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Liebe in Zeiten von Corona: Weshalb wir unsere Hochzeit abgesagt haben

Franziska Städtler

Aktuell sind in Deutschland in den Standesämtern nur noch Hochzeiten zu zweit möglich. Viele Paare nehmen diese Möglichkeiten trotz der Einschränkungen wahr. Aber was geht Paaren durch den Kopf, die ihre gesamte Trauung absagen oder verschieben?

Worum geht es eigentlich heutzutage beim Heiraten? Diese Frage stellt sich mir seit neuestem immer wieder, obwohl ich dachte, dass ich darauf schon längst eine Antwort hatte. Natürlich um Liebe, heißt es da gleich, worum denn sonst?


Ausgelöst durch die massiven Beschränkungen im Zuge der Corona-Pandemie und der Folge, dass unsere Hochzeitsfeier nicht wie geplant im April stattfinden kann, komme ich nun doch etwas ins Zweifeln, was genau der Sinn und Zweck des Heiratens eigentlich sein sollte. Bitte nicht falsch verstehen, ich zweifle keineswegs an der Liebe, weder zu meinem künftigen Ehemann Alexander, noch daran, dass die Liebe für eine Ehe eine gute, vielleicht sogar die beste Ausgangsbasis ist.
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Aber wieso fällt es mir dann so schwer, mich mit dem Gedanken anzufreunden, am geplanten Tag zu zweit alleine ins Standesamt zu gehen und dort unsere Liebe mit einer rechtsverbindlichen Unterschrift zu bekrönen? So nach dem Motto: Liebe kennt kein Corona. Wir lassen uns durch nichts aufhalten. Aber im Grunde genommen hält uns Corona eben doch auf. Die Liebe war vor Corona da und wird auch nach Corona da sein. Doch die Pläne für die Feier sind definitiv von Corona durchkreuzt worden.
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Aber sollte man dann nicht einfach das machen, was noch geht? In unserem Fall hieße das, zu zweit ins Standesamt gehen (Gut, das wäre bei uns eine Burgkapelle, das Ambiente wäre also auf jeden Fall schön) und dann den Tag zu zweit verbringen. Keine Gäste, keine persönlichen Gratulationen, kein gemeinsames Lachen beim Kuchenessen. Natürlich gäbe es technische Möglichkeiten, zum Beispiel eine Videoübertragung aus dem Standesamt, aber hier verhält es sich meiner Meinung nach wie mit der aktuellen Unterrichtspraxis.

Das Zwischenmenschliche macht den Unterschied aus

Auch wenn viele Eltern meinen, der Lehrer "könne doch einfach seinen Unterricht filmen", wird jeder Lehrer laut lachen und antworten: "Welchen Unterricht soll ich denn filmen?" Lernvideos sind denkbar, aber "Unterricht" findet dann statt, wenn Schüler und Lehrer gemeinsam in einem Raum sind und Lerninhalte, aber auch allerhand Banales besprochen wird. Gerade das Zwischenmenschliche macht doch den Unterricht aus! Genau das Zwischenmenschliche ginge bei einer Trauung per Live-Stream verloren und somit rücke die eigene Hochzeit für die virtuellen Gäste in die Nähe eines Films. Für uns keine echte Alternative.
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Hinzu kommt, dass die standesamtliche Trauung bei uns die große Feier bilden sollte. Eine kirchliche oder eine freie Trauung kommt für uns in nächster Zeit aus diversen Gründen nicht infrage. Damit haben wir die Möglichkeit, die nun viele Paare nutzen, zu zweit ins Standesamt zu gehen und im nächsten Jahr dann eine große kirchliche oder freie Trauung mit Feier zu veranstalten, nicht. Außerdem wohnen wir getrennt von unseren Familien und Freunden, sodass auch die durchaus süßen Gratulationsvarianten (Familie und Freunde stellen sich mit Abstand in der eigenen Straße auf, man bringt allein ein Stück Kuchen vorbei und isst ihn gemeinsam per Videochat ) ausfallen.

