtet werden muss (weshalb die Veranstalter Funk-Kopfhörer verteilten, mit denen die Party-People den Sound wie bei der Kopfhörerparty auf dem Freiburger Kanonenplatz individuell nach oben drehen konnte).

Gerade Fultons tiefen und rauen Basslines, die auf einer guten Anlage direkt auf die Hüften abzielen, werden dennoch nur mangelhaft wiedergegeben. Während die Heads und Nerds sich mehr und mehr auf das DJ-Pult zubewegen, um jede Handbewegung des Meisters verfolgen zu können, verziehen sich insbesondere die Mädels. „Der kann ja gar nicht auflegen“, höre ich ein ums andere Mal. Schade, denn sexgeladener als „Love Me Like This“ von Floating Points kann Musik nicht sein.

Wirbelwind und Klangverdreher par excellence ist auch der letzte Act des Abends, Hunee aus Berlin. Mit zwei Plattentellern und zwei CDJs verhäckselt und verschachtelt er alte Disco-Klassiker aufs Feinste. Allerdings zeigt sich die Crowd nur wenig ausdauernd und verlässt die Party schon sehr früh, so dass Hunee bald nur noch vor einem Häuflein Getreuer spielen muss.



Catering / Getränkekarte

„Zäh Franke bitte“. Die Bedienung nennt mir den Preis für 0,33l Carlsberg mit einem schüchternen, fast schon entschuldigenden Lächeln. Der Eintritt zur Party ist kostenlos, doch von irgendwoher muss das Geld ja kommen, und so sind die Getränkepreise auch für Schweizer Verhältnisse exorbitant hoch. 7 Franken für eine kleine Flasche Wasser, 9 Franken für zuckerhaltige Limonaden. Nach Longdrinks und Cocktails frage ich da gar nicht erst.



Auf dem Klo um halb vier

Ein Wasserhahn tröpfelt einsam vor sich hin. Sonst ist nichts los. Alle schon nach Hause gegangen.



Aufregerle

Wie bereits erwähnt: Einziger Wermutstropfen sind die raumakustischen Eigenschaften der Elisabethenkirche, die den Klang doch ein ums andere Mal verwaschen lassen.



Gossip

Auch Brad Pitt soll sich unter das Partyvolk gemischt haben, um die Akquisition seines neuen Gemäldes (Bericht auf baz.ch) gebührend zu feiern. Leider konnte ich seine derzeit charakteristische Kopfbedeckung, eine Schiebermütze, nirgendwo ausmachen, und so blieb der Wunsch nach wirklichem Glamour auch an diesem Abend unerfüllt.



Fazit

Auch im nächsten Jahr werden die Art Basel und die Veranstaltungen in ihrem Fahrwasser einen festen Platz in meinem Kalender finden. Sollte es wieder eine Party in der Elisabethenkirche geben, reserviere auch ich einen Tisch. Zum Preis von schlappen 500.- Franken sind da nämlich die Getränke in der Zeit von 19.30 bis 22.30 schon mit inbegriffen. Wäre doch gelacht, wenn sich diese Investition nicht amortisieren lässt.

Mehr dazu:


Galerie (Fotos: Dominic Rock):

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