Kijong-Dong

Junge Menschen aus Freiburg suchen sich in dieser Performance selbst

Charlotte Wagner

Es ist eine Forschungsreise von zehn jungen Menschen aus Freiburg: In "Kijong Dong", am Samstag im E-Werk zu sehen, stellen sich die Jugendlichen der Frage, was sie sein sollen. fudder hat drei von ihnen interviewt.

Am Samstag tritt die Performance-Gruppe Impala mit ihrem Stück "Kijong Dong" im E-Werk auf. "Kijong Dong" nimmt Bezug auf Kijŏng-dong - ein Dorf nahe der Joint Security Area in der nordkoreanischen Provinz Hwanghae-pukto und eines von zwei Dörfern in der demilitarisierten Zone der koreanischen Halbinsel (DMZ). In der gleichnamigen Tanzperformance stecken viele Themen. fudder hat mit Simeon Ohlsen, Mira Vielberth und Fritzi Luise Münster gesprochen, drei der sechs jungen Performer.


Was bedeutet für euch "Kijong Dong"?

Simeon Ohlsen: Bei "Kijong Dong" handelt es sich um eine Geisterstadt, die nur dazu dient, so zu tun, als wäre alles glänzend, toll, alles super, aber hinter der Fassade ist nichts, alles Attrappe, als gebe es nur eine äußere Wand, die nicht durchbrochen werden soll. Für mich persönlich stellen sich mir in dem Stück die Fragen: Was zeigen wir nach außen und was ist wirklich echt? Ich selbst denke an meine Ziele und Träume, die ich erreiche und sobald ich sie erreiche, erfüllt es mich gar nicht so wie gedacht, auch eine Attrappe, sozusagen.
Mira Vielberth: Bei mir steht etwas Anderes im Fokus: Was sind die Erwartungen von anderen an mich? Wie werde ich dem gerecht? Das Thema Leistungsdruck spielt eine wichtige Rolle in dem Zusammenhang.
Fritzi Luise Münster: Interessant, dass es für euch beide so unterschiedliche Lesarten gibt. Für mich geht es ähnlich wie bei Mira um Fragen, die aus meiner inneren Selbstunsicherheit kommen: Was zeige ich nach außen? Was habe ich für Erwartungen an mich selbst, wie wirke ich nach außen und füge mich in die Gesellschaft ein? Das wird für mich ganz toll sichtbar an uns "Human Machines" im Stück, die wir monotone Aufgaben ausführen und irgendwann ausbrechen, wobei es unterschiedliche Arten von Ausbrüchen gibt.



Mira: Genau, manchmal ist jeder auf seinem Ego-Trip, manchmal ist es aber auch ein kollektiver Ausbruch. Wir wachen auf und sind orientierungslos, aber das bleibt nicht so, sondern wir gehen durch unterschiedliche Situationen und Stimmungen. Das sieht man an den Bewegungen.
Fritzi: Ja, es ist wie ein Prozess: Wir werden erschaffen, dann verfallen wir in monotones Arbeiten, es kommt ein individuelles Ausbrechen und später entwickelt sich ein organisches Kollektivbewusstsein.

Kann für euch Kunst, in diesem Fall der Tanz, der Politik die Stirn bieten?

Simeon: Politik ist sehr von Sprache dominiert. Unser Tanz ist politisch, aber mit anderen Mitteln: Es sind feine Bewegungsqualitäten, die einen anderen Ausdruck gewinnen, es ist eine andere Art damit umzugehen. Und so sehe ich es mit der Kunst: Sie bietet einen Reichtum an unterschiedlichen Qualitäten. Hier dürfen Menschen kreativ werden und lernen, individuell zu sein.

"Was sind die Erwartungen von anderen an mich? Wie werde ich dem gerecht?" Mira Vielberth

Was lernt ihr aus dem Projekt?

Simeon: Ich lerne daraus, mich selbst besser zu kennen. Ich kam später in die Gruppe dazu und habe dadurch einiges Bestehende übernommen, aber dennoch selber mitkreieren dürfen. Und so ist das Projekt auch: Sehr wandelbar und dynamisch; für diese Neuauflage der Produktion sind von den acht Tänzerinnen und Tänzern vier komplett neu dazugekommen. Das Stück ändert sich durch unterschiedlichen Mentalitäten, die unterschiedliche Ideen mitbringen.
Mira: Darum geht es Karolin Stächele, unserer Choreografin auch: Sie hat die Außensicht, hält alles zusammen, macht Vorschläge, vergibt Aufgaben, gibt Inspiration, Themen, Qualitäten, dann entwickeln wir Performerinnen und Performer selbst, werden zu Choreografen und bauen mit durch Paararbeit, individuell, in der Gruppe. Sogar die Musik und die Kostüme haben wir miterarbeitet. Es ist viel Reflektion dabei und es mischt sich ganz viel. Es ist vor allem ein demokratischer Prozess.
Fritzi: Prozess ist das Stichwort: Ich lerne immer noch und immer wieder das Stück und mich kennen und zu verstehen. Das Innerliche taucht auf, es braucht, bis es rauskommt. Ich wache auf und gehe durch verschiedene Stadien, irgendwann kommt dann das Selbstvertrauen: Jetzt kann ich mich anschauen, mich akzeptieren alleine in meiner eigenen Welt bestehen. Das Ende von "Kijong Dong" ist ein offenes, was jeder für sich lesen kann.

"Ich lerne immer noch und immer wieder das Stück und mich kennen und zu verstehen." Fritzi Luise Münster
Mira: Gerade am Anfang gab es eine Trennung zwischen dem Körperlichen und dem theoretischen Thema, dem Konzept, denn irgendwie muss man auch die Bewegungen lernen, sie sind erst einmal etwas Technisches. Dann aber kommt der Punkt, dass ich die Bewegungen gelernt habe und das ist der Punkt, an dem es nur noch Spaß macht: Ich bin voll drin, tauche total ab, es erscheint mir fast surreal, ich vergesse die Zeit.
Das Projekt

Die Choreografin Karolin Stächele arbeitet in vielen ihrer Tanzperformances mit semiprofessionellen Laien. Bei "Kijong Dong" stehen acht junge Menschen zwischen 18 und 35 Jahren auf der Bühne. Das Tanzstück "Kijong-Dong" ist 2018 im Rahmen des JugendKunstParkour Freiburg entstanden. 2018 erstaufgeführt, 2019 zu einem abendfüllenden Tanzstück weiterentwickelt und 2020 in neuer Besetzung neu inszeniert. Wer Interesse daran hat, mitzumachen, wendet sich an: k_staechele@gmx.de

  • Was: Tanzperformance "Kijong Dong"
  • Wann: Samstag, 14. März, 20 Uhr
  • Wo: E-Werk Freiburg, Saal
  • Eintritt: 12 Euro, 9 Euro ermäßigt

Mehr zum Thema: