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Leonie Bozenhardt von Bildung für alle: Wie geht’s und wie geht’s jetzt weiter?

Gina Kutkat

Wie verbringen die Menschen in Freiburg die Krise? Was macht es mit ihnen und wie lenken sie sich ab? fudder fragt nach. Folge 13: Leonie Bozenhardt vom Verein Bildung für alle e.V. , der Deutschkurse für Geflüchtete anbietet.

Leonie Bozenhardt, 27, hat Soziale Arbeit an der Evangelischen Hochschule in Freiburg studiert. Vor fünf Jahren hat sie den Verein "Bildung für alle e.V." mit aufgebaut und arbeitete erst als Koordinatorin, später als Schulleiterin des ehrenamtlichen Sprachunterrichts. Bildung für alle (BFA) bietet geflüchteten Menschen kostenlos Deutschkurse an und hilft ihnen somit bei der regionalen Integration. Zum 31. Juli 2020 hat Leonie den Verein als Mitarbeiterin verlassen, um sich neuen Aufgaben zu widmen. Sie bleibt ehrenamtliches Mitglied des Aufsichtsrates.

Leonie, wie geht’s dir?

Momentan geht es mir sehr gut und auch in den letzten Monaten ist es mir gut gegangen. Ich fand es natürlich extrem zu beobachten, was gesamtgesellschaftlich auf der Welt passiert. Meine Arbeit für "Bildung für alle" (BFA) hat mir sehr geholfen, gut durch die Krise zu kommen. Wir mussten sehr schnell reagieren und unsere Deutschkurse für Geflüchtete online organisieren – ich bin in einen regelrechten Aktivismus verfallen.

Privat bin ich mehr Fahrrad gefahren und habe viel Zeit mit meinen Mitbewohnern verbracht – wir leben in einer Mehrgenerationen-WG. Durch die viele Zeit und die Entschleunigung habe ich die Menschen um mich herum nochmal auf einer ganz anderen Ebene kennengelernt. Meine Großmutter musste zu Beginn der Krise am Herzen operiert werden und lag auf der Intensiv-Station – das war eine unsichere Zeit für mich und meine Familie. Wir konnten sie nur mit Abstand und Schutzanzug besuchen, das war schon komisch. Mittlerweile ist sie wieder zu Hause und es geht ihr zum Glück gut.

"Ich war überrascht, dass von vielen zunächst gar nicht verstanden wurde, was los ist und warum die Kurse ausfallen müssen."

Wie hast Du den Lockdown erlebt?

Die ersten Tage waren wirklich extrem. Wir wussten, es kommt ein Problem auf uns zu, als wir am 11. März die Entscheidung getroffen haben, die Kurse zu schließen. Das war ein Mittwoch – die nächsten Tage haben wir damit verbracht, zu erklären, was los ist – damit auch wirklich alle Teilnehmer Bescheid wissen. Ich habe noch nie so viel kommuniziert wie in den vergangenen Wochen, das war wirklich krass. Es waren aber sehr schöne Telefonate; die Menschen waren dankbar, dass wir uns die Zeit für sie genommen haben.

Unsere Deutschkurse leben von der Präsenz, vom Austausch, von der Interaktion. "Bildung für alle" ist ein Begegnungsort und für unsere Teilnehmenden ist der Unterricht ein Schritt in Richtung Integration. Für mich war eigentlich klar, dass das online nicht funktionieren kann. Aber wir mussten was machen und wir hatten richtig viel zu tun: Ich hatte einen geregelten Arbeitsalltag, wir haben im Team eng zusammengearbeitet und diese Struktur hat mir gut getan. Ich bin in kein Loch gefallen.
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fudder möchte in dieser Serie junge Menschen aus Freiburg und der Region vorstellen und sie fragen, wie es ihnen in der Krise geht. Dabei möchte die Redaktion einen Querschnitt der Gesellschaft zeigen. Seit Mai stellen wir regelmäßig eine Folge von "Wie geht’s und wie geht’s jetzt weiter?" online.

Übersicht: Alle Folgen von "Wie geht’s und wie geht’s jetzt weiter?"

Wie haben die Geflüchteten reagiert?

