Kommentar

Meine Meinung: Die Ausgangssperre bringt die Menschen wieder zusammen

Claudia Förster Ribet

Während es in Deutschland erlaubt ist, spazieren zu gehen, gelten in Italien und Spanien harte Ausgangssperren. fudder-Autorin Claudia Förster Ribet lebt in Spanien, seit zwei Wochen mit Ausgangssperre und Polizeikontrollen – und kann dem etwas Positives abgewinnen.

Mittlerweile haben zahlreiche Länder die Bewegungsfreiheit ihrer Bürger eingeschränkt, um das Coronavirus im Zaum zu halten. Spanien ist eines der Länder, in dem die Maßnahmen besonders drastisch sind: Die Wohnung darf nur verlassen werden, um einkaufen oder zur Apotheke zu gehen. Wer von der Polizei oder dem Militär beim Spazierengehen erwischt wird, muss mit hohen Geldstrafen rechnen. Ob die Verlängerung der totalen Ausgangssperre von zwei auf vier Wochen die einzige bleiben wird, ist unklar.


Doch wie lebt es sich in dem sonst so aktiven Land, wenn man nicht mal auf die Straße darf, um frische Luft zu schnappen? Klar, ist es seltsam, Spaniens sonst so vor Leben gefüllte Straßen menschenleer zu sehen. Selbstverständlich verkrampft sich der Magen beim Anblick von Polizisten, wenn man zum Einkaufen einen längeren Weg genommen hat als nötig und in Gedanken schon mit Erklärungen ringt. Und natürlich gibt es einem ein mulmiges Gefühl, nicht zu wissen, wie lange man noch in seiner kleinen Wohnung ausharren muss. Doch was vor allem von außen klingt wie ein Horrorszenario in Sachen Einsamkeit, entpuppt sich in der Praxis als Dünger für Empathie und Sozialleben. Denn angesichts dieser schwierigen und ungewissen Zeiten merken die Menschen, dass sie einander brauchen.

Hymne der Quarantäne

Das gilt einerseits für den Boom an Respekt und Dankbarkeit, den die Bevölkerung den so unterbezahlten Krankenpflegern und Ärzten plötzlich entgegenbringt. Jeden Abend um 20 Uhr gehen die Spanier an die Fenster und applaudieren minutenlang für die Ärzte und Pfleger, die täglich gegen das Coronavirus kämpfen. Nicht selten erklingt dabei das Lied "Resistiré" (deutsch: ich werde durchhalten), das sich mittlerweile zur Hymne der Quarantäne entwickelt hat. Die wenigen Autos, die noch fahren, hupen wie verrückt. Fast fühlt es sich so an, als hätte Spanien die Fußball-WM gewonnen – nur irgendwie ernster und bewegender. Wie sehr die Menschen an Pfleger und Ärzte denken, zeigen auch die vielen Initiativen zur Produktion von Masken und Kitteln. Mittlerweile kursieren Videos im Netz von Krankenhauspersonal, das Mülltüten trägt, weil keine Kittel mehr da sind. Ärzten, die ihre sicher längst nicht mehr sterile Schutzmaske nach Ende der Schicht an den nächsten Arzt zum Wiederverwenden weitergibt. Seit diese Zustände bekannt geworden sind, haben viel Produktionsfirmen umgeschwenkt: Eine Schuhfabrik in Soria näht Masken statt Schuhe, und beim Messenger-Dienst Telegram gibt es Gruppen, in denen sich Amateure organisieren, um mit ihren 3D-Druckern Beatmungsgeräte herzustellen.

Auch den Kranken gegenüber zeigen sich die Menschen solidarisch: Zum Beispiel gibt es eine Initiative für Grußkarten, bei denen jeder einige Zeilen an einen fremden Kranken richten kann, damit sich dieser in der Isolation nicht so einsam fühlt.

Doch wohl am beeindruckendsten ist, wie sozial die Bevölkerung untereinander auf einmal wird. Überall bieten Jugendliche und junge Erwachsene ihren älteren Nachbarn an, für sie einkaufen zu gehen, damit diese ihre Gesundheit nicht riskieren müssen, indem sie auf die Straße gehen. Nachbarn, die sich sonst höchstens vom Zunicken kannten, lernen sich auf einmal über die Innenhöfe hinweg kennen. Eine Nachbarschaft ist mit ihren Aktionen ganz besonders aufgefallen: Jeder Spanier kennt inzwischen Videos der Nachbarschaft, die über ihre Fenster hinweg Bingo spielt, auf den Balkonen zusammen Sport macht oder über Fenster hinweg Federball spielt. Es kursieren Videos von Nachbarn, die auf ihren jeweiligen Balkonen stehen und zusammen Musik machen; oder von einer Opernsängerin, die für ihre Nachbarn eine Arie singt.



Die Menschen feiern die kleinen Dinge

Andere Videos, die auf WhatsApp verschickt werden, zeigen wie Kinder an gegenüberliegenden Fenstern stehen und "Ich-sehe-was-was-du-nicht-siehst" spielen; oder wie ein Nachbar einen Film mit dem Beamer auf die gegenüberliegende Hauswand projiziert, damit ihn alle zusammen sehen können. Wieder andere organisierten sich über Häuser hinweg, um einer alten Dame ein Geburtstagsständchen zu singen. Abgesehen von Videos kursieren in sozialen Netzwerken auch unzählige Fotos, Memes und GIFs, die die leidliche Quarantäne-Situation in sarkastisches oder witziges Licht rücken. Alle paar Minuten flattert ein neues Meme oder Video rein und hebt, zumindest für einen kurzen Moment, die Stimmung.



Kurz: Die Menschen werden kreativ, wenden sich einander zu, und feiern die kleinen Dinge. Vielleicht kann diese Pandemie, die so viel Übel mit sich und unser System zum Pausieren bringt, uns ein wenig die Augen öffnen für das, was wirklich zählt im Leben. Dafür, dass es auch ohne Hetze und Stress funktioniert. Dafür, wie wertvoll und schützenswert unsere Natur ist, die wir auf einmal nicht mehr so einfach betreten können. Und dafür, dass wir Menschen soziale Wesen sind, die einander brauchen.