Neues SC-Stadion

In der Fußballkneipe: Ein Nachmittag im Mooswälder "Bierbrunnen"

Florian Schmieder

Mit dem Sportclub ziehen auch die Fans aus Littenweiler in den Freiburger Nordwesten um. Doch wie schaut sich der Fußball dort, wenn man es nicht ins Stadion schafft? Ein fudder-Besuch im Mooswälder Bierbrunnen.

Leichter Nieselregen fällt, graue Wolken hängen dicht über dem Seepark. Trotz des bescheidenen Wetters fahren erstaunlich viele Radfahrerinnen und Radfahrer Richtung Norden, vorbei an den vielen Reihenhäusern mit kleinen Vorgärten, die diesen Stadtteil zieren. Als sie vorbei sind, sieht man vereinzelte rot-schwarze Schals im Fahrtwind wehen.

Sie sind auf dem Weg zum neuen Stadion am Mooswald, zum ersten ausverkauften Heimspiel des Sportclubs in der neuen Heimat. Während viele bereits Stunden vor Spielbeginn dorthin pilgern, machen einige einen kleinen Schlenker zum Bierbrunnen, neben dem Bowlingpark die einzige Kneipe mit Sky-Übertragung im Mooswald.

Heimat am Samstag

Bereits seit 11 Uhr sind hier Fußballfans zugegen, stimmen sich in der neuen Umgebung auf das bevorstehende Heimspiel ein. Durch den Umzug des Sportclubs herrscht deutlich mehr Betrieb in der Gaststätte mit der großen runden Theke. Der 2014 gegründete Fanclub, der tatsächlich auf den spartanischen Namen "SC-Fanclub Freiburg-Mooswald" hört, hat hier seine allsamstägliche Heimat und füllt bereits früh vor dem Spiel den eigenen Stammtisch.

Gegen 15 Uhr – eine halbe Stunde vor Anpfiff der Partie gegen Fürth – werden von einigen die Gläser geleert, Schals umgeschwungen und gen Mooswaldstadion aufgebrochen. Zurück bleiben jene, die für dieses erste vollbesetzte Heimspiel des SC keine Karte ergattern konnten oder wollten. Zum Zweitligaspiel zwischen Hannover und Aue, das noch auf den vier Bildschirmen läuft, bestellen sich die anderen nochmal eine Stärkung in Form von Schnitzel mit Brot oder großem Salatteller.

Vor Spielstart

Dann wird endlich auf das Einzelspiel umgeschaltet, zum ersten Mal flackern Bilder des neuen Stadions mit vollbesetzten Rängen über die Fernseher. Ein Interview von Christian Streich mit klassischen Antworten des Trainers wird jovial belacht, noch einmal letzte Ergebnistipps ausgetauscht, gerne auch mal etwas überschwänglicher: "Ä 5:1 wird’s heut." Ein älterer Mann vom Stammtisch muss dann doch nochmal Feinjustierung betreiben, er fragt an der Theke nach der Fernbedienung, um den TV etwas lauter zu schalten.

Die Mannschaften im 900 Meter entfernten Stadion laufen gerade ein, da ertönt im Bierbrunnen plötzlich ein Jagdhorn, gefolgt von der intonierten ersten Strophe des Badnerlieds. Der Fanclub zeigt deutlich, wer hier eigentlich Zuhause ist. Dann der Anpfiff, die Anfangsminuten werden noch verhalten beobachtet. Der erste Freiburger Torschuss wird ebenfalls lediglich von einem langen "Heeeey" begleitet.
"Machsch ma grad ä Colamix, ä Obstler und ä Wurschdsalad?"

Das erste Tor des Tages reißt die Anwesenden dann aus ihrem Bann. Doch neben der Freude über das Führungstor mischt sich vor allem auch Unverständnis auf die Gesichter der Fans, Hände werden an den Kopf geschlagen. Der Grund: Fürths Innenverteidiger hat den Ball ohne Bedrängnis aus sieben Meter in den eigenen Winkel geköpft. Ungläubig fragt der Nebenmann "War der jetzt im Tor?". Doch das Tor hat wachgerüttelt, die folgenden Angriffe werden vermehrt kommentiert und mit dem Horn erneut zur Attacke geblasen. Das führt schließlich auch zum 2:0 der Freiburger, wieder etwas kurios entstanden. Der Jubel im Bierbrunnen ist jedoch deutlich frenetischer.

Halbzeit

Die Halbzeitpause wird schließlich von einem Großteil der Kneipe zum Griff zur Zigarettenschachtel genutzt oder einfach um frische Luft zu schnappen, wenn auch das Spiel bisher eigentlich nicht für einen großartigen Anstieg des Stresslevels gesorgt haben sollte. Trotz der Nähe ist das Stadion von hier aus erstaunlicherweise nicht zu hören. Mit Wiederanpfiff kommt auch ein neuer Thekennachbar hinzu, das bisherige Spiel besprochen. Um die kommenden 45 Minuten zu überstehen, wird aber direkt das Happy Meal der Fußballkneipe bestellt: "Machsch ma grad ä Colamix, ä Obstler und ä Wurschdsalad?"

"Typisch Freiburg"

Für die ersten großen Emotionen der zweiten Halbzeit sorgt ein unschönes Ereignis, der Freiburger Schade trifft den Fürther Verteidiger sehr unglücklich, aber auch hart am Knöchel. Die Zeitlupenaufnahmen sorgen für kollektives Aufstöhnen, verbunden mit allerlei medizinischen Prognosen über die Zukunft des Spielers. Der baldige Anschlusstreffer der Fürther wird mit einem nüchternen "Typisch Freiburg" kommentiert, der Stimmung tut das Gegentor aber keinen großen Abbruch. Denn nur fünf Minuten später trifft Grifo per Elfmeter zum entscheidenden 3:1, was für überschwänglichen Jubel im Bierbrunnen sorgt, bei dem auch die Fanfare wieder erklingt. Diese Gefühlslage trägt sich bis zum Schlusspfiff, der wieder durch Horngebläse und das Badnerlied quittiert wird, diesmal gesellt sich gar eine Trillerpfeife hinzu.

Ungewohnte Träume

Wie für alle Freiburger, die den Sportclub im Herzen tragen, ist es ein ungewohnter, aber wunderschöner Fußballnachmittag. Der SC ist nach zehn Spielen noch ungeschlagen auf dem dritten Rang, nächste Woche geht es gegen Tabellenführer Bayern München. "Jetzt sin’s fünf Punkte uf Leverkuse, gell", wird der Vorsprung auf den vierten Platz beschrieben, was der Sitznachbar mit einem "Da wird scho mit de Meisterschaft g"rechnet." kontert. Ungewohnte Träume in Freiburgs Nordwesten, wo sich etwa eine halbe Stunde nach Abpfiff wieder die ersten Stadiongänger zu Bier und Absacker einfinden. Dieser Flecken Mooswald ist bereit, dem Sportclub und seinen Fans eine neue Heimat zu geben.

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