Workshop

Ich bin keine Rassistin, oder?

Lisa Discher

Diese Frage konnten sich Teilnehmende eines Workshops beim Kunstverein Freiburg stellen. Beim Anti-Rassismus Workshop ging es um Privilegien weißer Menschen und wie diese hinterfragt werden können.

Es ist Samstagnachmittag, 14 Uhr. Ich sitze vor einem Zoom-Bildschirm, der mir sagt "Bitte warten, der Meeting-Moderator lässt Sie in Kürze eintreten." Schwarz auf weiß, fragt mich die Zeile drunter: "Ich bin kein/e Rassist*in! Oder?" Der Bildschirm wird kurz dunkel, nach und nach erscheinen 13 Menschen, quadratisch aneinandergereiht – man kennt's.

Während gefragt wird, ob man sich versteht – man kennt's – habe ich ein bisschen Schiss, dass die Antwort auf die Frage des Tages, am Ende ein "Doch" sein wird. Der Kunstverein Freiburg hat zum Anti-Rassismus Workshop eingeladen, da in der laufenden Ausstellung "Kontamination", Rassismus thematisiert wird. "Um dagegen vorzugehen, könnte ein Bewusstsein der eigenen Verstrickungen in Unterdrückungssysteme produktiver sein, als das Streben nach individueller 'Reinheit' oder Unschuld," so Heinrich Dietz, Direktor des Freiburger Kunstvereins. Die zwei Moderierenden sind Jordan Schwarz und Rebecca Renz. Gekonnt führen sie durch drei Stunden Rassismus und liefern den theoretischen Input: Wofür steht eigentlich BIPoC (Black, Indigenous People of Color)? Woher kommt Rassismus überhaupt? Was ist der Zusammenhang von Rassismus und Kolonialisierung? Wo liegt das Problem mit "Woher kommst du denn eigentlich wirklich?".

Auch bei BIPoC sind politische Einstellungen divers

Die Antwort: Viele BIPoC leben schon seit mehreren Generationen in Deutschland und die Frage bringt die Vermutung zum Ausdruck, dass Schwarze Menschen nicht auch deutsch sein könnten, oder ihnen das Gefühl gibt, nicht dazuzugehören. Es gibt aber auch Menschen, die nicht in Deutschland geboren wurden und für die diese Frage laut eigener Aussage kein Problem darstellt. Es muss also immer beachtet werden, dass (politische) Einstellungen und Meinungen bei BIPoC genauso divers sind, wie bei allen Menschen. Es gibt nicht wenige Momente, an denen ich kurz innehalten muss und denke, dass ich verdammt privilegiert bin, um genau zu sein, 64 Prozent privilegiert. Das hat zumindest der Test ergeben, den wir Teilnehmenden anonymisiert durchgeführt haben. Die Zahl gibt nur eine Richtung an, aber mir wird vor Augen geführt, wie es mir im Vergleich zu anderen Menschen der Gesellschaft geht.

Das Frau-Sein zieht mich verständlicherweise in die niederen Ränge, aber ich wurde noch nie aufgrund meiner Hautfarbe benachteiligt. Es fängt im Kleinen an: Es gibt Pflaster in meiner Hautfarbe, Strumpfhosen in meiner Hautfarbe, Make-Up in meiner Hautfarbe, mir wurde nie eine Wohnung verwehrt, weil ich weiß bin. Bei Polizeikontrollen werde ich nicht mal ansatzweise in Erwägung gezogen. Niemand fragt, ob er meine Haare anfassen dürfe und ob ich jemals Sonnenbrand bekäme. Aber BIPoC erfahren Rassismus – nicht nur in den USA – auch in Deutschland. Es geht im Workshop aber nicht um Rassismuserfahrungen einzelner, es geht darum, was man dagegen tun kann und dass man ein Bewusstsein für rassistisches Handeln entwickelt.

Es geht um Selbstreflektion und Rassismuskritik

Der Workshop hat nicht zum Ziel, den Teilnehmenden vor Augen zu führen, sie seien rassistisch. Vielmehr standen Selbstreflektion und Rassismuskritik im Fokus des Nachmittags. Gerade dann, wenn einem klar wird, dass man eben als weißer Mensch in einer weißen Gesellschaft lebt und dadurch mehr Privilegien erfährt als andere. Die Stichworte? Hinterfragen, wieso weiß die Norm ist und sein Wissen darüber zu vertiefen, wie man als Verbündete oder Verbündeter (Ally) im Kampf gegen Rassismus handeln könne.

Aber, was ist eigentlich weiß? Weiß, das sind die Menschen, die seltenst eine Benennung oder Markierung ihrer Hautfarbe erfahren, erklärt die Moderatorin. Sie sagt auch, dass die Bezeichnungen weiß, Schwarz und BIPoC keine Hautfarbenbezeichnungen darstellten, sondern, dass das politische Begriffe seien und vielmehr einen "gesellschaftspolitischen Standpunkt in der Gesellschaft, verschiedene Erfahrungen und Strukturen beschreiben". Der Begriff weiß referiere auf eine Machtposition, insoweit, als dass Weiß-Sein, Dominanz innerhalb der Machtverhältnisse der Gesellschaft formuliere. "Weiß-Sein ist eine dominante und privilegierte Position, die nicht oft benannt wird und als Norm gar nicht in den Diskurs gerät," fügt die Moderatorin hinzu. Es gehe um konstruierte Identitätskonzepte, die noch aus der Zeit der Kolonialisierung stammen, in welcher weiß nämlich die Norm und alle, die von dieser abwichen, als "die Anderen" markiert würden, sagt der Moderator. Dass es keine "Menschenrassen" gäbe, das wüssten wir alle.

Hört auf in Kategorien zu denken!

Wieso Rassismus dann noch so ein riesiges Phänomen sei, liege daran, dass viel Rassistisches von der Gesellschaft oft nicht als solches erkannt wird. Ich erfahre, dass Rassismus auf verschiedenen Ebenen stattfindet. Rassismus sei ein System, das vielschichtige Aspekte verbindet. Sie bedingten sich gegenseitig, seien historisch gewachsen und beträfen People of Color noch heute. Also, was tun? Wie handle ich richtig?

Ich kann beispielsweise meine Privilegien nutzen, um Verbündete der Menschen zu werden, die benachteiligt sind. Ich kann BIPoC-Organisationen unterstützen, Aufmerksamkeit generieren, Bewusstsein schaffen. Ich kann mich informieren, Bücher lesen oder eben an einem Workshop am Samstagnachmittag teilnehmen. Vor allem aber, kann ich aufhören in Kategorien zu denken, nur weil Menschen unterschiedlich aussehen – sich nicht im Glauben wiegen, alles sei gut, nur weil ich selbst keinen Rassismus erfahre und erlebe. Und um zur Antwort auf die Eingangsfrage zurück zukommen: Rassismus betrifft jedes Individuum in unserer Gesellschaft. Jedoch betrifft es People of Color in negativer Art und Weise und weiße Menschen profitieren davon. Am Ende liegt es aber an jedem und jeder selbst, sich zu fragen: Ich bin kein/e Rassist*in? Oder?
Anmerkungen: "Schwarz" wird groß geschrieben und "weiß" kursiv dargestellt, um die Begriffe als gesellschaftspolitische Begriffe zu kennzeichnen.