fudder-Kolumne

Mein zuckerfreies Jahr (3): Wie sehr Zucker in unserer Ernährung und Kultur verankert ist

Christian Engel

Seit nun vier Monaten lebt unser Autor zuckerfrei. Was er in dieser Zeit in Gesprächen mit Freunden und Fremden immer wieder hören musste: "Zucker gehört halt dazu". Besonders an süßen Feiertagen reicht ihm dieses Mantra nicht.

Drogenkriege in Mittelamerika, die Guillotine während der Französischen Revolution, Heuschnupfen im Frühling, Übergewicht nach den Weihnachtstagen – all das gehört oder gehörte für viele Menschen zum Leben dazu. "Es gehört halt dazu" – während zahlreiche Menschen allerdings aufopferungsvoll dafür kämpfen, dass manche Dinge, die scheinbar normal, alltäglich, eben dazugehörig sind (vielleicht zum höheren Sinn des Lebens?), verboten werden, gelindert werden, zumindest hinterfragt werden, scheint die Brisanz bei Zucker nicht ganz so hoch zu sein, etwas gegen ihn und seine vielen gesundheitlichen Auswirkungen zu unternehmen. "Es gehört halt dazu" – wie häufig musste ich diesen Satz in den vergangenen vier Monaten meines zuckerfreien Lebens hören.


Und leider stimmt der Satz. Nicht nur einstellungsmäßig im Vorder- oder Hinterkopf der Menschen, sondern auch in den Regalen der Läden und im Verhalten der Menschen. Es gehört halt dazu.

Die Perser kristallisierten den Zucker zum ersten Mal

Zucker (wir sprechen hier von verarbeitetem Zucker) ist in unserer Kultur fest verankert. Und das kam so: Nachdem die Perser vor 1400 Jahren eine Möglichkeit gefunden hatten, Zucker aus Zuckerrohrsaft herauszukristallisieren, konnte man plötzlich problemlos Speisen und Getränke anreichern. Auf der iberischen Halbinsel baute man um 800 bereits Zuckerrohr in großen Mengen an, durch die Kreuzzüge kam der Stoff wenig später auch nach Mittel- und Nordeuropa. Die Menschen kamen auf den Geschmack.


In den eroberten Gebieten der Spanier und Portugiesen auf dem neuen Kontinent entstanden Zuckerrohrplantagen im großen Stil – Gold, Tabak und Zucker waren Exportschlager; also Importschlager der reicheren Europäer, die ihre Tees und Kaffees nun gerne gesüßt schlürften, zusammen mit einem Süßgebäck. Als ein Forscher Ende des 18. Jahrhunderts auch noch die Zuckerrübe aus der Runkelrübe gezüchtet bekam, erste Zuckerrübenfabriken hierzulande emporwuchsen und eine aufkommende Zuckerlobby den Stoff kräftig anpries und Kritik kleinredete, war es um uns geschehen: Zucker war nicht mehr wegzudenken. Zucker gehörte halt dazu.


Heute so sehr wie nie zuvor. 35 Kilo Zucker futtert und trinkt jeder Deutsche im Jahr, in den 50ern waren es nur 28 Kilo (auch schon viel). Das sind heute fast 100 Gramm pro Tag. Die Weltgesundheitsorganisation WHO empfiehlt maximal sechs Teelöffel, rund 25 Gramm. Von "in Maßen" kann da schon lang keine Rede mehr sein – der Überkonsum kann nicht gutgehen.

Die Menge macht’s

Der Überkonsum kommt auch daher, dass der Zucker halt dazugehört: im großen und bewussten Stil beim Kuchen essen, Eis schlemmen, Törtchen in der Betriebsküche naschen. Aber auch hier mal ein bisschen in der Salatsoße, dort mal ein Schüsschen im Fertig-Rotkohl, ne ordentliche Portion in der Cola (logo, das wissen wir), neckisch versteckt im Naturjoghurt. Und damit’s keinem so krass auffällt, kritzeln Hersteller aufs Etikett einfach "mit natürlicher Fruchtsüße" oder "weniger süß", damit sich niemand schlecht fühlen muss beim Konsumieren.

Die Menge macht’s – nur denken die wenigsten Menschen daran. An Ostern fanden meine vierjährige Tochter und mein bald zweijähriger Sohn in Hecken und Sträuchern zusammengetragen einen ganzen Stoffbeutel voll Schokolade und Süßigkeiten: Häschen, Schokoeier, Kekse, Gummibärle. Der Sack wog zwei Kilo. Und alle meinten es doch eigentlich nur gut, jeder wollte den Kindern eine Freude machen. Genauso gut könnten sie meinen Kindern auch zwei Müslischüsseln voll reinstem Haushaltszucker vorsetzen und dabei zusehen, wie sie sie leerlöffeln – da würde jeder normal denkende Mensch (hoffentlich) die Schüsseln wegnehmen!

Von Papahase bekamen die Kids übrigens Obst-Gemüse-Hasen versteckt: mit einem Apfelbauch, Gurkenärmchen, und Tomatenohren – die Freude war nicht geringer. Und lecker müssen sie auch gewesen sein, so schnell wie sie wieder weg waren. Von nun an wird es jedes Osterfest heißen: Der Obst-Gemüse-Hase, der gehört halt dazu.