Ich war überrascht, dass von vielen zunächst gar nicht verstanden wurde, was los ist und warum die Kurse ausfallen müssen. Ein Drittel unserer Teilnehmenden hat keinen funktionierenden Internetzugang. Teilweise sind die Menschen aus allen Wolken gefallen, als wir es ihnen erklärt haben. Viele leben ziemlich abgeschottet und haben gar nicht mitbekommen, dass Corona nun auch in Deutschland angekommen war. Einige haben wir auch erst gar nicht erreicht. Vor allem, weil sie technisch nicht ausgestattet sind – aber Analphabetismus war auch einer der Gründe. Wir haben 250 Lernende, etwa 60 davon haben kein ausreichendes Internet.

Das sind keine guten Voraussetzungen für Deutschkurse per Zoom, oder?

Wir haben zwei Wochen damit verbracht, alles vorzubereiten. Erstmal ging es darum, abzufragen, wer über welches Endgerät und welchen Zugang verfügt – die meisten haben über ihr Smartphone teilgenommen. Dann musste geklärt werden, welche ehrenamtlichen Deutschlehrer überhaupt bereit sind, Online-Unterricht anzubieten. Manche waren durch Corona mit anderen Dingen beschäftigt oder hatten andere Sorgen. Das waren unsere Notfallmaßnahmen, dann ging es an die mittelfristige Planung.



Welche Auswirkungen hatte die Pandemie auf den Unterricht bei "Bildung für alle"?

Wir haben über Zoom virtuelle Klassenzimmer für die unterschiedlichen Niveaustufen installiert und konnten im April alle Kurse parallel starten. Wir mussten das so niederschwellig wie nötig gestalten, haben zusätzlich Erklärvideos gedreht und zum Beispiel empfohlen, einen ruhigen Ort zum Lernen zu suchen. Eine Teilnehmerin lebt beispielsweise mit ihrer Familie in einer Unterkunft für neuzugewanderte Menschen in einem einzigen Raum – ein ruhige Atmosphäre herrscht dort nicht.

Die Teilnehmenden wurden dann online in Kleingruppen durch jeweils zwei Lehrende unterrichtet. Meine Kollegin Jana Bofinger und ich haben viele Menschen in ihrem Zuhause besucht, um weiterhin die Beziehungen zu pflegen und sie einfach mal zu fragen, wie es ihnen geht. Dieser Satz hat in den vergangenen Monaten zunehmend an Bedeutung gewonnen.

Und wie ist es den geflüchteten Menschen ergangen?

Der Gemütszustand unserer Schülerinnen und Schüler war durchwachsen. Es gab panische Reaktionen aber auch Teilnehmer, die das alles nicht so tangierte. Eine Frau erzählte mir, dass sie eine Woche ihr Zimmer in der Gemeinschaftsunterkunft nicht verlassen hat – aus Angst vor Ansteckung.
Informationen und Kontakt: bfa-freiburg.de

Was hast Du in der Zeit der Pandemie gelernt?

Wenn etwas muss, dann muss es auch gehen. Dass wir so vieles möglich gemacht und auch soviel zurückbekommen haben, hat mich bestärkt. Als Organisation standen wir vor der Herausforderung, Probleme sofort zu lösen. Das kurzfristige Handeln war zwar nicht neu, aber ungewöhnlich für uns. Und wir haben gelernt, kurze Wege zu gehen und unsere Zeit nicht unnötig zu verschwenden. Wir haben für unsere Kommunikation zum Beispiel nur einen einzigen Kanal genutzt, das war Microsoft Teams. Es gab keine Mails, keine Whats-App-Nachrichten.

Wie geht’s jetzt weiter?

Für mich geht es jetzt erstmal in den Urlaub, bei "Bildung für alle" geht es spannend weiter: Unsere Deutschkurse finden endlich wieder als Präsenzunterricht statt. Wir haben ein Gebäude in der Wippertstraße gefunden, das wir kostenlos nutzen dürfen, wir müssen nur die Nebenkosten zahlen. Seit Montag pauken rund 120 geflüchtete Menschen jeweils von 17.30 bis 20 Uhr an vier Abenden der Woche. Das sind Intensivkurse, mit denen nachgeholt wird, was in den letzten Monaten versäumt wurde.

Zwar konnte schon im Juli der Präsenzunterricht beginnen, aber uns fehlten die Räume. Deshalb haben wir Unterricht in Parks, der Lokhalle des Grünhofs, im Rieselfelder Kirchen-Gemeindesaal und Angell-Schulzentrum gegeben. Für den Herbst sind, falls es die Corona-Entwicklung zulässt, wieder die regulären Deutsch-Angebote geplant: An drei Abenden in der Woche sollen die üblichen jeweils eineinhalb Stunden dauernden Kurse stattfinden.

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