Strenger kann es fast nicht mehr werden

Wir wären an diesem Tag die ganze Zeit nur zu zweit.
Jetzt könnte man sagen, besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen und man sollte eine Gelegenheit nutzen, solange man sie noch hat, wer weiß, ob es nicht noch schlimmer wird. Da muss man sich aber fragen, was gäbe es denn Schlimmeres? Strenger als die aktuellen Regularien kann es tatsächlich nicht mehr werden, weil das "Personal" für eine Trauung aktuell aus dem Minimum besteht. Es kann also nur besser werden!

Ein anderes Argument wäre die Zeit, so nach dem Motto "Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen!" Sicherlich ist es meist ein schlechtes Zeichen, wenn man etwas verschiebt, weil immer die Gefahr besteht, dass dann nie etwas daraus wird. Aber bei einer geplanten Hochzeit geht es ja um mehr als um ein Kaffeekränzchen mit alten Schulfreundinnen, wofür die Motivation der einzelnen Teilnehmerinnen doch unterschiedlich hoch sein kann. Unsere Hochzeitsmotivation ist nach wie vor hoch und wir wollen definitiv in diesem Jahr noch heiraten, die Frage ist nur wann und sollte man den ursprünglichen Termin nicht einfach doch verschieben?

Eine schöne Geste

Womit ich beim nächsten Argument bin: Das Datum. Ich habe es bewusst ausgewählt, nach dem Hochzeitstag meiner verstorbenen Oma. Anfangs hing ich daran noch sehr, aber selbst wenn ich nicht an diesem Tag heiraten werde, werde ich mich immer gut an meine Oma erinnern. Es wäre eine schöne Geste gewesen und das Datum an sich ist auch recht einprägsam, aber sollte es mir dieses eine Datum wert sein, eine lang ersehnte Feier, das Fest wovon jedes Mädchen schon dann träumt, wenn noch nicht mal ein konkreter Mann in Aussicht ist, tatsächlich ausfallen zu lassen? Denn eins ist sicher, wenn wir alleine standesamtlich heiraten, ist dieser Moment unwiederbringlich verloren.

Hinzu kommt, dass wir sämtliche Privilegien, die früher nur verheirateten Paaren zustanden, bereits jetzt genießen können: Wir dürfen zusammen wohnen, im selben Bett schlafen und waren auch schon des öfteren zusammen im Urlaub. Dafür brauchen wir keine Eheurkunde. Es ist auch kein Kind unterwegs, weshalb man schnell heiraten sollte. Eigentlich besteht kein Grund zur Eile.

Es geht um die Anekdoten, Missgeschicke, und vielleicht auch Eskapaden

Damit fallen zwei traditionelle Gründe für die Ehe weg. Es geht auch gleichzeitig nicht direkt um unsere Liebe – die ist bereits ohne Ehe vorhanden und kann ohne Trauschein wachsen. Letztendlich geht es doch um Momente der Gemeinschaft: Um die Freude, die einen ganzen Raum erfüllt, weil sich zwei Menschen vor ihnen ihre lebenslange Liebe zusichern. Um die Gespräche mit allen Verwandten und Freunden, die in dieser Konstellation nie wieder zusammen kommen werden, denn Freunde kommen normalerweise nicht zu Taufen und bei Beerdigungen hat man selbst nicht mehr wirklich etwas von der Zusammenkunft aller. Es geht um die Anekdoten, Missgeschicke, und vielleicht auch Eskapaden mancher Gäste, von denen man sich noch Jahre später immer wieder erzählen wird.

Und wenn man den eigenen Blickwinkel verlässt, geht es auch um die Erlebnisse und Erinnerungen der Gäste, derer man sie berauben würde, wenn man den entscheidenden Teil – die Trauung – schon allein "vorfeiern" würde. Auch die Gäste hatten sicherlich Hoffnungen und Vorfreude, die sie mit dieser Feier verbinden – weder sie noch das Brautpaar selbst, sollten um diese gebracht werden. Und wenn es nicht jetzt sein kann, wird sich eine neue Möglichkeit ergeben! Hoffentlich im September 2020, da ist nämlich der neue Termin.

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