Artik Freiburg

Lesung und Gespräch: "Das Jungfernhäutchen gibt es nicht"

Martha Martin-Humpert

Oliwia Hälterlin stellt kommenden Sonntag ihr Heft "Jungfernhäutchen gibt es nicht" im Artik vor und erklärt, warum wir uns von der "Durchstoßlegende" verabschieden müssen.

Jungfernhäutchen? Hört man den Begriff, denkt man vielleicht an die berühmt berüchtigten Blutstropfen beim "ersten Mal", an die unbefleckte Empfängnis der Jungfrau Maria oder sonstige Mythen, die sich um die kleine Membran ranken. Der Begriff erweckt die Assoziation eines zarten, beschützenswerten, folienartigen Gewebes, das sich in der Vagina aufspannt.


Junge Mädchen wollen keine Tampons benutzen, um es nicht einzureißen, sogar vor Spagaten wird gelegentlich gewarnt und in Film- und Fernsehen beobachten wir Ärztinnen und Ärzte bei der Feststellung der Jungfräulichkeit. Das Erstaunliche daran: "Alles Bullshit!" laut Oliwia Hälterlein. Denn: "Das Jungfernhäutchen gibt es nicht!".

Das weiß allerdings kaum jemand, also heißt es, Aufklärungsarbeit zu leisten. Nicht nur bei Teenagern, sondern gerade bei erfahrenen Erwachsenen, deren erste Schritte der sexuellen Laufbahn schon zurückliegen und unter falschen Annahmen stattgefunden haben. Selbst in einer scheinbar informierten Blase ist vielen die tatsächliche Anatomie der weiblichen Geschlechtsorgane – also am Ende der eigene Körper – zu Teilen noch in den Details unbekannt.

Vom Tabu hin zu Tatsachen

Hand aufs Herz: Wer weiß tatsächlich, dass es sich beim Hymen, so der medizinische Fachbegriff, eigentlich um eine meist kranzförmige Schleimhaut handelt? Und wer spricht darüber? Auch Oliwia Hälterlein – die sich schon seit einigen Jahren als Selbstständige im Kunst- und Kulturbereich mit feministischen Themen und Pornokritiken auseinandersetzt und zusätzlich Workshops zu sexueller Bildung gibt – war von ihrem anfangs eher diffusen Wissen überrascht und hat daher einen Blick in die Tiefe der weiblichen Anatomie gewagt und ausgiebig recherchiert.

Ihr Ziel: Weg vom schambehafteten Tabu hin zu Tatsachen. Herausgekommen ist ein vom MaroVerlag herausgegebenes buntes Heft voller Hardfacts, ergänzt durch persönliche Beobachtungen und herrlich quirlig illustriert von Aisha Franz. Das reiht sich gut ein in andere humoristisch-feministische Werke wie Liv Strömquists "Der Ursprung der Welt" oder oder Katja Klengels "Girlsplaining", die sich ebenfalls mit falschen Begrifflichkeiten und den Leerstellen bei der Beschreibung weiblicher Geschlechtsorgane beschäftigen.
Was: Autorenlesung "Das Jungfernhäutchen gibt es nicht" mit Oliwia Hälterlein

Wann: Sonntag, 25. Oktober, 17 Uhr

Wo: Artik Freiburg
Tickets: 8 Euro über eventbrite.de

Antworten, Aufklärung und Anregungen

Was mancher schlicht als Trend verstehen mag, ist eigentlich nur aus einer bitteren Notwendigkeit heraus geboren: Warum ist dieses fundamentale Basiswissen trotz der Frauenrechtsbewegungen der letzten Jahrzehnte 2020 noch immer nicht im Mainstream verankert? Warum halten sich Mythen zur Jungfräulichkeit auch in einer scheinbar aufgeklärten Gesellschaft so hartnäckig, werden in Schulbüchern und Medien aufgegriffen und teilweise von der Ärzteschaft mitgetragen? Welche Machtstrukturen zeigen sich durch diese Aufrechterhaltung solcher Legenden und vor allem: Was kann man dagegen tun?

Wer Antworten, Aufklärung und Anregungen sucht, ist bei der Lesung am Sonntag bestens aufgehoben. In Kooperation mit dem Slow Club und Salon Riot findet im Artik e.V. um 17 Uhr neben der Vorstellung des Heftes ein offenes Gespräch statt, an dessen Ende das Hymen hoffentlich vom Häutchenhimmel hinab auf dem Boden der Tatsachen steigt und zu dem wird, was es eigentlich ist: Ein Körperteil, wie alle anderen auch.
Tipp: Bei der Aktionswoche aufgeklärt! Im November kann man sich in zahlreichen Workshops weiteres Wissen aneignen und tiefergehend informieren.