Mentale Gesundheit

Mythos Sommerdepression: Warum eine Depression immer ernstzunehmen ist

Carolin Johannsen

Immer öfter taucht in den Medien das Stichwort Sommerdepression auf. Angeblich handelt es sich um eine Form der Depression, die nur im Sommer auftritt. Der Freiburger Psychiater Derek Spieler klärt über den Mythos auf.

Sommer, Sonne, gute Laune – viele Menschen lieben und genießen die Sommerzeit. Doch nicht allen geht es im Sommer gut. Immer öfter ist dann das Stichwort "Sommerdepression" zu hören. Aber was ist dran an dem Mythos? Der Freiburger Psychiater Derek Spieler klärt auf.

fudder: Herr Spieler, man hört immer öfter von einer sogenannten Sommerdepression – gibt es die wirklich?

Spieler: Das Phänomen ist im klinischen Kontext in der Form nicht relevant. Vereinfacht gesagt: wir schreiben in keinen Brief rein, ob es sich bei einer Depression um eine Sommerdepression oder eine Winterdepression handelt.

fudder: Was halten Sie dann von dem Begriff Sommerdepression?

Spieler: Ich finde den Begriff eher verharmlosend. Depressionen gibt es das ganze Jahr über und die Behandlung ist auch immer dieselbe. Eine Depression ist immer eine ernstzunehmende seelische Erkrankung.

fudder: Woher könnte der Mythos dann kommen?

Spieler: Viele Menschen verbinden ihre Gefühle mit etwas Äußerem. Man kann dann etwas besser mit sich vereinbaren, wenn man sagt, dass es am Wetter liegt, als wenn man sagt, dass es mit den eigenen Gefühlen zu tun hat.

fudder: Aber es gibt die Winterdepression, die beispielsweise durch fehlendes Vitamin D begünstigt wird. Könnte es im Sommer keinen gegenteiligen Effekt geben?

Spieler: Nein, zu viel Vitamin D löst primär keine depressive Symptomatik aus. Und man kann im Sommer nicht zu viel Vitamin D durch Sonnenlicht bekommen. Ein Zuviel an Sonne könnte allenfalls den Schlaf stören – und da kann man die Jalousien zumachen oder eine Schlafbrille nutzen.

fudder: Und kann der Schlafmangel zum Problem werden?

Spieler: Schlafmangel ist in unserer Gesellschaft generell eklatant. Insbesondere Jugendliche schlafen im Durchschnitt eine Stunde zu wenig. Es ist aber nicht so, dass Schlafmangel direkt zur Depression führt.
Zur Person

PD Dr. med. Derek Spieler ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie und Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie. Er ist geschäftsführender Oberarzt und Leiter der Sektion Konsil- und Liaisonpsychosomatik und der AG Molekulare Psychosomatik am Universitätsklinikum Freiburg.

fudder: Im Sommer gibt es viel Druck von außen, aktiv zu sein und an Events teilzunehmen – das ist im Winter oft nicht der Fall. Könnte das problematisch sein?

Spieler: Das Problem ist nicht der Druck, sondern vielmehr die Unfähigkeit oder das Unvermögen, auf den Druck zu reagieren. Die Frage ist, wie man auf die Überforderung reagiert – ob man sich davon distanzieren kann oder ob man sich zurückzieht. Das ist aber noch nicht sofort Zeichen für eine Depression.

fudder: Was genau sind denn Anzeichen für eine Depression?

Spieler: Das können Schlafstörungen sein, Antriebsmangel und Interessensverlust . Man hat keine Lust mehr auf die Dinge, die man sonst gerne macht und zieht sich sozial zurück. Ein wichtiges Diagnosekriterium ist auch Suizidalität.
Hilfsangebote

Studien zeigen, dass es nach Berichterstattung über Suizide oft Nachahmungstaten gibt. Deswegen berichten wir in der Badischen Zeitung in der Regel nicht über Selbsttötungen – außer sie erfahren durch die Umstände besondere Aufmerksamkeit. Wenn Sie sich in einer akuten persönlichen Krise befinden und Hilfe brauchen, wenden Sie sich an die Telefonseelsorge unter den kostenlosen Rufnummern Tel. 0800/1110111 und Tel. 0800/1110222 oder an eine der anderen Hilfsstellen.

fudder. Was sollte man tun, wenn man solche Symptome bei sich erkennt?

Spieler: Wenn die Symptome persönlich Sorge bereiten oder zum Beispiel länger anhalten, sollte man sich Hilfe holen – entweder in einer Ambulanz wie hier an der Uniklinik oder man wendet sich erstmal an den Hausarzt. Eine weitere Alternative ist, dass man sich einen Beratungstermin bei einem Psychotherapeuten oder Psychiater holt. Bei akuten Situationen sind auch Notfalltelefone hilfreich.

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