Meine Meinung

Lieber Herr Kretschmann, Sie verharmlosen die Situation von uns Studis

Elisa Rijntjes

In einer Video-Konferenz hat Ministerpräsident Winfried Kretschmann Studierenden geraten, ihre Situation mit der von anderen zu vergleichen. "Es gibt keinen Grund, depressiv zu sein." Eine schockierende Aussage, findet Elisa Rijntjes.

Als Baden-Württembergs alter und neuer Ministerpräsident Winfried Kretschmann sich in einer Online-Konferenz mit fünf Studierenden befand, ahnte er nicht, dass eine seiner Aussagen auf so viel Kritik stoßen würde. Er behauptete dort nämlich: "Vergleichen Sie Ihre Situation mit der anderer Menschen. Dann werden Sie sehen, dass es keinen Grund dafür gibt, depressiv zu werden". Ich finde diese Aussage bedenklich und falsch. Es geht nicht darum, zu bestimmen, wer das Recht hat, depressiv zu sein und wer nicht. Es geht darum, wie man die Corona-Situation für alle Mitglieder der Gesellschaft verbessern kann, in diesem Fall besonders für Studierende.

Winfried Kretschmann wurde aus eigenen Reihen verteidigt: Theresia Bauer, Landtagsabgeordnete der Grünen und ebenfalls Teil der Konferenz, erklärte, dass dieser Satz aus dem Kontext gerissen wurde. Der Ministerpräsident hatte die Absicht, die Studierenden aufzumuntern, und habe ihnen ernsthaft zugehört.

Das Studentenleben hat sich verändert

Es ist gut zu wissen, dass Kretschmann den Studierenden ernsthaft zugehört hat. Denn ich kann aus persönlicher Erfahrung sagen, dass sich seit der Pandemie das Studentenleben drastisch verändert hat. Beispielsweise fällt die klare Trennung zwischen einem Ort zum Lernen und einen Ort zum Entspannen vollkommen weg. Diese Orte verschmelzen zu einem Ort, oftmals die WG oder das Zimmer eines Studenten, was häufig zu Konzentrationsproblemen führt.

Selbstverständlich ist das kein existentielles Problem. Natürlich geht es anderen Menschen schlechter. Trotzdem sollte man nicht vergessen, dass viele Studierende ihr Studium verlängern müssen und dass zahllose ihren Job verloren haben, wodurch sie mit finanziellen Schwierigkeiten zu kämpfen haben. Da kommt man den existentiellen Problemen schon näher, nicht wahr?

Werden Depressionen verharmlost?

Demnach hat sich nicht nur der Alltag verändert, sondern es sind auch psychische Herausforderung hinzugekommen. Viele sind der Meinung, Kretschmanns Worte würden Depressionen verharmlosen oder sogar banalisieren, wie zum beispiel in folgendem Kommentar dazu auf Reddit: "Erstaunlich. Wäre dieser einfache Ratschlag nur etwas früher gekommen, hätte ich mir die letzten fünf Wochen Klinikaufenthalt glatt ersparen können." (MiouQueuing).

Auch auf Twitter fehlte es nicht an Reaktionen. Die Psychotherapeutin @Saltytrees kommentierte: "Du hast keinen Grund, depressiv zu sein müssen sich psychisch Kranke seit Ewigkeiten anhören. So etwas macht Schuldgefühle und kann schlimmstenfalls Suizidgedanken auslösen bzw. verstärken".

Zudem scheint Kretschmanns Denkart, die hinter dieser Aussage steckt, für viele nicht ganz logisch zu sein. Ein weiterer Kommentar auf Reddit drückte das wie folgt aus: "Wenn es mir nicht schlecht gehen darf weil es anderen ja noch schlechter geht, darf ich dann auch nicht glücklich sein weil es anderen ja besser geht?" (kraal42).

Wenn ein depressiver Patient zum Psychologen gehen würde, und der Ratschlag lauten würde, "Vergleichen Sie Ihre Situation mit der anderer Menschen. Dann werden Sie sehen, dass es keinen Grund dafür gibt, depressiv zu werden" wäre das bestimmt nicht sehr hilfreich. Und so ist es auch in dieser Situation nicht hilfreich. Kein Mensch hat es sich ausgesucht, depressiv zu sein. Deswegen geht es nicht darum rauszufinden, für wen die Pandemie schlimmere Konsequenzen hat. Es geht darum, wie man die Situation für alle, Studierende miteingenommen, verbessern kann. Das hätte Kretschmanns Fokus in der Konferenz sein sollen.

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