Nachtleben

Meine Meinung: Die Stadt sollte das Alkoholverkaufsverbot für den "Bis Späti" nicht zulassen

Laura Wolfert

Der "Bis Späti" an der Egonstraße soll bald kein Späti mehr sein. Das hat die Stadt Freiburg unter Berufung eines Lärmgutachtens entschieden. fudder-Autorin Laura Wolfert findet, die Stadt solle unterstützen, nicht klagen.

Wir Menschen haben unterschiedliche Erwartungen. An uns selbst, an das Leben – oder an einen Späti. Von einem Späti wird üblicherweise erwartet, dass er spät abends noch Bier im Handel hat. Ein wenig anders sehen das Freiburger Anwohnerinnen und Anwohner im Stühlinger. Sie erwarten von dem ortsansässigen Laden nahe des Lederleplatz Ruhe, Recht und Ordnung.

50 bis 60 von ihnen fordern, dass er nach 22 Uhr keinen Alkohol mehr verkaufen darf. Der "Bis Späti" an der Egonstraße soll demnach kein Späti mehr sein. Grund für diese Haltung ist laut Stadt eine "hohe Nichteinhaltung der Nachtruhe". Die Konsequenz ist ein Alkoholverbot ab März, gegen das die Ladeninhaber nun juristisch vorgehen möchten.

"Wer Ruhe braucht, der zieht bitte aufs Land."

Was für viele Berlinerinnen und Berliner (die Hochburg der Spätis) klingt wie ein Aprilscherz, überrascht in Freiburg wenig. Immer wieder werden Gastronomen in ihrem Dasein beeinträchtigt. Ist es nicht die Stadt, die Auflagen verhängt, sind es Anwohner, die sich über die Lautstärke oder Müll beschweren. Und wieder stellt sich die Frage der Erwartung: Was, liebe Freiburger, erwartet ihr von einem Leben mitten in der Stadt? Im Stühlinger zu wohnen hat den Vorteil, dass vor der Haustüre Bars, Geschäfte und Supermärkte zu finden sind. Wer ausgehen und etwas erleben möchte, wohnt hier richtig. Wer Ruhe braucht, der zieht bitte aufs Land.

Resultat fehlender Ausgehmöglichkeiten

Nun hat nicht jeder die Möglichkeit, sich seinen Wohnsitz auszusuchen. Ich möchte den Anwohnern im Stühlinger auch nicht absprechen, dass es abends etwas lauter sein kann. Niemand möchte nachts aus dem Schlaf gerissen werden und am Morgen den Gestank von Müll und Urin durch die Nase atmen. Doch wessen Aufgabe ist es, öffentliche Plätze sauber zu halten und für Ruhe zu sorgen? Die des Spätis oder die der Stadt?

Dass sich vermehrt junge Menschen am Lederleplatz aufhalten, ist womöglich ein Resultat fehlender Ausgehmöglichkeiten. Da viele Freiburger Lokalitäten ab einer bestimmten Uhrzeit nicht mehr draußen bestuhlen dürfen und es zu wenig Clubs gibt, treffen sich Studierende an öffentlichen Plätzen. Wenn Essenreste, Dosen und Kaugummis auf den Gehwegen liegen, hat das nicht nur etwas mit den vermeintlich "faulen, jungen Menschen" zu tun. Dann gibt es vielleicht einfach zu wenig Mülleimer, die zu selten geleert werden.

Kein Ersti zieht in eine Studentenstadt ohne Studentenleben

Zudem sollte sich die Frage gestellt werden, ob es die Probleme erst seit der Eröffnung des Spätis gibt – oder ob diese schon vorher bekannt waren? 100 bis 200 Leute sollen sich abends auf dem Platz im Stühlinger aufhalten. Vielleicht gibt es im Späti auch noch Subwoofer und Trompeten zu kaufen. Ansonsten stellt sich mir zurecht die Frage, wie laut so wenige Menschen sein können, dass ihr Lärm "Gesundheitsgefährdung der AnwohnerInnen" mit sich ziehen könnte.

"Zusammenhalt sieht anders aus."

Freiburg profitiert von dem Leben rund um die Universität. Doch kein Ersti möchte in eine Studentenstadt ziehen, in der das Studentenleben untersagt wird. Das Rathaus sollte daher Lösungsansätze suchen und nicht mit Verboten drohen. Wenn Anwohner immer wieder mit ihren Klagen durchkommen, traut sich womöglich bald kein Gastronom mehr, innerhalb der Stadt ein Lokal zu eröffnen. Corona hat gezeigt, dass ohne Cafés und Bars auch das Bummeln in der Kaiser-Joseph-straße weniger Spaß macht. Anders ausgedrückt: Wenn eine neue Eisdiele in einer Seitengasse schließen muss, leidet darunter auch der anliegende Second-Hand-Laden.

Was im Falle des "Bis Späti" besonders ärgert: Der Pachtvertrag des kleinen Ladens läuft bald aus und auf Grund des Lockdowns haben die Betreiber ohnehin mit finanziellen Einbußen zu kämpfen. Zusammenhalt sieht anders aus. Die Stadt sollte den Späti bei seinen Umsetzungen unterstützen und gemeinsam mit den Anwohnern nach einer Lösung suchen. Nicht mit einem Alkoholverbot klagen.

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